Toccata 06/2022

leicht bekannteren Kollegen nicht zu schämen. Sie bietet hier exzellente Interpretationen, und im Concert von Sainte-Colombe ist Irene Klein ihre kongeniale Partnerin. Sie hat aber in ihr Programm auch ein Stück aufgenommen, das mehr oder weniger Seltenheitswert hat. Soviel ich weiss gibt es nur eine CD, die ganz dem Oeuvre von Louis Heudelinne, der um 1700 aktiv war, gewidmet ist (Simone Eckert; Christophorus, 1996). Das Besondere ist, dass seine drei Suiten, die er 1701 drucken liess, für die Diskantgambe bestimmt sind. Juliane Laake vermutet, dass der geringe Widerhall seiner Suiten darauf zurückzuführen ist, dass die Diskantgambe der Konkurrenz der 'pardessus de viole' nicht gewachsen war. Ausserdem gibt es in seinen Suiten italienische Züge, die sich auf der Diskantgambe nur schwer realisieren lassen. Seine Musik ist es aber durchaus wert, zu Gehör gebracht zu werden, und deswegen ist es erfreulich, dass Juliane Laake eine Suite aus der Sammlung in ihr Programm aufgenommen hat. Ich habe diese CD mit viel Vergnügen angehört, und wünsche ihr viele Käufer. Heudelinne mag so gut wie unbekannt sein, bei Jacques Morel (c1680c1740) sieht es nicht viel besser aus. Über sein Leben und Karriere wissen wir fast nichts mit Sicherheit. Mit einiger Mühe lässt sich ein Bild des Komponisten erstellen, und es wird vermutet, dass er dem Hofe nahe stand. Es gibt auch Gründe zu glauben, dass er der Aristokratie angehörte. Da er sein erstes - und einziges - Buch mit Gambenstücken Marais widmete, darf angenommen werden, dass er dessen Schüler war. Ansonsten gibt es wenig Musik von ihm: nur ein Te Deum (auf französischem Text) und eine Sammlung von Kantaten. Morels Gambenbuch enthält vier Suiten für Gambe und Basso continuo sowie eine Chaconne für Flöte oder Violine, Viola da gamba und Basso continuo. Alle diese Werke hat Jay Bernfeld mit seinem Ensemble Fuoco E Cenere aufgenommen, und damit hat er eine wichtige Tat vollbracht, denn es sind sehr schöne Werke, die zu Unrecht vernachlässigt worden sind. Jede Suite eröffnet mit einer 'prélude', und dann folgen Tänze und Charakterstücke. Letztere beziehen sich entweder auf menschliche Eigenschaften oder auch auf bestimmte Personen aus Morels Umfeld. Interessant ist, dass mehrere Stücke auf Personen und Stätte im französischen Bretagne hinweisen, was vermuten lässt, dass Morel aus dieser Region stammte. Jay Bernfeld und seine Kollegen legen hier hervorragende und oft aufregende Interpretationen vor. Es wird mit viel Schwung gespielt, und dank der ausgeprägten dynamischen Akzente kommen die Tanzrhythmen vorzüglich zum Tragen. Diese CD ist eine äusserst wichtige Erweiterung der Diskographie. Johan van Veen Chr Förster: Jauchzt, ihr frohen Christenscharen. Concert Royal Köln, Karla Schröter musicaphon - M56982 (2018; 72') Mein Sonatenalbum - Oboensonaten des Barock Karla Schröter (Oboe), Ensemble Concert Royal Köln musicaphon - M36985 (2006-2015; 66') Telemann: Triosonaten für Blockflöte und Viola da gamba. Erik Bosgraaf (Blockflöte, Chalumeau), Lucile Boulanger, Robert Smith (Viola da gamba), Carl Rosman (Chalumeau), Alessandro Pianu (Cembalo) Brilliant Classics - 96393 (2020; 57') Quantz: Triosonaten. Ensemble Labirinto Armonico Dynamic - CDS7957 (2021; 62') Musik am Hofe Friedrichs II., König von Preussen. Gabriele Formenti (Traversflöte), Gabriele Toia (Cembalo) Da Vinci Classics - C00323 (2019; 60') CPhE Bach: Sonaten für Flöte und Fortepiano. François Lazarevitch (Traversflöte), Justin Taylor (Fortepiano) Alpha - 768 (2020; 80') Die Oboe in Berlin. Xenia Löffler, Michael Bosch (Oboe), Daniel Deuter (Violine), Katharina Litschig (Violoncello), György Farkas (Fagott), Felix Görg (Violone), Michaela Hasselt (Cembalo) Accent - ACC 24377 (2020; 64') Konzerte für Violoncello aus Norddeutschland. Gulrim Choï (Violoncello), Ensemble Diderot, Johannes Pramsohler Audax - ADX11200 (2021; 65') Christoph Förster (1693-1745) ist heute nicht gerade ein bekannter Name in der deutschen Musikszene des Barock. Er stammte aus Bibra, wo er vom dortigen Organisten seine erste musikalische Ausbildung empfing. Später waren Johann David Heinichen und Georg Friedrich Kaufmann seine Lehrer. Er wirkte als Konzertmeister an der Hofkapelle zu Merseburg, und ab 1743 zu Rudolstadt, wo er auch verstarb. Sein kompositorisches Oeuvre enthält auf jeden Fall 26 Kirchenkantaten und sechs italienische Kantaten. Dazu kommen noch Orchestersuiten, Solokonzerte und Sonaten. Karla Schröter hat mit ihrem Ensemble Concert Royal Köln eine ganze CD seinem Oeuvre gewidmet. Im Mittelpunkt steht eine Kantate zum Michaelisfest, die mit einem Chor in ABA-Form anfängt. Dann folgt ein Rezitativ, in dem die vier Solisten nacheinander zu Wort kommen. In der Mitte steht eine Dacapo-Arie, gesungen von Kai Wessel. Nach einem Rezitativ für Bass, schliesst das Werk mit einem Choral. Die CD fängt mit einem grossbesetzten Konzert an, mit drei Trompeten, Pauke und zwei Oboen. Dann folgt eine der wenigen von Förster erhalten gebliebenen Sonaten: die Sonate in c-moll ist die einzige für die Oboe; drei andere sind für Violine. Es folgt dann ein Konzert für Orgel; sie ist für die grosse Orgel des Merseburger Doms konzipiert, und hier wird sie auf der Orgel der Schlosskirche zu Schleiden dargestellt. Das Concerto in C-Dur für Oboe, obligates Cembalo und Basso continuo erinnert in der Besetzung an der Sammlung Essercizii Musici von Telemann. Das Oboenkonzert B-Dur steht im empfindsamen Stil, und das abschliessende Concerto in D-Dur in einem Satz hat schon eine klassische Besetzung: je zwei Hörner, Flöten, Oboen und Fagotte sowie Streicher. Diese CD zeigt, dass Förster zu Unrecht nicht viel Aufmerksamkeit entgegengebracht wird, obwohl einige Konzerte und Sonaten auf CD erhältlich sind. Soviel ich weiss, enthält diese Einspielung mehrere Erstaufnahmen, auf jeden Fall auf historischen Instrumenten. Sowohl die Kantate als die Instrumentalwerke werden sehr gut interpretiert. Diese CD ist eine wichtige Erweiterung der Diskographie. Die nächste CD enthält Oboensonaten. Wie der Titel, 'Mein Sonatenalbum', vermuten lässt, handelt es sich hier um die Stücke, die der Interpretin, Karla Schröter, besonders nahe am Herzen liegen. Diese CD enthält auch keine Neuaufnahmen, sondern Ausschnitte aus früheren Produktionen. Achten Sie darauf, wenn Sie sich überlegen, diese CD zu kaufen. Möglicherweise haben Sie schon eine dieser in Ihrer Sammlung, beispielsweise eine CD mit Sonaten des englischen Komponisten William Babell, der hier mit zwei Sonaten vertreten ist. Auch die in der soeben besprochenen Aufnahme gespielte Sonate von Förster ist wieder dabei. Weiter erklingt die bekannte Sonate in F-Dur von Händel. Es gibt auch einige Werke kaum bekannter Komponisten. Von Johann Georg Linike hatte ich noch nie gehört. Er war Bachs Kollege in Köthen, hat in London in Händels Opernorchester gespielt, wirkte als Konzertmeister in der Oper am Gänsemarkt in Hamburg und war von 1728 bis zu seinem Tode 1762 Kapellmeister am Hofe von Mecklenburg-Strelitz. Karla Schröter spielt seine Sonate in F-Dur. Eine Sonate in B-Dur stammt von Johann Sigismund Weiss, dem Bruder des Silvius Leopold. Die CD endet mit der Sonate in F-Dur von Gottfried August Homilius. Wie man sieht, hat Karla Schröter ein sehr interessantes Programm zusammengestellt. In den meisten Sonaten ist das Cembalo der Kern des Generalbassensembles, aber einige Sonaten wurden mit Orgel eingespielt. Da die Orgeln der Schlosskirche zu Schleiden und der Stiftskirche Wetten beide in hoher Stimmung stehen (a'=466 Hz), wurde die Sonate von Förster (wie auch in der soeben besprochenen Förster-CD) nach dMoll transponiert. Wie gesagt, schauen Sie mal nach, welche Stücke Sie schon haben. Wer keine der früheren Produktionen in seiner Sammlung hat, sollte nicht zögern. Die Interpretationen sind erstklassig und alle Sonaten sind hervorragender Qualität. Georg Philipp Telemann galt nicht umsonst als der grösste deutsche Komponist seiner Zeit. Seine Kreativität war unerschöpflich, und er komponierte gerne für ungewöhnliche Kombinationen von Instrumenten. Die Verbindung von Travers- oder Blockflöte und Viola da gamba war schon weniger geläufig, aber er war einer der ganz wenigen, die Musik für die Diskantgambe komponierten. Soviel ich weiss hat ansonsten nur Johann Melchior Molter für dieses Instrument komponiert. Damit zeigten beide ihre Vorliebe für den französischen Stil. Erik Bosgraaf hat mit einigen Kollegen alle Triosonaten für Blockflöte und Diskantgambe oder Bassgambe aufgenommen. Die Diskantgambe eignet sich nicht für technische Virtuosität. Der französische Komponist Louis Heudelinne veröffentlichte Suiten für eine Diskantgambe, und darin gibt es Einflüsse der italienischen Violinmusik. Telemann behandelt das Instrument ganz anders. Wie immer gab er jedem Instrument, "was es leyden kan", wie er es selbst formulierte. Die Diskantgambe ist die ideale Partnerin der Blockflöte, schon wegen der begrenzten dynamischen Möglichkeiten der beiden. Sie werden von Telemann immer gleich behandelt, aber doch ist jedes Werk anders. In einer Sonate spielen sie von Anfang bis Ende in Kanon, während im Schlusssatz 24 TOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU

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