Toccata 06/2022

Cantate - C58049 (2013; 52') Eine spätmittelalterliche Messe an der Rysum Orgel Lorenzo Ghielmi (Orgel), Ensemble Biscantores Passacaille - 1065 (2019; 61') Im Mittelalter beherrschten der christliche Glaube und die Kirche das tägliche Leben. An jedem Tag wurden Messen gefeiert, und es gab viele Gelegenheiten, an denen liturgische Gesänge gesungen wurden. Da der Buchdruckkunst noch nicht erfunden worden war, sind liturgische Gesänge nur handschriftlich erhalten geblieben. Es wundert daher nicht, dass meistens nur einzelne Gesänge zu uns gekommen sind; nur selten erlauben die erhaltenen Quellen die Rekonstruktion einer kompletten Messe. Daher ist die Handschrift, auf der die Aufnahme der Göttinger Choralschola 'cantando praedicare' beruht, von grosser Bedeutung. Sie befindet sich im Göttinger Stadtarchiv und umfasst 324 Pergamentblätter. Die Handschrift ist als das Göttinger St.-Johannes-Missale bekannt, denn die Göttinger Stadtkirche ist Johannes dem Täufer gewidmet. Für diese Aufnahme hat man daher Gesänge aus den ihm zu Ehren gefeierten Messen ausgewählt. Das sind insgesamt sechs: drei für die Tage seiner Geburt, und jeweils eine für den Tag der Oktav, die Enthäuptung und die Empfängnis. Insgesamt standen 16 Propriumsgesänge zur Verfüngung. Es erklingen der Introitus und das Graduale der Vigilmesse vom Fest In Nativitate und das Proprium der Messe vom Tage. Es ist wichtig, dass alle benötigten Gesänge verfügbar sind, aber damit ist es noch nicht getan. Denn nicht alles wurde aufgeschrieben: es gab fixierte Elemente, die unverändert in jede Messe eingefügt wurden. Diese muss man dann eventuell anderen Quellen entnehmen oder man muss dafür eine andere Lösung finden. Hier sind die Lesungen und alle Teile, die ausschliesslich dem Priester zukommen, von Instrumentalsätzen ersetzt. Diese werden von Schalmei und zwei Posaunen gespielt. Über die Auswahl des Gloria könnte man geteilter Meinung sein. Im Textheft wird bemerkt, dass der besonderen Festlichkeit Rechnung getragen wird. Es wird darauf hingewiesen, dass das u.a. darin zum Ausdruck kam, dass Gesänge tropiert wurden. Problem ist aber, dass in den 'JohannesMessen' offensichtlich solche Gesänge nicht zu finden sind. Deswegen hat man ein tropiertes Gloria eingefügt, das eigentlich Marienfesten vorbehalten ist. Ich hätte es bevorzugt, wenn man sich auf die Johannes-Liturgie beschränkt hatte. Trotzdem, diese Produktion ist von grosser Bedeutung. Es kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, wenn Sammlungen wie die Göttinger St-Johannes-Missale benutzt werden, um die Liturgie des Mittelalters hörbar zu machen. Die Choralschola hat hier eine sehr gute Darbietung vorgelegt, und die Beiträge des Ensemble Aeolos sind sehr schön. Auch die zweite CD trägt den Titel 'Eine spätmittelalterliche Messe', aber das muss hier buchstäblich in Anführungszeichen gesetzt werden. Im Mittelpunkt steht die Orgel in der Evangelischreformierten Kirche zu Rysum, die hier vor allem in ihrer Rolle in der Messe präsentiert wird. Das Instrument kann, wie Konrad Küsters im Textheft schreibt, als spätgotisches Instrument bezeichnet werden; spätere Änderungen haben den Charakter der Orgel nicht grundsätzlich geändert. Damit kann das Instrument als spätmittelalterlich gelten, aber die Musik, die hier zu Gehör gebracht wird, ist meistens viel jüngeren Datums. Das Programm fängt an mit einem Praeambulum aus der Krakauer Tabulatur, die um die Mitte des 16. Jahrhunderts entstanden ist, und dann befinden wir uns schon längst in der Renaissance. Ausserdem ist die Musik, die hier zu hören ist, wohl nie in Rysum erklungen. Das gilt, beispielsweise, für die Stücke von Hans Buchner, der Organist in Konstanz war. Küsters fast die Idee hinter dieser Einspielung so zusammen: "Die Werkauswahl richtet sich (...) einesteils nach der Liturgie; andernteils sind die Werke aufgrund ihres Bezugs zu den geschilderten Kulturströmungen augewählt worden. Dabei treten Werke nebeneinander, die in ihrem Klangeindruck unverkennbare Stil- und Altersunterschiede zeigen". Damit hebt diese Produktion sich grundsätzlich von der soeben besprochenen ab, denn hier ist nicht ein geschlossenes liturgisches Werkbestand der Ausgangspunkt, sondern die Orgel. Damit will nur gesagt sein, dass man den Titel dieser CD nicht zu buchstäblich auffassen sollte. Es ist durchaus sinnvoll die Orgel zu Rysum als Alternatimsinstrument zu präsentieren, denn vor dem 18. Jahrhundert wurde eine Orgel in der Kirche grundsätzlich nur für liturgische Zwecke benuzt; selbständige, 'konzertante' Orgelmusik gab es nicht. Es wurde sowieso keine Orgelmusik komponiert: von Organisten wurde erwartet, dass sie improvisierten. Was an Musik zu uns gekommen ist, wurde meistens notiert für pädagogische Zwecke, entweder von Organisten selber für ihre Schüler, oder von den letztgenannten zum weiteren Studium. In der Renaissance wurden Orgelstücke - oft Versetten, die in Abwechslung mit ein- oder mehrstimmiger Vokalmusik gespielt wurden - in Tabulaturen eingetragen. Im Programm finden sich mehrere Stücke aus solchen Quellen, wie der Tabulatur des Johannes de Lyublyn und dem Buxheimer Orgelbuch. Dazu kommen gregorianische Gesänge (deren Quellen leider nicht erwähnt werden) und mehrstimmige Werke von Johann Walter, Conrad Rein, Josquin Desprez, Heinrich Isaac, Heinrich Finck und unbekannten Komponisten. Es soll noch bemerkt werden, dass der Ausgangspunkt der Musikauswahl das Osterfest ist. Am Schluss, nach Ablauf der Messe, die mit dem 'Ite missa est' zu Ende geht, erklingen einige Stücke zum Osterfest: Christ ist erstanden und Christus surrexit. Die schöne Orgel in Rysum wird hier sinnvoll einem grösseren Publikum vorgestellt und in Lorenzo Ghielmi hat das Instrument den idealen Interpreten gefunden, der es in vollem Glanze zum Klingen bringt. Seine Artikulation ist perfekt geeignet, die meistens kurzen Stücken zum Tragen kommen zu lassen, und das Ensemble Biscantores trägt die Vokalwerke klangschön vor. Insgesamt ist diese CD ein eindrucksvolles Zeugnis einer einzigartigen Orgel, die glücklicherweise alle esthetischen Umwandlungen überstanden hat. Johan van Veen Caix d'Hervelois: Dans le sillage de Marin Marais. La Rêveuse Harmonia mundi - HMM 902352 (2020; 69') Fanfaronade: Forqueray, Marais, Sainte-Colombe, Heudelinne. Juliane Laake (Viola da gamba), Ensemble Art d'Echo Querstand - VKJK 2110 (2021; 69') Morel: Pièces de viole (1709). Fuoco E Cenere, Jay Bernfeld Paraty - 129264 (2018; 79') Es mangelt nun wahrlich nicht an Aufnahmen mit französischer Gambenmusik. Allerdings sind es nur einige Komponisten, deren Musik immer wieder aufgenommen wird: Marin Marais, Antoine Forqueray und Monsieur de Sainte-Colombe. Im Vergleich ist Louis Caix d'Hervelois (c1677-1759) viel weniger gut auf CD vertreten. Er entstammte einer bescheidenen Familie aus der Nähe von Amiens. Caix war der Name seiner Mutter, deren Familie einmal zu den höheren Schichten der Gesellschaft gehörte und später verarmt war. Es war aber für ihn Anlass, die Rangordnung seiner Namen zu ändern: von Hervelois de Caix zu Caix d'Hervelois. Er war Schüler von Marais, aber ob das Verhältnis so richtig gut war, ist zweifelhaft. Es ist bemerkenswert, dass er seinem Lehrer kein Tombeau widmete, wie das damals üblich war. Es hat auch den Anschein, dass sein Status ihn mehr beschäftigte als seine musikalische Karriere. Trotzdem, seine Musik fand einen guten Absatz und viele Stücke aus seiner Feder wurden in Sammelwerken aufgenommen. Er veröffentlichte nicht nur Musik für sein eigenes Instrument, sondern auch für die Traversflöte, die in seiner Zeit immer beliebter wurde, sowie die 'pardessus de viole'. Letzteres Instrument sollte nicht mit der Diskantgambe (dessus de viole) verwechselt werden. Die 'pardessus de viole' war vor allem populär als Ersatz für die Geige, da sie als für Damen besser geeignet betrachtet wurde, die immer beliebtere italienische Violinmusik zu spielen. Allerdings sind die meisten Stücke für dieses Instrument und für die Flöte Bearbeitungen von Werken, die in erster Linie für die Bassgambe gemeint waren. Das Ensemble La Rêveuse hat einen Überblick über das Oeuvre von Caix d'Hervelois aufgenommen. Aus acht verschienen Sammlungen erklingen hier Suiten oder einzelne Stücke. In einigen Fällen hat man Stücke aus verschiedenen Sammlungen zu einer Suite zusammengefügt. Die Musik von Caix d'Hervelois ist von grosser Schönheit und hat viel mehr Aufmerksamkeit verdient als ihr bis dato entgegengebracht worden ist. Es ist das Verdienst von La Rêveuse, dass die Qualität seiner Musik hier so überzeugend zur Schau gestellt wird, dank einer ausgewogenen Programmzusammenstellung und einer technisch makellosen und stilistisch überzeugenden Interpretation. Gambenfreunde sollten diese CD keineswegs verpassen. Juliane Laake ist eine Gambistin, die gerne mal etwas weniger geläufiges Repertoire spielt. Sie hat in letzter Zeit Musik deutscher Komponisten aufgenommen und auch des aus England gebürtigen William Young, der in Innsbruck wirkte. Auf der CD 'Fanfaronade' stehen aber hauptsächlich bekannte Werke: Ausschnitte aus Suiten von Forqueray und Marais sowie ein Concert à deux violes esgales von Sainte-Colombe. Von Marais erklingen zwei bekannte Werke: Les Folies d'Espagne und Les Voix humaines. Damit ist diese CD eine ideale Einführung in das französische Gambenrepertoire. Juliane Laake braucht sich der Konkurrenz von international vielTOCCATA - 122/2022 23 CD-UMSCHAU

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