Toccata 06/2022

ser Virtuosität betrachteten. Le Petit Concert besteht aus zwei Schwestern, Chani und Nadja Lesaulnier, die sich ganz auf solche Transkriptionen spezialisieren. Allerdings spielen sie auf einer bei fra bernardo erschienenen CD keine Transkriptionen von Babell, sondern ihre eigenen: neben Stücken aus Opern (Ouvertüre und Arien aus Ariodante, Rinaldo und Teseo) auch Sätze aus der Feuerwerksmusik und der Wassermusik. Das haben sie gut gemacht: man hört hier nicht die Extravaganzen von Babell, aber es mangelt mit Sicherheit nicht an Brillanz. Der ursprüngliche Charakter der ausgewählten Stücke wird schon respektiert. Es ist durchaus zu begrüssen, dass eine im Barock gängige Praxis zu neuem Leben erweckt wird, und dass es auf so eine überzeugende Weise vorgestellt wird. Auf der CD findet man auch einige Arien in der ursprünglichen Fassung, gesungen von Philippe Jaroussky bzw. Francesca Lombardi Mazzulli. Darauf hätte ich gerne verzichtet, wie gut die jeweiligen Arien auch gesungen werden. Aber in dieser Produktion wirken sie wie Fremdkörper. Johan van Veen Nisi Dominus - Vivaldi, Razzi. Eva Zaïcik (Mezzosopran), Le Poème Harmonique, Vincent Dumestre Alpha - 724 (2020; 59') Vivaldi: Per la Sig.ra Geltruda - Motetten & Stabat mater. Alessandra Visentin (Alt), Ensemble Locatelli, Luca Olberti Pan Classics - PC 10414 (2019; 63') Salve Regina - Motetten von Hasse und Porpora. Clint van der Linde (Altus), Les Muffatti Ramée - RAM 2102 (2021; 69') Motetten nahmen in der italienischen Musik des Barock eine wichtige Stelle ein. Viele solcher Werke - meistens für Solostimme(n) und Basso continuo, manchmal auch mit Streichern - entstanden von der frühen Phase des Barock bis weit ins 18. Jahrhundert. Im 18. Jahrhundert ähnelten sie immer stärker der weltlichen Kantate und der Oper. Die erste hier rezensierte CD ist vor allem deswegen interessant, da hier der spirituelle Aspekt hervorgehoben wird. Das kommt schon darin zum Ausdruck, dass in der ersten Hälfte des Programms drei sogenannte 'Laude' erklingen. Dabei handelt es sich um spirituelle, ausserliturgische Gesänge, die seit dem Mittelalter in den Versammlungen der Brüderschaften und während Prozessionen gesungen wurden. Gegen Ende des 16. Jahrhunderts empfing diese Gattung neue Impulse aus der Bewegung um Philipp Neri, die sich für die Erneuerung des katholischen Glaubens einsetzte, als Teil der Gegenreformation. Die 'Laude' wurden als die idealen Instrumente betrachtet, um den Glauben unter jenen Leuten zu verbreiten, die kein Latein verstanden. Neri und seine Anhänger beschränkten sich aber nicht auf geistliche Sachen. Wie Caroline Panel es im Textheft ausdrückt: "Die gesamte Praxis der Nächstenliebe wurde hinterfragt, was zur Gründung oder Erneuerung zahlreicher Einrichtungen führte, die als Institutionen der Erlösung gedacht waren und in denen die Sorge für den Leib und die Rettung der Seele untrennbar miteinander verbunden waren." Und damit sind wir bei der zweiten Hälfte des Programms: Motetten von Vivaldi, der viele Jahre an der Ospedale della Pietà wirkte. Heute werden sie und andere Ospedali vor allem als Heimstätte musikalischer Talente betrachtet, aber ursprünglich hatten sie in erster Linie ein soziales Zweck. Zwei solcher Einrichtungen gab es schon im Mittelalter, darunter die Ospedale della Pietà; zwei weitere wurden auf Betreiben von Philipp Neri gegründet. Von Anfang an spielte die Musik in den Ospedali eine wichtige Rolle. "Eine Inschrift, die noch immer in der Kirche der Pietà zu sehen ist, erinnert daran, dass zu Beginn des 16. Jahrhunderts die Kinder des Hospitals zum Betteln auf die Strasse gingen, 'begleitet von Instrumentalisten'." Obwohl es nicht feststeht, dass die beiden Vokalwerke von Vivaldi, die hier zu hören sind (Invicti bellate und Nisi Dominus) für Aufführungen in der Pietà oder zumindest für deren Sängerinnen komponiert wurden, gehören sie in eine Tradition, die auf die Zeit um 1600 zurückgeht. Durch dieses Programm werden sie in ihren geistlichen, sozialen und historischen Zusammenhang gestellt. Die drei 'Laude' wurden von Serafino Razzi (1531-1613) bzw. Francisco Soto de Langa (1534-1614) komponiert. Die Mitwirkung von Streichern wirkt hier etwas befremdend. Ansonsten werden sie von Déborah Cachet (Sopran), Francisco Mañalich, Benoît-Joseph Meier (Tenor) und Virgine Ancely (Bass) sehr schön dargestellt. Die beiden Werke von Vivaldi singt die Mezzosopranistin Eva Zaïcik, und das macht sie sehr gut. Sie hat eine angenehme Stimme; nur dann und wann hätte sie ihr Vibrato etwas mehr beschränken sollen. Generell ist ihre Anwendung dieses Stilmittels aber gut dosiert. Im Nisi Dominus gibt es einige ungewöhnlich zügige Tempi, wie im ersten Abschnitt. Es gibt auch viel mehr Verzierungen als ich in anderen Aufnahmen gehört habe. Die Kadenz in 'Cur sagittae' scheint mir falsch am Platz. Insgesamt haben wir es hier mit einer historisch interessanten und musikalisch fesselnden Aufnahme zu tun, die ich gerne empfehlen möchte, auch denjenigen, die beide Werke von Vivaldi schon im Schrank haben. Bei Opern wissen wir manchmal, welche Sänger*innen bei der ersten Aufführung die verschiedenen Rollen darstellten. Heutzutage wird manchmal dem einen oder anderen Sänger*in eine Aufnahe gewidmet. Bei geistlicher Musik sieht es meistens anders aus. Oft wissen wir gar nicht, wo und wann solche Werke erklungen sind, und wer sie gesungen hat. Das gilt auch für die beiden soeben genannten Werke von Vivaldi. Es gibt aber eine Ausnahme, und das ist das Thema der nächsten CD. Wie der Titel schon sagt: es handelt sich um eine gewisse Signora Geltruda. Sie hiess Geltruda della Violeta, und sie war eines der Mädchen, die in der Pietà Solopartien übernahmen. Wahrscheinlich hat sie ihr ganzes Leben in der Pietà verbracht, auf jeden Fall bis 1750. Wie bei allen Waisenmädchen kennen wir nicht ihren Familiennamen, nur ihren Beinamen. 'Della Violeta' verrät, dass sie die Violetta (heute Viola) spielte. Ihr Ruhm reichte über die Mauern der Pietà hinweg: sie fand einen Gönner, der verschiedenen Komponisten den Auftrag erteilte, Musik für sie zu komponieren. Aus Korrespondenz wissen wir, wie ihre Stimme war: zart und delikat, aber sehr ausdrucksstark. Sie bevorzugte Musik in einem langsamen Tempo. In einer Aufnahme, die bei Pan Classics erschien, werden vier Vokalwerke von Vivaldi dargestellt: die Motette Clarae stellae, scintillate, zwei Introduzioni al Miserere (Filiae maestae Jerusalem; Non in pratis aut in hortis) sowie das Stabat mater. Nur im Falle der Motette steht fest, dass sie von Geltruda gesungen wurde. Es ist aber durchaus möglich, dass sie auch die anderen Werke mal gesungen hat. Ihr Charakter würde ganz zu ihrer Stimme passen, denn vokale Virtuosität steht darin nicht im Mittelpunkt: alle drei Werke beziehen sich auf die Karwoche. Alessandra Visentin verfügt über eine echte Altstimme, und ihr tiefes Register ist sehr gut entwickelt. Das kommt in diesen Werken ganz gut zum Ausdruck und benachdruckt ihre dunklen Farben. Alessandra Visentins Interpretationen sind sehr ausdrucksstark; sie hat eine wunderschöne Stimme, die sie effektiv einsetzt, aber kümmert sich auch um eine gute Textdarstellung. Das Ensemble Locatelli setzt dann und wann starke Akzente, wo der Text dazu Anlass gibt. Zwei Werke mit der Beigabe 'al Santo Sepolcro' wurden ins Programm einbezogen, und auch diese sind sehr expressiv geraten. Diese CD ist eine sehr empfehlenswerte Erweiterung der Vivaldi-Diskographie. Die letzte CD bringt zwei Komponisten zusammen, die als Vertreter des galanten Stils gelten können. Ein weiteres Bindeglied zwischen beiden ist Neapel. Porpora wurde dort geboren und Hasse verbrachte dort mehrere Jahre. Beide haben ein umfangreiches Oeuvre hinterlassen, in dem Vokalmusik den wichtigsten Teil darstellt. Dass sie in einer Aufnahme zusammengebracht worden sind, hat auch einen anderen Grund. Werke beider Komponisten sind Teil einer Sammlung von etwa 100 Handschriften aus der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts, die sich heute im Erzbischöflichen Archiv in Mechelen in Belgien befindet. Wahrscheinlich sind die meisten darin befindlichen Werke von Corneille-Jean-Marie van den Branden de Reeth (1690-1761), einem Antwerpener Adligen, während seiner 'grand tour' versammelt worden. Diese Bildungsreise brachte ihn nach den wichtigsten Musikzentren Italiens, darunter 1714 auch Neapel. Dort hat er vielleicht Porporas Vertonung des Psalms Nisi Dominus erworben, offensichtlich ein frühes Werk, das noch nicht so stark nach der Oper riecht wie das hier auch aufgenommene Salve Regina. Es gibt sogar eine unverkennbare Ähnlichkeit mit Vivaldis Vertonung des gleichen Psalms. Hasse war ein Schüler von Porpora, entwickelte sich dann zu dessen grösstem Rivalen. Hier erklingen zwei Motetten: Hosti avernae ähnelt den Motetten von Vivaldi; die zweite Arie ist sehr opernhaft. Alma redemptoris mater ist intimer, und hier gibt es kontrapunkische Passagen in den Streichern, die in der soeben genannten Motette ganz fehlen. Clint van der Linde ist kein Sänger, der sehr viel Aufmerksamkeit auf sich zieht mit Rollen in Opern, die überall ausgestrahlt werden. Er ist aber ein feinsinniger Interpret, der hier immer genau den richtigen Ton trifft. Technisch und stilistisch ist seine Darstellung makellos, und auch an Ausdruck mangelt es nun wahrlich nicht. Les Muffatti ist der perfekte Partner - ein Ensemble, das oberflächliche Effekte scheut und immer den affektiven Inhalt in den Mittelpunkt stellt. Es steuert zwei Konzerte für Streicher von Vivaldi bei. Johan van Veen Eine spätmittelalterliche Messe. Aeolus, Göttinger Choralschola 'cantando praedicare' 22 TOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU

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