Toccata 06/2022

Emanuel Bach gehören zum Standardrepertoire, und Cellisten, die weitere Konzerte des 18. Jahrhunderts spielen möchten, greifen dann direkt nach Haydn. Die Produktion des Ensemble Diderot zeigt aber, dass es durchaus gute Konzerte aus der Zeit zwischen Barock und Klassik gibt, die es wert sind, gespielt zu werden. Johann Wilhelm Hertel komponierte zwei Cellokonzerte, in a-Moll bzw. A-Dur. Beide wurden von Bettina Messerschmidt mit der Merseburger Hofmusik aufgenommen (CPO, 2021). Gulrim Choï spielt hier das Konzert in a-Moll, deren schnellen Sätze den Geist des Sturm-und-Drang atmen; vor allem im ersten Satz ist der melodische Verlauf überraschend. Der langsame Satz ist dann eher der Empfindsamkeit verpflichtet. Interessant ist auch das Konzert in B-Dur von Carl Friedrich Abel, den wir vor allem als Gambenvirtuosen und Komponist von Stücken für die Gambe kennen. Er spielte aber auch das Cello und dieses Konzert komponierte er schon in seiner Berliner Zeit. Auffallend ist vor allem, dass er immer wieder die hohen Positionen aufsucht, mehr als die anderen hier vertretenen Komponisten. Die beiden anderen sind die grossen Unbekannten, deren Konzerte hier zum ersten Mal auf CD erscheinen. Markus Heinrich Grauel (c1720-1799) wirkte, bevor er in den Dienst Friedrichs des Grossen trat, in Mecklenburg-Strelitz. Er hielt den Bogen im Unterhandgriff, wie das Gambisten machen. Sein Konzert in A-Dur steht im galanten Idiom, ist aber stilistisch das am meisten 'barocke' Werk in diesem Programm. Der Böhmer Ignác František Mára (1709-1783) ist ebenfalls unbekannt geblieben; seit 1742 wirkte er am Hofe Friedrichs. Er gehörte zu den höchstbezahlten Migliedern des Orchesters. Es ist gut möglich, dass Carl Philipp Emanuel Bach seine Cellokonzerte für ihn komponiert hat. Sein eigenes Konzert in C-Dur steht diesen in nichts nach. Die beiden schnellen Sätze kontrastieren mit einem theatralischen, expressiven Mittelsatz. Die Qualitäten dieser Konzerte kommen in der Interpretation von Gulrim Choï optimal zum Tragen. Sie verfügt über eine ausgezeichnete Technik, und daher klingt alles ganz selbstverständlich, auch wenn es hohe Anforderungen gibt, wie die hohen Noten in Abels Konzert. Schön sind auch die eingefügten Kadenzen. Das Ensemble spielt, wohl mit Recht, in solistischer Besetzung. Das Ergebnis ist eine perfekte Balance. Der engagierte Aufführungsstil dieses Ensembles erweist sich wieder einmal als das ideale Mittel, um relativ unbekanntes Repertoire auf überzeugende Weise dem Hörer näher zu bringen. Fazit: eine historisch wichtige und musikalisch fesselnde Produktion. Johan van Veen Schmelzer: Violinsonaten. Gunar Letzbor (Violine), Ars Antiqua Austria Pan Classics - PC 10436 (2020; 72') Biber: Violinsonaten. Lina Tur Bonet (Violine), Musica Alchemica Glossa - GCD 924701 (2021; 67') Biber: Rosenkranz-Sonaten. Lucie Sedláková Hulová (Violine), Jaroslav Tuma (Orgel) ARTA - F10256 (2 CDs) (2020; 2.09') Biber: Fidicinium Sacro-Profanum. Harmonie Universelle, Florian Deuter, Mónica Waisman Accent - ACC 24357 (2018; 76') Johann Heinrich Schmelzer kann als Gründer der österreichischen Violinschule betrachtet werden. Nachdem er 1649 in die Wiener Hofkapelle aufgenommen war, konnte er seine Fähigkeiten voll entwickeln, auch als Komponist. In dieser Funktion war er für die Ballettmusik zuständig, die in der Karnevalszeit aufgeführt wurde. 1664 veröffentlichte Schmelzer seine erste - und einzige - Sammlung mit Solosonaten, unter dem Titel 'Sonatae unarum fidium'. Sie zeugen von der fortgeschrittenen Spieltechnik des Komponisten, u.a. im Bereich der Bogentechnik und der Erweiterung der Tessitur bis in die höchsten Lagen des damaligen Griffbrettes. Musikalisch stechen die Sonaten heraus durch brilliante Variationen über einen Ostinatobass und starke Kontraste im Bereich der Affekte. Gunar Letzbor hat die ganze Sammlung aufgenommen und weist in seiner Programmerläuterung darauf hin, dass die Sonaten im Verlauf der Sammlung immer düsterer werden. Das bringt er mit der Lage Europas zu jener Zeit in Verbindung, wie den Angriffen der Türken und den wiederholten Pestpandemien. Schmelzer selbst fiel 1680 einer solchen Pandemie zum Opfer. Die sechs Sonaten werden von einer Ciaccona in ADur erweitert, die noch einmal Schmelzers Variationstechnik unter Beweis stellt. Und dann gibt es zwei Ballette, die vielleicht als Erheiterung dienen können. Sie zeigen eine andere, weniger ernsthafte Seite des Komponisten. Die österreichische/mitteleuropäische Musik des ausgehenden 17. Jahrhunderts gehört zum Kern des Repertoires von Letzbor. Er hat schon viele hervorragende Aufnahmen solcher Musik gemacht, und jetzt liegt mit dieser CD die wohl ideale Interpretation der Sonaten von Schmelzer vor. Sein Spiel ist farbenreich, dynamisch differenziert und immer in der Rhetorik verwurzelt. Die verschiedenen Affekte kommen hier in vollem Umfang zum Tragen. Seine Kollegen tragen mit der Ausarbeitung des Basso continuo dazu gehörig bei. Und die Musik von Schmelzer ist einfach erstaunlich und aufregend. Obwohl Heinrich Ignaz Franz Biber nicht als Schüler Schmelzers gelten darf, gab es Kontakte zwischen den beiden, und es ist schwer vorstellbar, dass Schmelzers Sonaten Biber nicht beeinflusst haben. Beide knüpften an die Entwicklungen im Geigenspiel in den nördlicheren Regionen des deutschen Sprachgebietes an. Schmelzer hatte das schon gemacht, und Biber setzt noch einiges drauf. Das kommt in seiner Sammlung 'Sonatae, Violino solo' des Jahres 1681 gut zum Ausdruck. In Schmelzers Musik sind Doppelgriffe und die Verwendung der Skordatura rar, während sie zu den Merkmalen der Musik von Biber zählen. Und dabei scheut er keine Überraschungen. Die Verwendung einer Skoraturastimmung in einer Sonate ist ein Ding, aber in der Sonata VI verlangt er eine Umstimmung mitten in der Sonate. Wie Schmelzer wird auch Biber oft improvisiert haben, und darauf weisen der Anfang und der Schluss der Sonata I hin, wo die Violine sich über einen Orgelpunkt bewegt. Auch Biber griff immer wieder zur Form der Variation. Lina Tur Bonet nahm die Sonaten I, III, V und VI auf, und in den ersten drei gibt es einen Abschnitt mit dem Titel 'Variatio', und in der Sonata VI finden wir einen mit der Überschrift 'Passagagli'. Gunar Letzbor weist in der Programmerläuterung zu seiner Einspielung der ganzen Sammlung (Symphonia, 1994) darauf hin, dass es darin einen bestimmten Tonartenaufbau gibt. Diese geht in einer Auswahl verloren. Übrigens: vielleicht dürfen wir aus der Tatsache, dass Lina Tur Bonet nur vier der acht Sonaten eingespielt hat, schliessen, dass die restlichen vier später folgen werden. Als Erweiterung erklingt hier die Partia VII aus Harmonia artificioso-ariosa von 1696, für zwei Viole d'amore und Basso continuo. Man könnte diese Interpretation als theatral bezeichnen. Das wird verstärkt durch die üppige Besetzung des Basso continuo. In der dritten Sonate kommt noch eine Harfe zum Einsatz. Das Ergebnis ist eine fesselnde Darbietung dieser brillanten Sonaten. Wieviele Aufnahmen dieser Werke es gibt, weiss ich nicht, aber diese Produktion sollte der Biber-Fan sich auf jeden Fall nicht entgehen lassen. Zu den bekanntesten und am häufigsten aufgezeichneten Werken von Biber gehören die sogenannten Rosenkranz-Sonaten. Unter diesem Titel sind sie - jedenfalls im deutschen Sprachgebiet - bekannt geworden; auf englisch heissen sie Mysteriensonaten. Welchen Titel Biber seinen Sonaten gegeben hat, wissen wir nicht, denn sie wurden nie gedruckt und die Titelseite ist verlorengegangen. Die Sammlung umfasst fünfzehn Sonaten für Violine und Basso continuo sowie eine Passacaglia für Violine ohne Begleitung. In der Handschrift gibt es zu jeder Sonate einen Stich, der eine der Mysterien des Rosenkranzes darstellt. Die Sonaten sind in drei Abschnitte von je fünf Sonaten aufgeteilt: Die freudenreichen Geheimnisse (von Mariä Verkündigung bis zum Verbleib des zwölfjährigen Jesus im Tempel), die schmerzhaften Geheimnisse (vom Leid Christi in Gethsemane bis zu seiner Kreuzigung) und die glorreichen Geheimnisse (Auferstehung und Himmelfahrt Christi, Ausgiessung des Heiligen Geistes sowie Mariä Himmelfahrt und Krönung). Vor der Passacaglia gibt es ein Bild eines Schutzengels mit einem Kind. Es gibt wenig Sicherheit über den Anlass der Komposition oder über die Umstände, unter denen diese Sonaten aufgeführt wurden oder werden sollten. Sie sind dem Prinz-Erzbischof von Salzburg, Max Galdolph von Kuenberg gewidmet. Sie wurden möglicherweise in seiner Privatkapelle während seiner Meditationen über die Mysterien des Rosenkranzes gespielt. Es ist aber auch möglich, dass sie in der Aula Academica der Jesuiten in Salzburg aufgeführt wurden. Dieser Aspekt ist nicht unwichtig, beispielsweise in Bezug auf Akustik und die Frage, welche Instrumente für den Basso continuo in Betracht kommen. Die Wege der Interpreten gehen da ziemlich weit auseinander. Es gibt Aufnahmen mit einer umfangreichen Generalbassgruppe, mit Streich- und Tasteninstrumenten, und oft auch Zupfinstrumenten, wie Theorbe und Harfe. Manche Aufnahmen wurden in grösseren Räumen durchgeführt, andere sind viel intimer im Klang. Lucie Sedláková Hulová und Jaroslav Tuma haben sich für eine Aufnahme in der Kirche Mariä Heimsuchung in Oberpolitz (Horni Police) mit einer zweimanualigen Orgel in der Grundstimmung a'=415 Hz entschlossen. Ich kann mich nicht erinnern, schon mal eine Aufnahme mit so einer Orgel gehört zu haben. Damit könnte diese Einspielung eine interessante Alternative zu den vielen erhältlichen Aufnahmen darstellen. Allerdings scheint mir so eine Aufnahme aus historischer Sicht auf wackeligen Füssen zu stehen. Meines Erachtens beweist diese Musik selbst, dass CD-UMSCHAU 26 TOCCATA - 122/2022

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