Toccata 06/2022

TOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU 25 einer anderen Sonate sich die polnische Volksmusik hören lässt. Telemann galt nicht nur als Meister der Triosonate, auch seine Quartette wurden gerühmt. Auf dieser CD finden wir eine Sonate à 4 für Traversflöte, zwei Bassgamben und Basso continuo. Die Flötenpartie wird hier auf der Voiceflute dargestellt, die eine Transposition überflüssig macht. Die CD endet mit einem kuriosen Werk, einem Quintet (oder Ouvertüre) für zwei Chalumeaus (Alt und Tenor), zwei Violen und Basso continuo. Die zwei Violaparts werden hier auf Bassgamben dargestellt. Telemann erklingt hier in vollem Glanz. Ich kann mir keine bessere Interpretation vorstellen als hier geboten wird. Ein Muss für jeden Telemannfreund. Von Telemann zu Quantz ist kein grosser Schritt. Letztgenannter ist fast ausschliesslich als der Flötenlehrer Friedrichs des Grossen und als Komponist von Konzerten und Sonaten für die Flöte bekannt. Es war aber schon 1741, als er in den Dienst des Preussenkönigs trat, und da hatte er schon eine ganze Karriere hinter sich. Er hatte in Dresden gewirkt, wo er Schüler von Gabriel Buffardin war, und hatte England, Frankreich und Italien besucht. Daraus gewann er einen guten Einblick in die musikalische Landschaft Europas. Das Ensemble Labirinto Armonico hat sechs Triosonaten aufgenommen. Das sind wahrscheinlich frühe Werke; zwei dieser Sonaten sind einer Sammlung entnommen, die 1728 in Paris gedruckt wurde. Die anderen vier Sonaten werden in der Sächsischen Landesbibliothek zu Dresden aufbewahrt. Vielleicht dürfen wir daraus schliessen, dass sie in Dresden entstanden sind. Auf jeden Fall stehen diese Triosonaten noch ganz im barocken Stil; der galante Stil ist noch weit weg. Keine der aufgenommenen Werke nennt die Blockflöte; das an sich will nicht heissen, dass dieses Instrument hier fehl am Platz wäre. Die Blockflöte war bis um die Jahrhundertmitte noch ganz geläufig und wurde vor allem von Laien noch gespielt. Nicht umsonst komponierte Telemann noch viel Kammermusik für die Blockflöte. Ausserdem war Quantz als Oboist ausgebildet worden, und damals spielten Oboisten fast immer auch die Blockflöte. Deswegen ist gegen eine Darstellung wie hier nichts einzuwenden, obwohl die Tatsache, dass in einer Sonate die ersten drei Sätze auf der Altblockflöte gespielt werden und die letzte auf der Sopranblockflöte, vermuten lässt, dass auf jeden Fall in dieser Sonate die Blockflöte nicht das am meisten geeignete Instrument ist. Diese CD ist vom Repertoire her zweifellos interessant, aber von der Interpretation bin ich nicht besonders begeistert. Blockflöte und Geige klingen etwas farblos und das Spiel ist zu geradlinig, mit zu wenig dynamischen Kontrasten. Besonders spannend will es nicht werden. Generell würde ich diese CD als eine vertane Chance bezeichnen. In der Mitte des 18. Jahrhunderts war der Hof Friedrichs des Grossen eines der musikalischen Zentren des deutschen Sprachgebietes. Er engagierte die besten Musiker und Komponisten, wie die Gebrüder Benda und Graun, Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Joachim Quantz. Gabriele Formenti und Gabriele Toia haben ein Programm mit Flötenmusik aufgezeichnet. Darin finden sich Sonaten von Quantz und Carl Heinrich Graun. Daneben gibt es eine Sonate von Carl Philipp Emanuel Bach, dessen Musik Friedrich der Grosse nicht besonders schätzte, da er sie zu modern und zu experimentell fand. An der hier gespielten Sonate mag er Gefallen gefunden haben, denn sie ist im galanten Stil komponiert. Es erklingt auch eine Sonate von Johann Sebastian Bach, die Gabriele Toia nach den Sonaten BWV 1027 und 1039 erstellt hat. Toia komponierte auch eine Passacaglia mit dem Titel 'Abschied von Potsdam', das Carl Philipp Emanuels Abschied von Berlin markieren soll. Schade, dass Formenti hier eine moderne Flöte spielt. Aber der Rest des Programms ist wichtiger, und die Sonaten werden gut gespielt, obwohl ich gerne eine etwas klarere Artikulation gehört hätte. Leider ist die Balance zwischen Flöte und Cembalo alles andere als befriedigend: das Cembalo wird von der Flöte überschattet. Ob die Sonaten von Carl Philipp Emanuel Bach, die François Lazarevitch und Justin Taylor aufgenommen haben, je am Hofe Friedrichs des Grossen gespielt wurden, oder sogar vom Fürsten selber, ist schwer zu sagen. Die meisten Werke sind in den späten 1740er Jahren entstanden, etwa zur gleichen Zeit, als Vater Bach sein Musicalisches Opfer komponierte. Die Sonaten Wq 145 und 149 sind Bearbeitungen früherer Werke; die ursprünglichen Fassungen datieren aus 1731. Die Sonate Wq 149 ist ein neues Werk und entstand 1745. Lazarevitch spielt auch die Sonate in a-Moll für Flöte solo, die dann wieder aus 1747 datiert, wie auch das Trio Wq 83. Schliesslich spielt Justin Taylor die Fantasie in fis-Moll, die Bach in seinem letzten Lebensjahr (1788) komponierte. Vor allem darin begegen wir den Komponisten, der immer wieder neue Wege suchte, und als der wichtigste Vertreter der Empfindsamkeit betrachtet wurde. Dieses Werk besteht aus einer Reihe kontrastierender Abschnitte, die einander ohne Unterbrechung folgen. Warum es auf drei Tracks verteilt wurde, ist mir ein Rätsel. Taylor spielt die Kopie eines Walter-Flügels. In diesem Werk lässt sich das mehr oder weniger verteidigen, denn das Baujahr des Originals wird zwar nicht erwähnt, aber es datiert wahrscheinlich aus den frühen 1790er Jahren. Für die Flötensonaten ist dieses Instrument aber völlig ungeeignet. Da liegt ein Cembalo viel mehr auf der Hand; eventuell käme ein Silbermann-Fortepiano in Betracht. Die Wahl des Klaviers tut dieser Aufnahme gehörig Abbruch. Auf diese Weise wird die historische Aufführungspraxis kompromittiert. Die Interpretationen sind vor allem im Hinblick auf die Verzierungpraxis interessant. Dafür gibt es bei Carl Philipp Emanuel Bach mehrere Anweisungen, und diese versucht man hier umzusetzen. Auch dem Element der Improvisation wird Rechnung getragen. Lazarevitch ist ein sehr guter Spieler, und man wird sich nicht langweilen, aber ich finde seine Darbietungen etwas zu einförmig, vor allem im dynamischen Bereich. Ich hätte grössere Kontraste bevorzugt. Die Musik, die Gabriele Formenti und François Lazarevitch aufgenommen haben, könnte am Hofe Friedrichs erklungen sein. Xenia Löffler hat ein Programm aufgezeichnet mit Musik, die wahrscheinlich in Berlin in Privatkonzerten gespielt wurde. Diese waren bekannt unter dem Namen 'Akademien', und die bekannteste waren die Freitagsakademien, die von Johann Gottlieb Janitsch gegründet worden waren und bei ihm zu Hause stattfanden. Er selber ist auf dieser CD mit einer Sonata da camera für Oboe, Violine und Basso continuo vertreten. Christoph Schaffrath war auch im Dienste Friedrichs; hier erklingt ein Quartett für zwei Oboen, Violine und Basso continuo. Und dann gibt es wieder Carl Philipp Emanuel Bach. Er komponierte drei Werke für Oboe: zwei Konzerte und eine Sonate. Letztere hat Xenia Löffler eingespielt. Es gibt noch ein weiteres Werk: die Sonate in F-Dur in der merkwürdigen Besetzung für Bassblockflöte und Viola; diese wird hier auf Oboe da caccia und Violoncello piccolo gespielt. Wilhelm Friedemann Bach war nicht am Hofe tätig, aber da er mehrere Jahre als Organist in Dresden wirkte, hatte er gute Kontakte zu den führenden Komponisten. Hier erklingt der einzig erhalten gebliebene Satz aus einem Konzert für Oboe und Fagott, in dem die beiden Instrumente nur vom Basso continuo begleitet werden. Schliesslich gibt es noch einen unbekannten Komponisten: Carl Ludwig Matthes; auch er war nicht im Dienste Friedrichs, sondern spielte als Oboist im Ensemble des Markgrafen Friedrich Heinrich von BrandenburgSchwedt. Nur zwei Sonaten aus seiner Feder sind zu uns gekommen, beide herausgegeben von Carl Philipp Emanuel Bach. Hier hören wir die Sonate in EsDur. Xenia Löffler ist einer der weltbesten Vertreter des historischen Oboenspiels und zeigt ihre Qualitäten mit brillanten Interpretationen. Es gibt auch schöne Beiträge von Daniel Deuter auf der Geige und Katharina Litschig auf dem Violoncello piccolo. Das Ensemblespiel lässt nichts zu wünschen übrig. Eine CD der Spitzenklasse. Das Violoncello, wie wir es kennen, trat in den letzten Jahrzehnten in Italien in Erscheinung. Es wurde von italienischen Komponisten mit Musik versehen, und Antonio Vivaldi war einer der wichtigsten Komponisten für das Instrument in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Es wurde als ein typischer Vertreter des italienischen Stils betrachtet, und das macht es verständlich, dass man in Frankreich ihm zunächst ablehnend gegenüberstand. In Deutschland dagegen stand man dem italienischen Stil positiv gegenüber, obwohl Telemann aus seinen Reserven nie einen Hehl machte. Bach studierte die italienischen Konzerte von u.a. Vivaldi und Albinoni, und schrieb bald Konzerte, die unverkennbar vom italienischen Stil beeinflusst worden sind. Für das Violoncello komponierte er sechs Suiten, und damit war er wohl der erste deutsche Komponist, der ihm eine Rolle anvertraute, die über die eines Generalbassinstruments hinaus ging. Allerdings spielt das Violoncello in seinem Oeuvre insgesamt eine untergeordnete Rolle. Es gibt keine Solokonzerte, und auch in den Werken mit verschiedenen Soloinstrumenten kommt es nicht zum Einsatz. Bei Fasch, Telemann und Graupner sieht es nicht anders aus: beide letztgenannten haben nur in einigen Gruppenkonzerten dem Violoncello eine Solorolle zuerteilt. Es waren daher die Komponisten der nächsten Generation, die zur Emanzipation des Violoncellos beigetragen haben. Die drei Konzerte von Carl Philipp

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