Toccata 06/2022

halbwegs abgebrochen, wenn der Sopran interveniert mit den Worten "Winde, seid still, Blätter, rauschet nicht". Es hat einen dramatischen Effekt, und man erkennt den Opernkomponisten. Ferner singt Julie Roset noch zwei Arien, aus Esther und aus Il Trionfo del Tempo. Letztere schliesst das Programm ab, und da dieses Werk in Italien entstanden ist, schliesst sich damit auch der Kreis. Julie Roset ist eine Sängerin am Anfang ihrer Karriere, aber sie hat schon mehrmals auf sich aufmerksam gemacht. Sie verfügt über eine schöne, klare und wendige Stimme. Mit den Koloraturen hat sie keine Probleme. Sie schenkt dem Text viel Aufmerksamkeit und verzichtet auf Vibrato, das nur dann und wann als Verzierung eingesetzt wird - ganz, wie es sich gehört. Das Salve Regina und das Gloria habe ich schon mal in guten Aufnahmen gehört, im Falle von Silete venti ist Julie Rosets Interpretation die beste, die ich kenne. Es gibt zwei Kritikpunkte. In einigen Stücken entfernt sie sich Dacapos etwas zu weit vom Original, und in der Arie aus Esther überschreitet sie den Umfang der Partie, was unerwünscht ist. Ich hoffe, dass sich die Farbenpalette ihrer Stimme noch etwas weiter entwickelt. Aber schon jetzt soll sie als eine grosse Hoffnung im Bereich der alten Musik gelten. Es ist schön, dass sie sich hier auf eine so überzeugende Weise präsentieren kann. Als Händel sich in England niederliess, präsentierte er sich zuerst als Opernkomponist. Im Jahre 1711 wurde Rinaldo uraufgeführt, bald gefolgt von weiteren Bühnenwerken. Dazu gehört auch Il pastor fido; das von der Gaechinger Cantorey unter der Leitung von Hans-Christoph Rademann aufgeführte Programm enthält eine Suite aus diesem Werk. Händel knüpfte zur gleichen Zeit aber auch Kontakte zum Hof, und das führte dazu, dass er 1713 eine Ode für den Geburtstag der Königin Anne komponierte. Sie hatte eine schwache Gesundheit, und deswegen wurde das Werk wahrscheinlich nur im intimen Kreis am Hofe aufgeführt. Im Text wird Anne gelobt als eine Monarchin, die Frieden gebracht hat. Nach dem einleitenden Duett für Alt und Trompete mit dem Text "Ewige Quelle göttlichen Lichts, schicke Deine Strahlen aus mit doppelter Wärme, und scheine mit ganz besonderer Pracht, um diesem Tag noch mehr Glanz zu verleihen", folgt als Refrain, das am Ende jedes Abschnitts wiederholt wird: "Der Tag, an dem die grosse Anne geboren wurde, die einen dauerhaften Frieden auf Erden festigte." Damit nimmt der Textdichter, Ambrose Philips, Bezug auf den Frieden von Utrecht, der einige Monate später unterzeichnet wurde und das Ende des Spanischen Erbfolgekrieges besiegelte. Und dieser Friedensschluss war der Anlass zur Komposition eines Te Deums, das als das 'Utrechter Te Deum' bekannt geworden ist. Wie im protestantischen England üblich, vertonte Händel den englischen Text, wie er im Book of Common Prayer aufgenommen war. Dazu kam das Jubilate, eine Vertonung des 100. Psalms. Diese Kombination war Tradition; 1694 vertonte Henry Purcell ebenfalls diese Texte gemeinsam. Dieses Werk hat Händel deutlich beeinflusst: er setzt die Trompeten genau dort ein, wo sie auch bei Purcell erklingen, und der Chor ist meistens fünfstimmig, wie bei Purcell. Es war eine gute Idee, diese Werke in ein Konzert zusammenzubringen, wie HansChristoph Rademann es machte am 9. September 2018 in der Stuttgarter Liederhalle. Carus hat dieses Konzert auf CD veröffentlicht, und man kann die Leistungen aller Beteiligten nur bewundern. Herausragend ist der Altus Reginald Mobley, der über eine sehr schöne Stimme verfügt, und subtil und mit viel Stilbewusstsein seine Partien singt. Das schon erwähnte Duett ist ein Höhepunkt dieser Aufnahme. Die Solisten treten meistens zusammen in verschiedenen Kombinationen auf, und generell mischen die Stimmen sich gut. Problematisch ist nur dann und wann Christina Landshamer, die ihr Vibrato etwas mehr hätte beschränken sollen. Chor und Orchester sind in bestechender Form. Das Utrechter Te Deum und Jubilate gibt es in mehreren guten Einspielungen, aber die Ode habe ich bis dato noch nicht so gut gehört wie hier. Teile aus dem Jubilate hat Händel später umgearbeitet und in seine sogenannten ChandosAnthems einbezogen. Und damit sind wir bei den zwei nächsten CDs. Händel unterhielt zwischen 1717 und 1720 Beziehungen zu James Brydges, der während des Spanischen Erbfolgekrieges Zahlmeister in der Armee von Königin Anne war. Das brachte ihm grosse Summen Geld ein, was es ihm ermöglichte, das Landgut Cannons zu kaufen und auszubauen. Er verfügte über eine kleine Kapelle, Cannons Concert genannt, die aus professionellen Musikern und Mitgliedern seines Haushalts bestand. Er liess auch eine Kapelle errichten, die aber zur Zeit, als Händel seine Anthems komponierte, noch nicht fertig war. Deswegen wurden sie in der nahegelegenen St. Lawrence Church zu Little Stanmore aufgeführt. Und eben dort entstand auch die Aufnahme zweier für Cannons komponierten Werke, die wahrscheinlich als Paar gemeint sind: eine Vertonung des Te Deums sowie 'O come let us sing unto the Lord', eine Vertonung von Versen aus den Psalmen 95 bis 97, 99 und 103. Eine Besonderheit ist, dass die Zahl der Mitwirkenden klein ist, und das entspricht dem Umfang des Cannons Concert. Soli und Tutti sind dreistimmig: Sopran, Tenor und Bass. In den hier aufgenommenen Werken kommt dazu noch ein zweiter Tenor, und im Te Deum singt ein dritter Tenor nur in den Tuttiabschnitten mit. Das Instrumentalensemble besteht aus zwei Blockflöten, Oboe, Fagott, zwei Violinen, Violoncello, Kontrabass und Orgel. Im Te Deum gibt es einen Abschnitt, in dem eine Trompete verlangt wird. Es ist das einzige für Cannons komponierte Werk mit einer Trompetenstimme. Es gibt schon mehrere Aufnahmen der Chandos-Anthems, aber Interpretationen, die der Besetzung des Cannons Concert Rechnung tragen, sind rar. Deswegen ist die bei Onyx erschienene Einspielung von grosser Bedeutung. Historisch ist sie sowieso interessant, aber auch musikalisch stimmt hier alles. Die Solisten sind erste Sahne, und ihre Stimmen mischen sich perfekt, was hier von grösster Bedeutung ist. Dass die Aufnahme in der Kirche durchgeführt wurde, wo diese Werke zum ersten Mal erklungen sind, verleiht diesen Darbietungen zusätzliche Authentizität. Es ist zu hoffen, dass weitere ChandosAnthems in dieser Besetzung auf CD erscheinen werden. Die unter der Leitung von Gaétan Jarry aufgenommene Aufführung drei weiterer Anthems erfüllt diese Hofffnung nicht, denn hier erklingen sie in grosser Besetzung. Diese CD enthält drei Anthems. 'As pants the hart for cooling streams' ist die Vertonung einer Paraphrase des 42. Psalms; es ist die Umarbeitung eines Anthems, das Händel 1712 für die Chapel Royal komponiert hatte, in der üblichen Besetzung für vier Stimmen, aber nur mit Orgelbegleitung. Die Zahl der Stimmen wurde auf drei reduziert, und Händel fügte Partien für die in Cannons verwendeten Instrumente hinzu. Verse aus dem 96. Psalm und ein Vers aus Psalm 93 liegen 'O sing unto the Lord' zugrunde. Auch hier haben wir es mit einer Umarbeitung zu tun; die erste Fassung datiert von 1714 und wurde ebenfalls für die Chapel Royal komponiert. Diese hatte eine umfangreiche Besetzung mit Traversflöte, Bratschen und Trompeten; hier hat Händel die Instrumentalbesetzung reduziert. 'O be joyful in the Lord' hat ebenfalls eine Vorlage: das obengenannte Utrechter Jubilate. Händel fügte u.a. eine instrumentale Einleitung hinzu, und dafür benutzte er Sätze aus dem Utrechter Te Deum und das 'Caroline' Te Deum. Im Textheft schreibt David Vickers: "Die Aufnahme stellt diese anglikanischen Hymnen in Kammermusikformat in der königlichen Kapelle in Versailles in einen neuen Rahmen. Gaétan Jarry verwendet aufgrund der grosszügigen Akustik zusätzliche Instrumentalisten und Chorstimmen - etwa in der Mitte zwischen Händels eigenen Polaritäten St. Paul Cathedral und St Lawrence, Little Stanmore". Das ist eine nette Art, um zu sagen, dass Jarry die ursprüngliche Besetzung ignoriert. Zwar war man im Barock nicht ungeneigt, Musik dem Raum anzupassen, aber das gilt für Stücke, die für wiederholte Aufführungen von unterschiedlichen Interpreten gemeint waren, und oft in Druck erschienen. Bei Gelegenheitswerken liegt das anders: die kamen in der Regel nur einmal, bei einer bestimmten Gelegenheit und in einem bestimmten Raum zur Aufführung. Da soll man sich an den ursprünglichen Verhältnissen orientieren. Wenn die Musik nicht zum Raum passt, sollte man sich einen passenderen Raum aussuchen. Generell wird gut gesungen und gespielt. Von den Solisten sind vor allem die Leistungen von Nicholas Scott und Virgine Ancely lobenswert. Florie Valiquette hat eine angenehme Stimme, hätte aber ihr Vibrato reduzieren sollen. Gaétan Jarry spielt zwei Orgelwerke: eine Chaconne für Cembalo und ein Voluntary, das als ein unechtes Werk von Händel betrachtet wird. Das macht die Wahl dieses Werkes, wie schön es auch ist, unverständlich. Im September 2022 verstarb die britische Königin Elizabeth II. Ihr Sohn Charles wird/wurde im gleichen Jahr zum neuen König gekrönt. Welche Musik bei dieser Gelegenheit auch erklingen wird, mit Sicherheit wird Händels Coronation Anthem 'Zadok the Priest' dabei sein. Er komponierte das Werk 1727 zur Gelegenheit der Krönung des George I. und seitdem wurde es bei jeder Krönung gesungen. Insgesamt vier Anthems kamen 1727 zum Klingen, in der ursprünglichen Reihenfolge: Let thy hand be strengthened, Zadok the Priest, The King shall rejoice und My heart is inditing. Letzteres Werk wurde während der Krönung der Königin gesungen. Aus Zeugenberichten wird klar, dass ein ganz grosses Ensemble für die Aufführung eingesetzt wurde. Es war sogar die Rede von 40 Sängern und 160 InstruTOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU 29

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