Toccata 06/2022

Friedrich August II. abgeworben und zum Leiter der Dresdner Hofkapelle ernannt wurde. Von allen oben genannten Komponisten finden sich auf der vorliegenden CD je ein handverlesenes Konzert oder eine Ouvertüre, meist mit maßgeblicher Beteiligung einer Oboe, wen wundert's. Den Abschluss der abwechslungsreichen und farbenfrohen Aufnahme bildet ein echter "Ohrwurm", das bekannte "Concerto per l'orchestra di Dresda" RV577 von Antonio Vivaldi. Alfredo Bernardini und sein Ensemble Zefiro sind mit diesen Stücken ganz in ihrem Element und trumpfen wie gewohnt spritzig-elegant auf. Die exquisiten Musiker begeistern durch ihre ausgesprochen temperamentvolle Spielfreude und machen jedes einzelne Werk zu einem erlesenen Kleinod. Wolfgang Reihing Grand Tour a Venezia - Heinichen, Lotti, Pisendel, Veracini, Vivaldi, Zelenka. Zefiro, Alfredo Bernardini. Arcana, A 534. Aufnahme: Mai 2021. !& © 2022 (1 CD). Gesualdo Six huldigt seinem Namensgeber Die im Frühjahr d.J. veröffentlichte Hyperion-Aufnahme des englischen Vokalensembles “The Gesualdo Six” mit Carlo Gesualdos 'Tenebrae Responsorien' zu Gründonnerstag soll im zuende gehenden Jahr 2022 noch gewürdigt werden, obwohl bereits seit September die brandaktuelle CD “Lux Aeterna” vorliegt. Immerhin handelt es sich bei diesem Repertoire um eine initialen “Gründungsmythos”: Formierte sich die Gruppe doch im März 2014 anlässlich einer geplanten Aufführung eben jener Responsorien in der Kapelle des Trinity College in Cambridge. Nach acht äußerst erfolgreichen Jahren mit internationalen Tourneen und regelmäßigen CD-Produktionen beim Stammlabel Hyperion war es wohl dem künstlerischen Leiter Owain Park (Komponist, Dirigent, Sänger und Organist) ein großes Anliegen, dem Namengründer des Ensembles einmal eine komplette Einspielung zu widmen, und das ist mehr als angemessen. Während es von Gesualdos Madrigalen zahlreiche Aufnahmen gibt, ist das Angebot bei dessen 1611 veröffentlichten Tenebrae-Responsorien überschaubar. Vielleicht liegt das auch daran, dass Gesualdos dramatischgehaltvoller Beitrag zum geistlichen Repertoire der Karwoche besonders hohe Ansprüche an die Interpreten stellt. Die Komposition ist ganz im Stil geistlicher Madrigale gehalten und enthält ungewöhnlich scharfe Dissonanzen und chromatische Besonderheiten, die vor allem dazu dienen sollen, einen geheimnisvollen Hell-DunkelEffekt zu erzeugen. Dieser anspruchsvollen Musik ist “The Gesualdo Six” mehr als gewachsen: Die verschlungenen melodischen Linien der Gründonnerstags-Responsorien werden von den sechs Vokalisten mit großer Innigkeit und Klarheit nachgebildet und es ist wohltuend, dass die Expressivität der Musik hier nicht überbetont wird (wie z.B. bei der Gesamtaufnahme durch Graindelavoix). Sie wird aber auch nicht eingeebent, wie das zum Teil bei Herreweghes Zyklus der Tenebare der Fall war. Bei aller Berechtigung der beiden unterschiedlichen Herangehensweisen: Bildet Gesualdo Six' Aufnahme nun also die "Goldene Mitte"? Entscheiden Sie selbst! Bevor Gesualdos Meisterwerk erklingt, hören wir einleitend eine feingliedrige Interpretation von Thomas Tallis’ "Klageliedern des Jeremias", die sinnfällig auf das Kommende einstimmen. Dazwischen hat Owain Park die Motette “Watch with me" von Judith Bingham (*1952) eingefügt - das Auftragswerk "Christus factus est" von Joanna Ward (*1998) bildet den Abschluss dieser klug programmierten Einspielung. Beide Kompositionen beziehen sich auf unterschiedliche Weise auf die Kunst der Renaissance-Polyphonie und setzen stimmungsvolle Kontraste. Eine überzeugende Referenzaufnahme! Wolfgang Reihing Gesualdo: Tenebrae Responsories for Maudy Thursday. The Gesualdo Six, Owain Park. Hyperion, CDA 68348. Aufnahme: August 2020. !& © 2022 (1 CD). Vivaldis titellose Kurzoper Während Antonio Vivaldis kammermusikalische Kompositionen und zahlreichen Konzerte einerseits gut erhalten und andererseits bestens erforscht sind, gibt es bei dessen Vokalwerken doch so einige Leerstellen. Viele sind schlichtweg nicht mehr erhalten, andere nur teilweise, so dass uns hier erst aufwändige Rekonstruktionen einen Eindruck vom Opernkomponisten Vivaldi ermöglichen. Immerhin sind auch drei "Mini-Opern" überliefert, die unter der Bezeichnung "Serenata" ein eigenes Genre bilden, angesiedelt zwischen Kammerkantate, Oratorium und Oper. Sie wurde aber nicht auf der Opernbühne, sondern in privatem Rahmen konzertant aufgeführt, idealerweise im Freien und unter "klarem Himmel" (italiensch "cielo sereno"), oft als musikalisches Programm einer Hochzeitsfeier oder einem vergleichbar opulenten "Event". Nun hat der italienische Vivaldi-Spezialist Federico Maria Sardelli mit seinem Ensemble Modo Antiquo und drei ausgezeichneten Vokalsolisten eine der drei Kurzopern, die titellose Serenata RV 690 der Vergessenheit entrissen: Auf dem Label Glossa ist soeben eine vergnüglich-leidenschaftliche Aufnahme des musikalischen Schäferspiels heraus gekommen, die vom vergeblichen Liebeswerben der Nymphe Eurilla und dessen unversöhnlichem Ende handelt. Dies ergibt keine richtige Handlung, aber eine gute Gelegenheit für Antono Vivaldi, fantasievolle Arien und Duette unterzubringen, einschließlich einem abschließenden als Chor agierenden dramatischen Terzett. Federico Maria Sardelli spornt seine Instrumentalisten zu rythmisch-pointiertem sowie elegant-federndem Spiel an, so dass es eine wahre Freude darstellt, den meist harmlosen Verwicklungen zu folgen. Die flexiblen Sopranstimmen von Elisabeth Breuer und Sonia Tedla begeistern als intrigantes Nymphenpaar Eurilla & Nice durch Finesse und hintergründigem Charme. Tenor Alessio Tosi muss sich als bedrängter Hirte Alcindo mit einigen wunderschönen, souverän gestalteten Arien seiner Haut wehren. Leichtfüssige Abendunterhaltung mit ungewohnt dramatischem Ausgang! Wolfgang Reihing Vivaldi: Serenata a tre RV 690. Modo Antiquo, Federico Maria Sardelli, Elisabeth Breuer, Sonia Tedla, Alessio Tosi. Glossa, GCD 924602 . Aufnahme: August 2021. !& © 2022 (1 CD). Der originale Mozart Mozarts Sonaten wurden in ihrer Gesamtheit immer wieder von Fortepiano-Spezialisten eingespielt. Vor 25 Jahren begeisterte die finnische Pianistin Tuija Hakkila mit einer fulminanten, die Werke entschlackenden Gesamteinspielung. Ihr folgten mit Ronald Brautigam, Alexei Lubimov, Kristian Bezuidenhout, Bart van Oort weitere bedeutende Hammerklavier-Experten. Sehr bemerkenswert fand ich vor neun Jahren die Gesamteinspielung Arthur Schoonderwoerds, der Instrumente verwendete, die aus der Entstehungszeit der Sonaten stammten, so etwa einen Tangentenflügel, einen Hammerflügel nach Johann Anton Stein oder ein Clavichord, das Mozart sehr schätzte. Noch nie spielte ein Pianist allerdings alle Sonaten auf Mozarts eigenem Instrument ein, das sich in dessen Geburtshaus in Salzburg befindet. Diese Aufgabe übernahm der anerkannte Mozart-Fachmann Robert Levin (*1947), der dasjenige Fortepiano verwendete, das sich seit 1856 im Besitz der Internationalen Stiftung Mozarteum befindet. Wie der Musikwissenschaftler Ulrich Leisinger in seinem hervorragenden Essay über Mozarts Sonaten im umfangreichen Textheft schreibt – er spricht mir dabei aus dem Herzen –, helfen uns die Instrumente, die Mozart besessen hat, „in besonderer Weise, seine Musik zu verstehen. Mozart hat seine Kompositionen nämlich genau auf die klanglichen Besonderheiten dieser Instrumente abgestimmt.“ Und diese klanglichen Möglichkeiten sind eben völlig anders als die eines modernen, wuchtigen Flügels. Nun ist es ein großes Glück, dass Constanze, Mozarts Witwe, sowohl das letzte Clavichord ihres verstorbenen Mannes aufbewahrte, als auch dessen Fortepiano behielt, das sie an den älteren Sohn Carl Thomas vermachte. Das 5-oktavige Instrument wurde vermutlich von Anton Gabriel Walter (1752 – 1826) um ca. 1782 gefertigt. Im Vergleich zu einem modernen Instrument sind die Tasten mit den nicht befilzten Hämmerchen mit geringem Druck zu bewegen und die Saiten dünn. Dies führt zu einem obertonreichen silbrigen Klang und zu einer bestechenden Ausgewogenheit zwischen Bass und Diskant. Dies ist auf einem modernen Flügel, bei dem die Basssaiten mit Kupferdraht umspannt sind, nicht möglich. Ulrich Leisinger weist darauf hin, dass „auf Mozarts Klavier auch die tiefen Töne stets sauber ansprechen.“ Dem kann ich mich nur anschließen. Nun ist die Wahl des historischen Fortepianos die eine Sache, die andere ist die Wahl des Interpreten. Hierbei erweist sich Robert Levin wieder einmal als ein wahrer Glücksfall. Er beherrscht das Fortepiano-Spiel wie nur wenige und ist in der Lage, die Töne mit frappierender Leichtigkeit zu erzeugen. Dies wirkt sich auf die Klarheit und Durchsichtigkeit des Vortrages aus. Es ist ungemein wohltuend, Mozarts Sonaten von jeglichen Romantizismen befreit zu wissen. Levins Künstlerschaft geht aber darüber hinaus. Er ist ein Meister der Improvisation und der Verzierung. Wissen muss man, dass Carl Philipp Emanuel Bach – über den Mozart sagte, er sei „der Vater, wir sind die Bub’n. Wer von uns was Rechts kann, hat es von ihm gelernt“ – im Traktat zu seinen „Sechs Sonaten mit veränderten Reprisen“ 1759 schreibt, dass der Interpret bei Wiederholungen „weiterkomponieren“, also improvisieren soll, und dies in der Weise, dass das gesamte Gefüge verändert wird, nicht nur die Diskantstimmen. Robert Levin führt dazu aus: “So geht es also … in der vorliegenden Aufnahme: die Wiederholungen sind frei gestaltet, dabei werden Einzelheiten der Melodik, der Begleitung und bei gegebenem Anlass auch Details der Harmonik verändert, und manches Mal gibt es sogar kleine Einschübe. Es geht dabei nicht um Respektlosigkeit, sondern um Wiederbelebung einer dokumentierten Tradition.“ Levin ergänzte für die vorliegende Veröffentlichung drei unvollendete Sonaten-Fragmente Mozarts in dessen Geiste. Nicht umsonst gilt er als der absolute MozartSpezialist schlechthin. Die CD-Box ist als grandios zu werten. Ich meine, dass in der Weise, wie Levin sie spielt, die Sonaten zu Mozarts Zeit geklungen haben werden. Die Aufnahmetechnik ist für den glasklaren Sound zu loben. Günter Kohl Wolfgang Amadeus Mozart: The Piano Sonatas on Mozart’s Fortepiano (7 CDs). Robert Levin, Fortepiano. ECM New Series 2710 – 16 / 485 577 69 19 TOCCATA - 122/2022 CD-TIPPS

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