Toccata 06/2022

bulationen in verschiedenen Sammlungen von Musik für die Vihuela, u.a. von Luys de Narváez und Alonso Mudarra. Die erwähnte Praxis und die Popularität von Josquins Musik in Spanien haben Ariel Abramovich angeregt, neben einigen Intabulationen spanischer Komponisten auch selbst Werke von Josquin für die Vihuela zu transkribieren und María Cristina Kiehr und Jonatan Alvarado einzuladen, die Vokalstimmen dazu zu singen. Es erklingen einige der bekanntesten Werke von Josquin, wie Nymphes, nappés, Praeter rerum seriem, Mille regretz und das schon erwähnte Stabat mater. Dazu kommen noch einige Messsätze und das Programm endet mit Josquins Déploration sur la mort d'Ockeghem. Was hier geboten wird, ist relativ ungewöhnlich - nicht aus historischer Sicht, sondern aus dem Blickwinkel heutiger Aufführungspraxis. Das ist schade, denn es hat einen besonderen Reiz, Josquins Musik auf diese Weise zu hören. Musikalisch ist es auch ganz gut gelungen. María Cristina Kiehr und Jonatan Alvarado haben die perfekten Stimmen für dieses Repertoire und sie mischen sich vorzüglich. Ariel Abramovich spielt sehr schön, und das lässt sich vor allem in Mille regretz feststellen - das einzige Stück, das er alleine aufführt. Und das bringt zu meiner Kritik: die Aufnahme. Zuerst: sie wurde in einer Kirche durchgeführt, und das war eine schlechte Idee. Diese Aufführungspraxis war für den intimen Kreis gedacht, nicht für die Kirche. Das führt dann auch dazu, dass die Singstimmen hier zuviel dominieren. Sie klingen wie Solisten, und das sind sie nicht. Ursprünglich war es zweifellos der Spieler der Vihuela selber, der zu seinem Spiel sang. Heute sind diese Rollen verteilt, aber das ist kein Grund, den Singstimmen so prominent ins Bild zu rücken. Ich schätze die Interpretationen sehr und es ist bedauerlich, dass die Aufnahme das positive Bild kompromittiert. Die letzte CD bietet französische Chansons, die aller Wahrscheinlichkeit nach aus zwei Perioden der Karriere von Josquin stammen. Die erste war, als er im Dienste des René 'le Bon' d'Anjou war (in den 1470er Jahren) und die zweite, als er sich am Ende seiner Laufbahn wieder in seiner Heimat niedergelassen hatte (nach 1504). Diese Lieder sind stark von den einfachen Volksliederen inspiriert; es ist bekannt, dass René d'Anjou und seine zweite Gattin, Jeanne de Laval, nicht nur ein grosses Interesse an Literatur und Kunst hegten, sondern auch das einfache Leben liebten, und sich gelegentlich als Schäfern verkleideten. Denis Raisin Dadre hat die Verbindung zur Volkskultur zum Anlass genommen, die Chansons mit den Volksliedern zu vergleichen. Das hat es ihm ermöglicht, in einigen Fällen die Zahl der Strophen zu erweitern. Übrigens gibt es hier nicht nur Stücke von Josquin. Josquins 'Ma bouche rit' wird Ockeghems Fassung, übrigens mit einem teils anderen Text, gegenübergestellt, und 'Scaramella va alla guerra' erklingt nach einer Fassung von Loyset Compère (Scaramella fa la galla). Dazu gibt es noch einige Instrumentalwerke aus dem Lochamer Liederbuch, deren Bezug zu Josquin unklar ist. Die Dokumentation lässt einiges zu wünschen übrig. Im Programm finden sich auch einige der beliebtesten Werke von Josquin, deren Authentizität übrigens sehr bezweifelt wird: 'El grillo' und 'In te domine speravi'. Letzteres Werk habe ich übrigens selten so schön gehört wie hier: die Sopranistin Clara Coutouly singt es ausserordentlich schön, mit fantasievollen Verzierungen. Insgesamt hat diese CD mir besonders gut gefallen: die Leistungen der Sänger sind erste Sahne, und auch die Instrumente - Blockflöten, Schalmeien, Pommern - werden vorzüglich gespielt. Neben dem Niveau der Interpretationen, hat diese Produktion einiges zu bieten, das sie zu einer interessanten Erweiterung der Josquin-Diskographie macht. Im Textheft gibt es eine informative Werkeinführung von David Fallows, auch auf deutsch. Johan van Veen Grand Tour. Korneel Bernolet (Cembalo) Ramée - RAM 2009 (2020; 81') Händel, Scarlatti: Cembalowerke. Pierre Hantaï (Cembalo) Mirare - MIR560 (2020; 69') Händel: Cara sposa. Le Petit Concert Baroque (Cembali) fra bernardo - fb 2033970 (2007; 78') In den Anfangsphasen der historischen Aufführungspraxis war es üblich, Aufnahmen mit historischen Instrumenten zu veröffentlichen. Das machte Sinn, denn solche Instrumente waren den meisten Musikliebhabern unbekannt. Heute sind Cembali, Traversflöten, Barockoboen und sonstige historische Instrumente ganz geläufig. Allerdings sind es meistens Kopien solcher Instrumente, die für Konzerte oder CD-Aufnahmen benutzt werden. Die Ausnahmen sind Streichinstrumente und Orgeln. Historische Cembali findet man nur noch in Museen oder in Privatsammlungen; für Konzerte werden sie nicht benutzt. Darunter gibt es besondere Exemplare, die es wert sind phonographisch dokumentiert zu werden. Die erste hier zu rezensierende CD ist so einem Instrument gewidmet. Es handelt sich um ein 1747 von Johann Daniel Dulcken erbautes Cembalo, das sich im Museum Vleeshuis in Antwerpen befindet. Dulcken gehört zu den bekanntesten Cembalobauern des 18. Jahrhunderts, und seinen Ruf verdankt er der Tatsache, dass Gustav Leonhardt oft Kopien seiner Instrumente spielte in Aufnahmen, beispielsweise der Cembalokonzerte von Bach. Seine Kopie eines Instrumentes von 1745 wurde von Martin Skowroneck erstellt. Das Instrument ist in zweierlei Hinsicht anders als das Cembalo, das hier vorgestellt wird. Es hat zwei Manuale, während das von Korneel Bernolet gespielte Instrument nur eines hat. Interessanter und wichtiger ist, dass dieses Instrument entlang der gewölbten Innenseite des Gehäuses eine Doppelwand hat, was den Klang substantiell beeinflusst. Das Instrument, das hier zu hören ist, klingt voller und kräftiger als das Instrument, das Leonhardt damals spielte. Bernolet stellt es in einem breitgefächerten Repertoire vor. Er fängt mit einem auf das Oratorium Judas Maccabaeus von Händel basierendes Konzert an, fährt mit Stücken von Forqueray fort, und spielt zwei Suiten des südniederländischen Josse Boutmy. Aus der Sicht des Repertoires sind diese die interessantesten Werke; der Komponist mischt hier französische und italienische Stilelemente. Seine Musik ist kaum bekannt - zu Unrecht, wie diese Aufnahme zeigt. Bernolet hat sein Programm um das Jahr 1747 herum gruppiert, und da konnte ein Stück aus Bachs Musicalisches Opfer nicht fehlen, denn dieses Werk ist genau 1747 entstanden. Daraus erklingt das Ricercar à 3. Schliesslich gibt es noch zwei Sonaten von Domenico Scarlatti sowie Rameaus La Dauphine, das ebenfalls von 1747 datiert und die Aufnahme beschliesst. Es ist bemerkenswert, wie dieses Instrument für alle Stücke tauglich ist. Der kräftige Klang ist hilfreich in den brillanten Stücken von Forqueray, aber auch in Händels Konzert. Es liegt auch an Bernolet, der sich hier als ein exzellenter und stilbewusster Interpret präsentiert. Es ist schön, dass ein so wichtiges Instrument wie das Dulcken-Cembalo aus Antwerpen hier in so einer überzeugenden Weise in einem variierten und interessanten Programm vorgestellt wird. Cembalofreunde sollten diese CD nicht verpassen. Die zweite CD bringt zwei Komponisten, die von Cembalisten unserer Zeit unterschiedlich behandelt werden, zusammen. Domenico Scarlattis Sonaten gehören zu den am häufigsten gespielten Werken, und werden nicht nur von Cembalisten, sondern auch von Pianisten auf dem modernen Klavier gespielt. Bei Händel sieht das anders aus. Zwar ist seine Cembalomusik auf CD gut vertreten, aber es gibt Cembalisten, die seine Musik nie anfassen. Der bekannteste ist wohl Gustav Leonhardt, der von Händel nichts hielt. Damit hat er seine Schüler beeinflusst. Vor kurzem rezensierte ich eine CD seines ehemaligen Schülers Pierre Hantaï, die ganz Händel gewidmet war. Zu gleicher Zeit nahm er eine weitere CD auf, und darauf bringt er Händel und Scarlatti zusammen. Ob das je gemacht worden ist, weiss ich nicht. Es scheint logisch, denn sie kannten sich: sie begegneten sich zweimal während Händels Aufenthalt in Italien, und möglicherweise hat Scarlatti 1719 England besucht, wo sein Bruder Francesco wirkte. Bei dieser Gelegenheit könnte es zu einer weiteren Begegnung gekommen sein. Händel kannte Scarlattis Sonaten: in England waren sie besonders beliebt und 1739 veröffentlichte Thomas Roseingrave eine Sammlung von Sonaten. Ob Scarlatti auch Händels Cembalomusik kannte, weiss ich nicht, aber er wusste um dessen grosse Fähigkeiten. Hantaï fängt mit seiner eigenen Transkription der Ouvertüre zu Händels Il pastor fido an. Weiter erklingt die bekannteste Suite aus der Sammlung von 1720, die mit den Variationen endet, die als 'The Harmonious Blacksmith' bekannt geworden sind. Und dann hat er noch aus drei weiteren Suiten eine eigene Suite zusammengestellt. Schliesslich spielt er sieben Sonaten von Scarlatti. Dabei hat er auf Variation geachtet, denn neben brillanten Stücken gibt es auch einige lyrische Sonaten. Wie in seinen bisher erschienenen Aufnahmen zeigt Hantaï sich hier ein engagierter Interpret, der sowohl Händel als Scarlatti überzeugend über die Bühne bringt. Vor allem in Händel muss der Interpret kreativ sein: nur die Noten spielen, genügt nicht. Händel war als Improvisator bekannt, und deswegen muss auch der Interpret einiges an Improvisationskunst mitbringen. Hantaï weiss das und zeigt es. Eine Cembalofassung eines Orchesterwerks, wie es Hantaï spielt, war in Händels Zeit ganz üblich. Seine eigene Musik wurde häufig bearbeitet, von ihm selbst und von anderen. Berühmt bzw. berüchtigt sind die Bearbeitungen von William Babell; es gab Zeitgenossen, die sie schätzten, aber der Musikhistoriker Charles Burney gehörte zu jenen, die sie geschmacklos fanden und sie als ein Zeichen inhaltslo21 TOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU

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