Toccata 06/2022

W.A. Mozart & Grétry: Bühne und Musik Der Dirigent, Cellist und Literaturwissenschaftler Martin Wåhlberg ist seit der Gründung des Orkester Nord (früher Trondheim Barokk) im Jahre 2009 so etwas wie der Tausendsassa der skandinavischen Alte-Musik-Szene. Neben seinen musikalischen Studien zur nordeuropäischen Kunstmusik, hat er ein großes Faible für französische Literatur und Musik des 18. Jahrhunderts entwickelt. 2019 fand dies bereits Ausdruck in einer viel beachteten Gesamtaufnahme der Opéra-comique “Raoul Barbe Bleue” von André-Ernest-Modeste Grétry (1741-1813) beim Label Aparte. Auch auf seiner neuen CD-Veröffentlichung steht ein bedeutendes Werk von Grétry im Mittelpunkt: Diesmal sind es acht Theatermusiken aus seinem Ballethéroïque „Céphale et Procris“, die Wåhlberg zu einer Suite zusammen gestellt hat. Weil ihn besonders der Einfluss französischer Opernkultur auf die europäische Instrumentalmusik des 18. Jahrhunderts interessiert - im Speziellen als Inspriationsquelle für Wolfgang Amadeus Mozart - hat Wåhlberg die Grétry-Suite mit Mozarts berühmter g-moll Sinfonie Nr. 25 und einer Suite aus vier Schauspielmusiken von dessen “Thamos, König von Ägypten” eingerahmt. Das macht durchaus Sinn und demonstriert auf eindrückliche Weise, wie stark die klassische Orchestermusik noch von der Opernmusik beeinflusst war. Dies sollte sich erst an der Schwelle zum 19. Jahrthunderts ändern, da sich zunehmend eigenständigere Formen entwickelten. Im Prinzip ging es darum - eben wie in der Opéra-comique - Leichtes mit Ernstem und Dramatisches mit Lyrischem zu verbinden. Dies wird vom relativ groß besetzten Orkester Nord und Martin Wåhlberg extrem und exemplarisch heraus gearbeitet: Die Fagotte sind gleich vierfach besetzt, die Blechbläsergruppe zu scharfer bis agressiver Spielweise angehalten und der Orchesterklang durch den Einsatzes eines Hammerklavieres bereichert. Wåhlberg erzeugt so wirklich einen eigenen, rauen Klang mit hochdramatischem, expressivem Ausdruck mit hohem Tempo. Bei Mozarts g-moll Sinfonie ging mir das oft zu weit, zumal diese Hochdruck-Interpretation hier oft auf Kosten von Transparenz und Intonation geht. Das passte für mich bei der Grétry-Suite und “Thamos” deutlich besser, vielleicht weil hier die Musik in unmittelbarem Bezug zu einem Bühnengeschenen steht. Eine ausnehmend packende und kurzweilige “tour de force”. Wolfgang Reihing Mozart - Grétry 1773. Orkester Nord, Martin Wåhlberg. Aparte, AP 293. Aufnahme: November 2021. !& © 2022 (1 CD). Rekonstuktion einer venezianischen Weihnachtsvesper Auf reproduzierende Künstler wie AlteMusik-Spezialisten übt es oft einen besonderen Reiz aus, verloren gegangene Werke früherer Jahrhunderte nach den Praktiken - in diesem Fall des Frühbarock - zu rekonstruieren. Es muss Andrea Marcons Fantasie beflügelt haben, programmatisch eine venezianische Weihnachtsvesper zusammen zu stellen, als wäre er der „Maestro di Capella di San Marco" namens Claudio Monteverdi (1567-1643), der in seiner drei Jahrzehnte währenden Tätigkeit an der Hauptkirche in Venedig wirkte und dort für die musikalische Ausgestaltung der großen kirchlichen Feiertage zuständig war. Wie wir wissen, erklang am Vorabend des 1. Weihnachtsfeiertags im Markusdom eine Vesper aus Monteverdis Feder, die leider nicht überliefert ist, mit der tradierten Abfolge von Instrumentalteil, Psalm, Antifon und Magnificat. So können wir uns nun glücklich schätzen, diese imaginäre Weihnachtsvesper auf der brandaktuellen Neuerscheinung beim Label Deutsche Grammophon zu erleben, in der Interpretation des La Cetra Barockorchester & Vokalensemble Basel unter der Leitung von Andrea Marcon und Carlos Federico Sepúlveda (Chor). Wir hören Ausschnitte aus Monteverdis Marienvesper, dessen achtstimmiges Magnificat sowie Psalmen aus der Sammlung geistlicher Vokalwerke "Selva Morale e spirituale". Ergänzend sind Motetten von Alessandro Grandi und Giovanni Valentini eingefügt, außerdem Orgelwerke von Giovanni Gabrieli und Francesco Usper, allesamt langjährige Kirchenmusiker an San Marco. Andrea Marcon hat mit seinem 24-köpfigen Chor, fünf Vokalsolisten, Streichern, vier Posaunen, zwei Zinken, zwei Theorben und einem Orgelpositiv einen prachtvollen Klang in Sinn. Durch die Hinzunahme einer modernen großen mitteltönigen Orgel nach venezianischem Vorbild, wie sie am Aufnahmeort im Museo Santa Caterina in Treviso zu finden war, entsteht ein großes, dynamisches Klangbild, quasi á la San Marco. Ich muss zugeben, dass ich mich an diesen üppigen Klang erst gewöhnen musste. Verfolgt diese Aufnahme doch den entgegen gesetzten Ansatz zur weit verbreiteten Praxis solistisch besetzter, kammermusikalischer Aufführungen. Aber das macht es für mich auch spannend, die verschiedensten Strömungen in der Alten Musik zu verfolgenund zu vergleichen, die in den letzten 25 Jahren aufgekommen sind. Die ausführenden Musiker sind in ihrer Qualität über jeden Zweifel erhaben: Sie lassen sich ganz auf diese herrliche Musik ein, Chor und Solisten huldigen einem warmen, opulenten Klangideal bei gleichzeitiger Klarheit und Transparenz. Die Bläsergruppen fügen sich harmonisch ein und unterstützen den festlichen Charakter dieser göttlichen Musik. Die große Orgel aber gibt der feierlichen Grundstimmung das geeignete Fundament. Wolfgang Reihing Claudio Monteverdi: Vespro di Natale - Christmas Vesper. La Cetra Barockorchester & Vokalensemble Basel, Andrea Marcon. Deutsche Grammophon, DG 486 2977. Aufnahme: August 2021. !& © 2022 (2 CD). Ein Fest der Minnesangs Der international gefragte Countertenor Paulin Bündgen ist regelmäßiger Gast bei renommierten AlteMusik-Ensembles wie z.B. Cappella Mediterranea, Doulce Mémoire, Concert Spirituel u.a. Seit dem Jahre 1999 erforscht er mit seinem eigenen Ensemble Céladon das reiche Erbe der Alten Musik vom Mittelalter bis zum Barock. Durch Bündgens Kontakte zu Komponisten zeitgenössischer Musik entstanden zwei innovative Konzert- und Aufnahmeprojekte mit Michael Nyman und Kyrie Kristmanson. Aus der beeindruckenden Diskographie des Ensemble Céladon stechen aber vor allem Einspielungen mit Liedern des frühen Mittelalters hervor. Im Jahre 2014 erschien beim Label Ricercar unter dem Titel "Okzitanische Nächte" eine poetisch-faszinierende Sammlung mit Liebesliedern der südfranzösischen Trobadors, die von Schönheit, Mut und Abschied handeln; allen gemein ist der Bezug zu einer angebeteten Frau. Mit seiner gerade eben erschienenen Neuseinspielung bei Ricercar "Under der Linden", legt das Ensemble Céladon quasi eine Fortsetzung der "Okzitanische Nächte" vor, indem es den Einfluss der Trobadors (und später der nordfranzösischen Trouvères) auf die Enstehung des deutschen Minnesangs sinnlich erfahrbar macht. Die CD vereint Spruchgesänge von Konrad von Würzburg (1220-1287), Heinrich von Meissen (12501318), Bruder Wernher (1225-1250), Dietmar von Aist (1115-1171), Tanhäuser (1230-1265) und last not least vom berühmten Walther von der Vogelweide (11701230). Diese Minnesänger waren in der Regel von adligem und ritterlichem Geblüt und lösten sich zunehmend von ihren französischen Vorbildern. Im Laufe des 13. Jahrhunderts entwickelten sie ihre eigenen Stile und Formen, was die vorliegende CD vorbildlich zu Gehör bringt. Die beiden sehr natürlichen und klangschönen Stimmen von Paulin Bündgen (Countertenor) und Clara Coutouly (Sopran) bilden das Herz dieser wundervollen Aufnahme. Eine sparsame aber umso wirkungsvollere Instrumentalbegleitung durch Organetto, Fidel, Laute und Flöte betont die poetische Kraft der vorgetragenen mittelhochdeutschen Liebeslyrik, manchmal mit leicht klagendem Ton, manchmal mit hintergründigem Humor. Die Leichtigkeit und Spontanität des musikalischen Ausdrucks lässt die gut 800 Jahre, die zwischen uns heutigen Hörern und der Entstehungszeit des Minnesangs liegen, glatt vergessen machen. Wolfgang Reihing Under der Linden - Gesänge der Minnesänger. Ensemble Céladon, Paulin Bündgen. Ricercar, RIC 447. Aufnahme: April 2022. !& © 2022 (1 CD). Quirlige Kavalierstour nach Venedig Gleich das einleitende Allegro von Francesco Mario Veracinis Ouvertüre Nr. 6 in g-moll wirbelt uns hinein in die neue CD des Ensemble Zefiro bei dsssem langjährigen Hauslabel Arcana. Ganz so, als würde uns der (Ensemble-) namensgebende griechische Gott der Westwinde "Zephyr" am Schopfe packen. Mit hörbarer Lust wendet sich (der von der Oboe aus) leitende Alfredo Bernardini in seiner neuen Produktion "Grand Tour a Venezia" wieder seinem Kernrepertoire zu und konfrontiert uns mit italienischen Komponisten, die im französischen (oder gemischten) Stil schrieben und deutschen Komponisten, die sich am italienischen Stil schulten. Dresden war im 18. Jahrhundert unter August dem Starken "die" führende Kunst- und Musikstadt in deutschen Landen und zog daher viele herausragende Komponisten und Musiker an, die die Dresdner Hofkapelle zur einer singulären Orchesterformation prägten. Als der 19-jährige sächsische Kurfürstliche Prinz Friedrich August II auf seine (in Adelskreisen) übliche "Kavalierstour" geschickt wurde, um "die Welt kennen zu lernen", weilte er im Jahre 1719 ein halbes Jahr in Venedig. Da er sich ohnehin mehr für Kunst und Musik als für die Diplomatie interessierte, nahm er einige großartige Musiker gleich mit: Z.B. den Geiger Johann Georg Pisendel, den Oboisten Johann Christian Richter und den Komponisten Jan Dismas Zelenka (unter August I. zuständig für die geistliche Musik am Dresdner Hof). In Venedig entstand umgehend ein kreativer Austausch mit den dort ansässigen komponierenden Musikern. Daraus ergab sich, dass Antonio Lotti und Francesco Maria Veracini eine kurze Zeit in Dresden verflichtet wurden. Der "Wahl-Venezianer" Johann David Heinichen wurde noch in Venedig von TOCCATA - 122/2022 CD-TIPPS 18

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