Toccata 06/2022

sie sich nicht für einen grösseren Kirchenraum eignet. Die von Biber beabsichtigten Effekte zur Ausmalung der Mysterien kommen nicht voll zum Tragen. Das liegt aber auch am Spiel von Lucie Sedláková Hulová. Sie spielt sehr gut und schön, aber manchmal zu harmlos, beispielsweise in den Sonaten über die Geisselung und die Kreuzigung Jesu. Solche Stücke brauchen einen dramatischeren Ansatz. Wie gesagt, diese Produktion könnte als Alternative betrachtet werden, aber mich hat sie nicht wirklich überzeugt. Im Jahre 1683 erschien in Nürnberg eine Sammlung von zwölf Sonaten von Biber, unter dem Titel 'Fidicinium Sacro-Profanum'. Der vollständige Titel lautet, in deutscher Übersetzung: "Geistlich-weltliches Saitenspiel, für Kirche wie Marktplatz, für mehrere Streichinstrumente kunstgerecht komponiert und für das gemeinsame Spiel geeignet". Daraus lässt sich schliessen, dass diese Sonaten sowohl für den häuslichen Gebrauch als für die Liturgie geeignet sind. Sie sind Bibers Brotherrn, Max Gandolph von Kuenburg, gewidmet. Die ersten sechs Sonaten sind fünfstimmig - für zwei Violinen, zwei Violen und Basso continuo - und die übrigen sechs vierstimmig: Violine, zwei Violen und Basso continuo. Man könnte vielleicht meinen, die erste Gruppe sei - wegen der Dichtheit des Klanggewebes, in der sie an die Consortmusik der Renaissance und des Frühbarock erinnert - vor allem für liturgische Zwecke komponiert, die zweite für die Kammer. Es gibt aber keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen den beiden Gruppen. Beide enthalten getragene und dramatische, fast theatrale Abschnitte. In der zweiten Gruppe unterscheidet sich die Partie der ersten Viola nicht wesentlich von der der Violine, und deswegen wird sie in der Aufnahme von Harmonie Universelle auch auf der Geige gespielt. In dieser Aufnahme hat man anscheinend den kirchlichen Gebrauch vor Augen gehabt, denn im Basso continuo erklingt die von Balthasar König 1714 erbauten Orgel in der ehemaligen Klosterkirche von Nederehe, mit neun Manualregistern und angehängtem Pedal. Zwischen den zwei Gruppen von Sonaten spielt Francesco Corti die Toccata XII aus der Sammlung Apparatus musico-organisticus von Georg Muffat, der mehrere Jahre Bibers Kollege in Salzburg war. Harmonie Universelle ist ein exzellentes Ensemble, dessen Interpretationsstil klar an dem der ehemaligen Musica antiqua Köln orientiert ist. Das bedeutet hier: scharfe Artikulation, klare dynamische Kontraste und eine grosse Farbenpalette, alles verwurzelt im Bewusstsein des rhetorischen und affektiven Gehalts dieses Repertoires. Kurzum: eine spannende und stilistisch überzeugende Darstellung dieser grossartigen Sonaten. Johan van Veen Hofer: Psalmen für den Salzburger Dom. Capella Spirensis, L'arpa festante, Markus Melchiori Christophorus - CHR 77461 (2021; 74') Biber: Requiem. Vox Luminis, Freiburger BarockConsort, Lionel Meunier Alpha - 665 (2019; 72') Salzburg war im 17. Jahrhundert eines der musikalischen Zentren des deutschsprachigen Raums und Europas. Die Stadt profitierte von den Salzbergwerken, die dem Fürstbistum unendlichen Reichtum bescherten. Dies ermöglichte es, einiger der besten Musiker und Komponisten heranzuziehen, um im Dom und am Hofe des Prinz-Erzbischofs tätig zu sein. In der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts waren dies Andreas Hofer, Heinrich Ignaz Franz Biber und Georg Muffat; zu dieser Zeit stand Salzburg unter der Herrschaft von Max Gandolph von Kuenburg. Muffat wurde 1678 zum Hoforganisten ernannt, Biber trat 1670 in den Hofdienst ein und wurde 1684 zum Kapellmeister ernannt. In dieser Position trat er die Nachfolge von Andreas Hofer an. Während Biber und Muffat ganz bekannt sind und ihre Werke in vielen Aufnahmen vorliegen, ist von Hofer (1628/29-1684) fast nichts auf CD erhältlich. Soviel ich weiss hat nur Annegret Siedel mit ihrem Ensemble Bell'Arte Salzburg einige Werke aus seiner Feder aufgenommen (Cantate, 2007). Deswegen ist die Erscheinung einer ganz Hofer gewidmeten Aufnahme beim Label Christophorus von grösster Bedeutung. Hofer liess nur zwei Sammlungen mit Musik drucken. Die erste erschien 1654 und besteht aus 15 Psalmen und Motetten. Die Besetzung ist für Solostimme(n) und Basso continuo; die Psalmen enthalten meistens auch Partien für zwei Violinen. Zwei Motetten sind St Cäcilien gewidmet; eine davon wurde ins Programm einbezogen. Die zweite Sammlung datiert von 1674 und enthält 18 Offertorien. Zudem gibt es noch handschriftlich überlieferte Werke: Messen, Requiems, Psalmen, ein Magnificat und ein Te Deum. Aus der letztgenannten Kategorie wurde hier ein Zyklus von Vesperpsalmen mit Magnificat aufgenommen, der den Titel 'Psalmi brevi' trägt. Es sind tatsächlich kurze Werke: die längste nimmt in dieser Aufnahme etwas weniger als fünf Minuten in Anspruch. Auch die Sammlung von 1654 enthält Vesperpsalmen, und es ist interessant, diese mit den 'Psalmi brevi' zu vergleichen. Letztere sind für fünf Stimmen (SSATB), zwei Violinen, zwei Violen und Basso continuo, während die Psalmen von 1654 alle für Solostimmen komponiert worden sind. Sie sind länger und auch die Besetzung ermöglicht eine detailliertere Textgestaltung. Die Möglichkeiten in diesem Bereich hat Hofer nicht übersehen. Das Programm wird erweitert mit einer der Messen, der Missa Valete. Die Capella Spirensis und das Ensemble L'arpa festante sorgen für exzellente Darbietungen; jeder der Solist*innen verfügt über die Qualitäten, um diese Werke stilgerecht und ausdrucksstark über die Bühne zu bringen. Auch die Instrumentalparts werden stilgerecht dargestellt. Fazit: ein zu spätes, aber würdiges Monument für einen zu Unrecht vernachlässigten Meister. Heinrich Ignaz Franz Biber ist vor allem wegen seiner Instrumentalmusik bekannt. Sein Oeuvre enthält aber auch eine stattliche Zahl von geistlichen Werken. Sein bekanntestes Werk in dieser Abteilung ist die Missa Salisburgensis, die früher Orazio Benevoli zugeschrieben wurde. Von den anderen Werken ist es vor allem das Requiem in f-Moll, dass sich ins Standardrepertoire vorgedrungen hat. Es liegt in mehreren Aufnahmen vor. Es ist eine von zwei Requiemvertonungen, und ist wahrscheinlich nach 1690 entstanden. Die Tonart f-Moll wurde im Barock häufig für Lamentationen und anderen Werken trauriger Art verwendet. Die Besetzung ist für fünf Solostimmen, fünf Ripienisten und ein Instrumentalensemble von zwei Violinen, drei Violen, Violone, drei Posaunen, Fagott und Basso continuo. Die erste Geige übernimmt dann und wann die Rolle eines Obligatinstruments. Vox Luminis und das Freiburger BarockConsort haben eine Aufnahme durchgeführt, die in der Besetzung solistisch ist. Es ist aber wahrscheinlich, dass das Werk ursprünglich in einer etwas grösseren Besetzung dargestellt wurde, denn es sind 29 Einzelstimmen überliefert. Es scheint durchaus möglich, dass Biber die Räumlichkeit der Salzburger Kathedrale hier, genauso wie in der Missa Salisburgensis, ausgenutzt hat. Vorteil einer kleineren Besetzung ist die grössere Durchsichtigkeit und damit eine bessere Textverständlichkeit. Man kann es sowieso den Sängern dieses Ensembles überlassen, den Text klar über die Bühne zu bringen. Die Geigen hätten aber etwas deutlicher ins Bild gerückt werden sollen. Sie können sich gegenüber den Posaunen nur schwer behaupten. Die Wahl der übrigen Werke ist etwas merkwürdig, was von Jérôme Lejeune in seiner Programmerläuterung mehr oder weniger anerkannt wird. Wo Johann Joseph Fux in Österreich wirkte (am Kaiserhof zu Wien) und seine geistliche Musik für die katholische Liturgie komponierte, gehören Christoph Bernhard und Johann Michael Nicolai zur norddeutschen Kultur und zur geistigen Welt des Lutheranismus. Bernhard war Schüler von Schütz und wirkte in Dresden und Hamburg. Lejeune sieht eine Verbindung, in der alle vier die traditionelle Polyphonie mit modernen italienischen Einflüssen verbinden. Das ist an sich richtig, aber noch kein Grund, sie zusammenzubringen; da gab es auch andere Möglichkeiten. Sei's drum: es handelt sich um drei Komponisten, deren Musik wenig bekannt ist. Das Programm fängt mit zwei Stücken von Bernhard an, auf einem deutschen bzw. einem lateinischen Text. In beide wechseln sich solistische und Tuttipassagen ab. Bernhards Oeuvre ist nicht sonderlich gut auf CD vertreten, und deswegen ist die Aufnahme dieser beiden Werke sehr willkommen. Gleiches gilt für das geistliche Oeuvre von Fux; hier erklingt die Motette Omnis terra adoret. Von ihm und von Nicolai wird je eine Sonate gespielt. Insgesamt ist diese Produktion uneingeschränkt gelungen. Es wird auf dem höchsten Niveau gespielt und gesungen. Die beiden Ensembles passen perfekt zusammen und auf eine weitere Zusammenarbeit dürfen wir uns freuen. Johan van Veen Porpora: Dalla Reggia di Flora - Kantaten. Cristina Grifone (Sopran), Mvsica Perdvta Brilliant Classics 96077 (2019; 65') Porpora: L'amato nome - Kantaten Op. 1. Stile Galante, Stefano Aresi Glossa - GCD 923513 (2 CDs) (2016/17; 2.29') La Lucrezia. Carlo Vistoli (Altus), Le Stagioni, Paolo Zanzu la Música - LMU 029 (2021; 60') Das Interesse am Oeuvre von Nicola Antonio Porpora scheint in letzter Zeit zu wachsen. Zu Recht, denn er war einer der angesehensten Opernkomponisten seiner Zeit und vor allem als Gesangslehrer berühmt. Unter seinen Schülern waren einiTOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU 27

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