Toccata 06/2022

ge der bekanntesten Kastraten. Porpora trug auch wesentlich zur Gattung der Kammerkantate bei, einer der beliebtesten Formen der Vokalmusik in Italien in der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts. In den letzten Jahren sind mehrere CDs mit Kantaten erschienen. Obwohl es in den jeweiligen Textheften nicht erwähnt wird, ist es wahrscheinlich, dass die meisten Kantaten auf den beiden ersten hier rezensierten CDs, Erstaufnahmen sind. Die sieben Kantaten auf der Brilliant Classics-CD haben gemeinsam, dass sie für Sopran und Basso continuo gesetzt sind, und dass sie alle handeln von Blumen und Pflanzen. Diese wurden damals häufig mit der Liebe in Verbindung gebracht. Auf welche Weise das geschieht, wird dem Hörer, der kein Italienisch versteht, aber vorenthalten, denn die Gesangstexte wurden ohne jegliche Übersetzungen im Textheft abgedruckt. Trotzdem kann nicht bezweifelt werden, dass Porpora schon wusste, wie er einen Text vertonen sollte. Und selbstverständlich sind diese Kantaten exzellent für die Stimme komponiert. Dabei fällt auf, wie unterschiedlich er die Stimme behandelt. Es trägt dazu bei, dass diese Aufnahme sehr unterhaltsam ist. Das ist auch der Interpretation zu verdanken. Cristina Grifone hat eine schöne Stimme, die auch sehr wendig ist, was notwendig ist, um die zahlreichen Koloraturen gestalten zu können. Die Rezitative werden mit der notwendigen rhythmischen Freiheit dargestellt. Einziger Kritikpunkt ist, dass sie in einigen Arien in den Dacapos den Umfang der Partie überschreitet, was generell unerwünscht ist. Angesichts des generellen Niveaus der Interpretation, ist das ein relativ kleines Übel. Von 1733 bis 1736 wirkte Porpora in London, wo er Händel Konkurrenz machen sollte im Dienste der Opera of the Nobility. Daraus wurde aber nichts. Ausserdem scheinen die beiden sich durchaus gemocht zu haben. In London veröffentlichte Porpora 1735 eine Sammlung von zwölf Kantaten als sein Opus 1. Sie war dem Prinzen von Wales gewidmet. Der Kontakt kam wahrscheinlich über Porporas ehemaligen Schüler Farinelli zustande, der oft Kantaten sang mit dem Prinzen auf dem Violoncello. Stefano Aresi schreibt im Textheft, dass der Basso-continuo-Part auffällig melodisch ist. Er vermutet, dass Porpora damit den Fähigkeiten des Prinzen auf dem Violoncello Rechnung tragen wollte. Da diese Partie oft ziemlich anspruchsvoll ist, gibt das einen Eindruck von den beachtlichen technischen Fähigkeiten des Prinzen. Sechs der Kantaten sind für Sopran und sechs für Alt, alle mit nur Basso continuo. Aresi weist darauf hin, dass Kammerkantaten - entgegen der generellen Meinung - nicht als 'Opern in Taschenformat' betrachtet wurden. Es handelt sich um vokale Kammermusik, die in den Versammlungen der Akademien aufgeführt wurde. Das will aber nicht heissen, dass solche Kantaten keine dramatischen Elemente enthalten. Der Opus 1 von Porpora bietet verschiedene Beispiele davon. Im Bereich der Aufführungspraxis hat diese Einspielung etwas Interessantes zu bieten. Das bezieht sich auf die Verzierungen: heute werden diese in den Dacapos hinzugefügt. Aresi weist aber darauf hin, dass damals von Anfang bis Ende Verzierungen gesungen wurden, und das wird hier in die Praxis umgesetzt. Das macht diese Produktion sowieso interessant. Darüber hinaus haben wir es mit schönen Kantaten zu tun, wo man wieder den Gesangslehrer am Werke hört, der genau weiss, wie er die menschliche Stimme behandeln soll. Die Kantaten sind auf vier Sängerinnen verteilt, die jeweils drei Kantaten darstellen: Francesca Cassinari und Emanuela Galli (Sopran) sowie Giuseppina Bridelli und Marina De Liso (Alt). Die Leistungen sind unterschiedlich. Alle wissen sie mit den Kantaten schon etwas anzufangen, aber stilistisch gehen ihre Wege zum Teil auseinander. Marina De Liso erlaubt sich ein relativ grosses Dauervibrato, während die anderen da viel zurückhaltender sein. Francesca Cassinari verzichtet fast ganz darauf. Es ist merkwürdig, dass Stefano Aresi, der musikalische Leiter, darin nicht konsequent ist. Vielleicht meint er, dass Vibrato etwas ist, das zu einer Stimme gehört, genauso wie das Timbre. Das ist ein Missverständnis. Sänger eignen sich es an; dann ist es auch möglich, es sich abzugewöhnen. Schade, dass in dieser Hinsicht diese Interpretationen nicht konsequenter sind. Das schmälert keineswegs meine Wertschätzung dieser wichtigen Produktion. Porpora begegnen wir auch auf der letzten CD, zusammen mit Händel und Vivaldi. Als Händel in Italien eintraf, machte er Bekanntschaft mit den wichtigsten Gattungen der Vokalmusik: Oper, Oratorium, Serenata, Kantate und Duett. Schon bald fing er an, selbst zu den verschiedenen Gattungen beizusteuern. Er komponierte viele Kammerkantaten, die aber zum Teil in der Form abweichen vom damaligen Standard. Das erste Werk, das Carlo Vistoli mit dem Ensemble Le Stagioni aufnahm, zeugt davon. La Lucrezia fängt an mit zwei Paaren von Rezitativ und Arie, ganz nach der Gewohnheit. Aber dann folgt eine dramatische Szene, in der Abfolge furioso-recitativo-aria-recitativo-arioso-recitativo-furioso. Dieses Werk könnte man durchaus als eine 'Oper in Taschenformat' bezeichnen. Händel hat es für Sopran geschrieben, möglicherweise für die Sopranistin Margherita Durastanti. Es gibt aber verschiedene Aufnahmen mit einer Altstimme, entweder weiblich oder männlich. Musikalisch ist dagegen nichts einzuwenden, da die Begleitung sich auf Basso continuo beschränkt. Inhaltlich sieht das etwas anders aus, da die Protagonistin eine Frau ist. Angesichts der Beliebtheit des Oeuvres von Händel, einschliesslich seiner Kantaten, ist es schon bemerkenswert, dass diese CD zwei Kantaten enthält, die - nach Mitteilung von Vistoli im Textheft - noch nie aufgenommen worden sind. 'Deh, lasciate e vita e volo' und 'Ninfe e pastori' sind in Charakter ganz anders als La Lucrezia, und sind den soeben besprochenen Kantaten von Porpora ähnlich. Letztgenannte Kantate versetzt uns in die imaginäre Welt Arkadien, die von Hirten und Nymphen bevölkert wird. Es gibt sie in drei Fassungen: zwei für Sopran und eine für Alt. Letztere ist die zweite, und diese ist nach 1710, vielleicht in England, entstanden. Porpora ist hier mit einer der Kantaten aus dem Opus 1 vertreten, dessen vollständige Aufnahme ich soeben besprochen habe. Schliesslich Vivaldi: von ihm erklingt 'Pianti, sospiri, e dimandar mercede', deren letzte Arie technisch virtuos ist, und das ist wohl der Grund, dass die CD damit abgeschlossen wird. Ich muss bekennen, dass ich kein Bewunderer von Carlo Vistoli bin. Ich finde seine Stimme nicht sonderlich attraktiv, aber das ist Geschmackssache. Ich weiss seine Interpretationen in dieser Produktion durchaus zu schätzen, obwohl ich gerne etwas weniger Vibrato gehört hätte. La Lucrezia ist vielleicht auch weniger dramatisch als ich erwartet hätte. Die anderen Stücke haben mir besser gefallen. Schön ist, dass er in seinen Verzierungen nicht übertreibt und keine Linien neu komponiert. Marco Frezzato (Violoncello), Simone Vallerotonda (Theorbe) und Paolo Zanzu (Cembalo) sind seine zuverlässige Partner. Johan van Veen Händel: Salve Regina. Julie Roset (Sopran), Millenium Orchestra, Leonardo García Alarcón Ricercar - RIC 442 (2021; 74') Händel: Utrechter Te Deum & Jubilate. Christina Landshamer, Anja Scherg (Sopran), Reginald Mobley (Altus), Benedikt Kristjánsson (Tenor), Andreas Wolf (Bass), Gaechinger Cantorey, HansChristoph Rademann Carus - 83.310 (2018, Live-Mitschnitt; 80') Händel: Chandos Te Deum; Chandos Anthem Nr. 8 Grace Davidson (Sopran), Charles Daniels, Nicholas Mulroy, Benedict Hymas (Tenor), Edward Grint (Bass), London Handel Orchestra, Adrian Butterfield Onyx - 4203 (2017; 66') Händel: Chandos Anthems. Florie Valiquette (Sopran), Nicholas Scott (Tenor), Virgine Ancely (Bass), Choeur & Orchestre Marguerite Louise, Gaétan Jarry Château de Versailles Spectacles - CVS072 (2021, 65') Händel: Coronation Anthems, Dettingen Te Deum. Le Concert Spirituel, Hervé Niquet Alpha - 868 (2021; 68') Als Händel in Italien antraf, fing er schon bald an, Musik in den damals geläufigen Gattungen zu komponieren. Dazu gehörte auch Musik für die katholische Kirche, obwohl er selber protestantisch war und sich weigerte zum Katholizismus zu konvertieren. Zu seinen Werken für den katholischen Gottesdienst gehört eine Vertonung der Marienantiphon Salve Regina; sie wurde möglicherweise 1707 in der Privatkapelle des Markgrafen Francesco Ruspoli zu Vignanello aufgeführt, und später nochmals in Rom. Die Besetzung für Sopran, zwei Violinen und Basso continuo war ganz üblich; eine Besonderheit ist die Obligatpartie für Orgel im dritten Satz, 'Eja mater'. Es liegt nahe, dass Händel selber diese Partie spielte. Er hat nie eine Messe komponiert, nicht einmal einen Messsatz, abgesehen vom Gloria, das 2001 als ein authentisches Werk aus seiner Feder anerkannt wurde. Die Besetzung ist wieder Sopran, zwei Violinen und Basso continuo. Es steht nicht fest, wann das Stück komponiert worden ist. Die Partitur und die Stimmen befinden sich in der Royal Academy of Music in London, aber es wurde mit Sicherheit nicht in England komponiert, denn für ein lateinisches Gloria hab es da kein Bedürfnis. Es ist entweder in Italien entstanden oder schon vor Händels Abreise nach Italien. Vor allem der erste und der letzte Abschnitt sind virtuos dank der vielen Koloraturen. Das dritte Werk, das von Julie Roset und dem Millenium Orchestra aufgenommen wurde, ist Silete venti, eine Motette, die um 1724 entstanden ist. Obwohl sie der italienischen Motette ähnelt - zwei Arien, getrennt von einem Rezitativ, und ein abschliessendes Alleluia - hat Händel sich hier etwas Besonderes einfallen lassen: das Werk beginnt mit zwei Instrumentalsätzen, und der zweite wird 28 TOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU

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