Toccata 06/2022

Weihnachten in Europa. Balthasar-NeumannChor, Thomas Hengelbrock deutsche harmonia mundi - 19439813992 (2020; 72') Neben den vielen Motetten, Chorälen, Kantaten und Oratorien, gibt es ein umfangreiches Repertoire an Liedern zur Weihnachtszeit, die in der Tradition wurzeln. Einige solcher Lieder haben es zur allgemeinen Bekanntheit gebracht und sind international beliebt. Oft sind sie aber zu stark in einer nationalen Kultur verwurzelt, um diesen Status zu erreichen. Das macht die vom Balthasar-Neumann-Chor aufgenommene CD besonders interessant. Man hört hier auch mal etwas Anderes als in vielen anderen Aufnahmen mit 'tradionellen' Weihnachtsliedern. Das Programm ist aufgeteilt in sechs Abschnitte. Der erste ist Frankreich gewidmet; das erste Stück ist ein Beispiel eines allgemein bekannten Liedes: Veni, veni Emmanuel. Es wird hier, wegen des französischen Ursprungs, in einer französischen Aussprache des Latein gesungen. Der zweite Abschnitt enthält Lieder aus Skandinavien. In einem Lied aus Island gibt es Elemente der vor-christlichen Kultur. Im dritten Abschnitt hören wir Stücke aus Polen, der Tschechei und Russland. Danach geht es nach der iberischen Halbinsel, und dann erklingen niederländische und englische Lieder. Im abschliessenden Abschnitt wird das Ganze dann noch einmal zusammengefasst: ein italienisches Lied wird gefolgt von Anton Bruckners Motette 'Virga Jesse' und Max Regers Satz über 'Es kommt ein Schiff geladen'. Bruckners Motette ist eines der wenigen ursprünglichen Werke, wie auch ein Lied von Gade (schade, dass im Textheft die dritte Strophe fehlt) und der Cherubim-Hymnus von Chesnokov. Die meisten Stücke sind traditionelle Lieder, die von verschiedenen Komponisten, meistens aus dem 19. oder 20. Jahrhundert, bearbeitet wurden. Alle Werke werden in der originellen Sprache gesungen; alle Achtung! Ob die Aussprache immer korrekt, gestehe denn idiomatisch ist, kann ich nicht beurteilen. Das einzige Lied mit einem niederländischen Text ist mit Sicherheit nicht akzentlos; es ist klar deutsch gefärbt. Der Balthasar-Neumann-Chor ist spezialisiert in alter Musik, aber beweist auch in diesem Repertoire seine Qualitäten, was auch in den Solobeiträgen mehrerer Mitglieder zum Ausdruck kommt. Wer für andere Klänge als in der alten Musik üblich, offensteht, wird an diesem farbigen weihnachtlichen Blumenstrauss viel Freude finden. Johan van Veen Josquin Desprez: Motetten und Messteile. The Brabant Ensemble, Stephen Rice Hyperion - CDA68321 (2020; 79') Josquin: In memoria mea. Cantus Modalis, Rebecca Stewart Carpe Diem Records - CD-16325 (2021; 71') The Josquin Songbook. María Cristina Kiehr (Sopran), Jonatan Alvarado (Tenor), Ariel Abramovich (Vihuela) Glossa - GCD 923529 (2021; 60') Tant vous aime. Doulce Mémoire, Denis Raisin Dadre Ricercar - RIC 436 (2021; 65') 2021 war JosquinJahr: er verstarb 1521. Er wurde zu jener Zeit als der grösste Komponist betrachtet, und noch immer gilt er als der grösste Komponist der Renaissance. Wer kennt nicht sein Ave Maria? So ein Komponist braucht kein Gedenkjahr. Seine Musik - geistlich und weltlich - ist auf vielen CDs zu haben. Trotzdem sind im Zusammenhang mit dem Josquin-Jahr mehrere CDs erschienen. Sie stehen hier zur Rezension. The Brabant Ensemble bringt zehn Motetten zu Gehör. Dabei hat man sich auf Stücke beschränkt, deren Authentizität als sicher gilt. Im Textheft diskutiert der Dirigent, Stephen Rice, ausführlich die Frage, welche Stücke als authentisch gelten dürfen und gibt mehrere Beispiele von Werken, die von der Musikwissenschaft untersucht wurden. Josquinexperten hegen nicht selten völlig gegensätzliche Auffassungen. Einige Werke, die The Brabant Ensemble aufgenommen hat, erklingen hier mit mehr Stimmen als Josquin komponiert hat. Es wurden damals nicht nur Werke ihm zugeschrieben, die gar nicht von ihm komponiert worden waren, es gab auch Komponisten, die seine Werke mit einigen Stimmen erweiterten. Das soll nicht negativ bewertet werden; das war in erster Linie eine Äusserung der Bewunderung. Auch hier gibt es dann und wann Fragezeichen: sind die zusätzlichen Stimmen von anderen Komponisten geschrieben oder hat Josquin frühere Werke selbst erweitert? Man sieht, diese CD ist sowieso interessant, und ich rate jedem, der diese CD kauft, die Programmerläuterung zu lesen. Leider ist sie nur auf englisch verfügbar. Bei einer Josquin-CD braucht man nicht auf besonders schöne Werke hinzuweisen; er war nicht umsonst in aller Munde. Trotzdem, das Stabat mater zu 6 Stimmen ist einer der Höhepunkte, aber hier gibt es dann auch eine der wenigen diskutablen Entscheidungen. Josquins Vertonung ist fünfstimmig; die sechste Stimme stammt aus einer tschechischen Handschrift, in der der Text 'protestantisiert' ist. Der zweite Abschnitt fängt mit den Worten "Christe verbum" statt "Eia mater" an. Für diese Aufnahme hat man den originellen Text in der sechsten Stimme verwendet. Es wäre aus historischer Sicht besser gewesen, für das ganze Stück den 'protestantischen' Text zu verwenden; das wäre auch aus dem Blickwinkel der Josquin-Rezeption interessant gewesen. Die allgemeine Meinung ist, dass es in der Musik der Zeit von Josquin keine Textdeutung gibt, und das stimmt auch, wenn man sie mit späterer Musik vergleicht, wie das Oeuvre von Lassus und den Madrigalkomponisten der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Mit Sicherheit wird Harmonie nicht als Ausdrucksmittel verwendet. Das will aber nicht heissen, dass der Text nie in Noten ausgemalt wird. Die Anfangszeile der Motette 'Huc me syderio' - Olymp befahl mir, zum Stern herunterzukommen - wird dominiert von einer absteigenden Figur in allen Stimmen. Auch in 'Domine, ne in furore tuo' - einer Vertonung des ersten Busspsalms - werden Kernsätze auf verschiedene Art hervorgehoben. Das kommt in der Interpretation des Brabant Ensembles ganz gut zum Tragen. Insgesamt zeichnet sich diese Darbietung durch eine sorgfältige Textbehandlung und eine optimale Durchsichtigkeit (soviel es das Stimmengewebe erlaubt) aus. Diese CD ist eine echte Bereicherung der Josquin-Diskographie. Die wohl merkwürdigste und kontroversiellste Produktion zum JosquinJahr erschien bei Carpe Diem Records. Schon der Titel - 'In memoria mea' (Zu meinem Andenken) - lässt aufhorchen. Es gibt zwei Erklärungen. Erstens: Ausgangspunkt dieser CD sind Stücke, die zum Andenken komponiert wurden. Das erste Stück ist die Déploration sur la mort d'Ockeghem von Josquin selber und das letzte die Motette 'Absolve quesumus domine/Requiem eternam', die ein unbekannter Komponist - möglicherweise Adrian Willaert - zum Andenken an Josquin komponiert hat. Den gleichen Text hat Josquin vertont in einer Motette zum Andenken an Jacob Obrecht; auch diese wurde ins Programm einbezogen. Zweitens: im Textheft findet sich eine Autobiographie von Josquin, selbstverständlich fixiert, und verfasst von Rebecca Stewart und Joep van Buchem (übrigens nur auf englisch). Da ist ein gehöriges Mass an Spekulation unvermeidlich, denn zwar wissen wir schon einiges über Josquin, aber viele Daten sind mit Unsicherheit umgeben. Das längste Werk im Programm ist die Missa Mater patris, und auch diese Auswahl beruht auf Spekulation, denn ihre Authentizität ist alles andere als gesichert. Kontroversiell ist diese Einspielung aber vor allem wegen der Interpretation. Das Ensemble pflegt eine Singweise, die nicht nach jedermans Geschmack ist und viele Fragen aufwirft. Die Sänger singen aus einem Chorbuch, und stehen dicht nebeneinander um das Pult herum. Die Tempi sind relativ langsam und oft wird die letzte Note einer Phrase lang angehalten. Ungewöhnlich ist vor allem die Dynamik, und insbesondere das Messa di voce. Das ständige Anschwellen und Abschwächen auf einzelnen Noten mag dem einen oder anderen gehörig auf die Nerven gehen. Ob diese Singweise den Gewohnheiten in Josquins Zeit entspricht, darüber lässt sich nur spekulieren. Auf jeden Fall haben wir es hier mit einer Produktion zu tun, die mehr ist als nur eine Stimme in einem grossen Chor. Diese CD hat etwas Ungewöhnliches und auf jeden Fall Interessantes zu bieten, und deswegen ist sie Liebhabern der Polyphonie der Renaissance zu empfehlen. Es war in der Renaissance gang und gäbe, Vokalmusik zu intabulieren, damit sie auf einem Zupfinstrument gespielt werden konnte. Diese Praxis beschränkte sich keineswegs auf weltliche Musik; auch geistliche Werke konnten so bearbeitet werden. Es war auch nicht ungewöhnlich, dass eine oder mehrere Stimmen dazu vokal ausgeführt wurden. In seinem Heidelberger Tabulaturbuch erwähnte Sebastian Ochsenkun diese Möglichkeit. In Spanien war es Diego Pisador, Spieler der Vihuela und Komponist, der diese Praxis erwähnt in seinem Libro de música de vihuela (1552), wenn er schreibt, dass er möchte, dass "der Leser weiss, dass ich alles, was in diesem Buch steht, mit großer Sorgfalt und Arbeit gemacht habe, damit es korrekt und von großer Klarheit ohne Diminutionen ist, damit die Spieler die Stimmen leicht erkennen können, wenn sie auf der Vihuela sind, und damit sie sie singen können...". In diesem Buch sind nicht weniger als acht Messen von Josquin enthalten. Der Komponist war in Spanien ungemein beliebt, und seine Werke finden sich in IntaTOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU 20

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