Toccata 06/2022

John Coprario - Nachahmer oder genialer Parodist? Bis zum Ende des 15. Jahrhunderts bestand die notierte Musikkultur auschließlich aus sakraler Vokalmusik, aber so langsam regte sich in dieser Zeit auch das Interesse an rein instrumentalen musikalischen Vorträgen. Zunächst oblag es vornehmlich den Lautenisten und Organisten, dieses Bedürfnis zu befriedigen, indem sie auf ihren Instrumenten improvisierten, oft auch über überlieferte Gesangsnummern. Erst im Laufe des 16. Jahrhunderts griffen auch die entstehenden instrumentalen Ensembles jener Zeit auf diese Praxis zurück und brachten Vokalkompositionen zur Aufführung, in denen schlichtweg die gesungenen Texte weggelassen wurden. Nach und nach entstanden dann originale Kompositionen ohne jeden Textbezug. Zur Lebens- und Schaffenszeit des englischen Komponisten John Cooper (ca.1570-1626), der seinen Namen in John Corario (quasi als Künstlername) italianisierte, war die italienische Kunst - insbesondere die der Musik - mächtig angesagt. Er fertigte unter seinem eigenen Namen Transkriptionen von mehr als fünfzig italienischen Madrigalen für Gambenkonsort an. Dabei setzte Coprario nicht nur eine bereits etablierte Tradition fort, sondern trachtete danach, die instrumentalen Möglichkeiten im mehrstimmigen Satz voll auszuschöpfen und durch eigene musikalische Ideen zu bereichern. Hierbei sah er sich vermutlich nicht nur als Epigone der von ihm verehrten Madrigalkomponisten Luca Marenzio, Alfonso Ferrabosco, Orazio Vecchi und Claudio Monteverdi, deren bekannte Werke er unter den Titeln “Fantasien” bearbeitete. Für die Musikwissenschaft gilt Coprario daher als Pionier der instrumentalen Ensemblemusik. Eine wunderschöne Auswahl von Coprarios Fantasien hat nun das (vokale) Pluto-Ensemble unter der Leitung von Marnix De Cat mit dem Hathor (Gamben-) Consort unter Romina Lischka als ihr drittes CD-Projekt bei Ramée veröffentlicht. Das Bestechende dieser Neuaufnahme liegt in der sinnfälligen Gegenüberstellung der vokalen Originalwerke und ihrer instrumentalen Arrangements. Ausgesprochen reizvoll ist auch die programmatische Einbeziehung von Instrumentalbearbeitungen von Coprarios zeitgenössischen Kollegen John Ward (1571-1638), Thomas Lupo (1571-1638) Richard Mico (1590-1661) und Thomas Morley (1557/58-1602). Die beiden bestens aufeinander eingespielten Ensembles Pluto & Hathor schaffen das Kunststück, dem Original sowie auch dessen Bearbeitung, ein ganz individuelles “Gesicht” zu geben und somit die Kompositionen als eigenständige Kunstwerke hörbar zu machen. Es ist eine große Freude mitzuerleben, wie einerseits die jeweiligen Musikstücke ineinander fließen und wie sich andererseits die herausragenden Instrumentalisten mit den präzise artikulierenden Vokalisten zu einem einheitlichen Klangbild zusammen fügen. Wolfgang Reihing John Coprario - Parrot or Ingenious Parodist?, Fantasias by Ferrabosco, Palestrina, Marenzio, Monteverdi, De Maque, Vecchi. Pluto-Ensemble, Marnix De Cat, Hathor Consort, Romina Lischka. Ramée, RAM 2107. Aufnahme: November 2020, !& © 2022 (1 CD). CD DES MONATS DEZEMBER 2022 Platte des Monats CD of the month Foto: Marnix de Cat

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