Toccata 06/2022

mentalisten. Letztere Zahl scheint reichlich übertrieben und ein so grosses Orchester lässt sich heute wohl kaum auf die Beine bringen. Hervé Niquet hat versucht, dem damaligen Aufführungsapparat nahezukommen. Im Chor gibt es 35 Stimmen, im Orchester spielen zehn Geigen, vier Bratschen, vier Violoncellos, zwei Kontrabässe und Orgel. Dazu noch zehn Oboen, sechs Fagotte, acht Trompeten und zwei Pauken. Es ist schon etwas merkwürdig, dass die Zahl der Bläser die der Streicher übertrifft. Ich kann dafür keinen Grund entdecken. Es gibt zwei weitere Besonderheiten. Die Anthems enthalten keine Soloparts, aber es wird angenommen, dass innerhalb der Werke einige Abschnitte von einem 'semi-chorus' gesungen wurden. Das wird auch hier gemacht. Und dann gibt es die Trompeten: hier werden Instrumente ohne Grifflöcher gespielt, wie damals üblich. Solche Instrumente bringen zusätzliche Farben ins Orchester. Es ist schön, dass ein Versuch unternommen wurde, die ursprünglichen Aufführungen zu rekonstruieren. Und es wird sehr gut gesungen und gespielt. Es gibt aber durchaus einige Probleme. Die Aufnahme fand in einer leeren Halle statt, und das hat akustische Folgen, die sich vor allem in einer oft unklaren Artikulation bemerkbar machen, vor allem, da Niquet generell zügige Tempi bevorzugt. Der instrumentale Einleitung von Zadok the Priest - einer der Gründe der Popularität dieses Stücks - kommt überhaupt nicht zur Geltung und entbehrt die notwendige Spannung. Es wird zu laut gespielt und es gibt keinen dramatischen Aufbau. Generell benachdruckt Niquet den Glanz des Ereignisses, aber vernachlässigt die dramatischen und expressiven Aspekte. Es ist bezeichnend, dass die Stille vor dem Schluss des Anthems 'The King shall rejoice' durch einen Paukenwirbel - nicht von Händel verlangt - zunichte gemacht wird. Das Programm wird erweitert mit dem Dettinger Te Deum, das Händel 1743 komponierte aus Anlass des Sieges Königs George II. in der Schlacht zu Dettingen gegen Frankreich. Es gab verschiedene Umstände, die dafür sorgten, dass das Werk nicht, wie erwartet, in St Paul's Cathedral aufgeführt wurde, sondern in der viel kleineren Chapel Royal. Von daher ist es fraglich, ob soviele Musiker eingesetzt wurden als 1727, obwohl Händel das geplant hatte. Dem wird hier nicht Rechnung getragen: auch hier kommt das gesamte Ensemble zum Einsatz. Im Gegensatz zu den Coronation Anthems enthält das Dettinger Te Deum Solopartien. Diese werden hier aber auch von einem 'semi-chorus' gesungen. Das scheint mir eine Fehlentscheidung. Diese CD ist schon eindrucksvoll, und vermittelt ein gutes Bild der jeweiligen Ereignisse, die hier in Klang dokumentiert werden. Es gibt aber auch substantielle Mängel, und deswegen kann diese Produktion nicht voll überzeugen. Johan van Veen Tiroirs secrets - French organ rarities. Lucile Dollat (Orgel), Michael Metzler (Schlagzeug) Château de Versailles Spectacles - CVS057 (2020; 73') Versailles Westminster. Constance Taillard (Cembalo, Orgel) Château de Versailles Spectacles - CVS056 (2020; 79') Die Orgelmusik, die im 17. und 18. Jahrhundert in Frankreich komponiert wurde, war fast immer für die Liturgie, und insbesondere die Alternatimspraxis, bestimmt. Verschiedene Organisten veröffentlichten Sammlungen mit Stücken, die - wie in der Cembalomusik üblich - in Suiten geordnet waren. Die einzelnen Sätze konnten mit bestimmten Elementen in der Liturgie verbunden werden, auch wenn das nicht nachdrücklich erwähnt wurde. Im Laufe der Zeit fand eine 'Säkularisierung' der Orgelmusik statt. Komponisten entfernteten sich immer mehr von den gregorianischen Gesängen, die früher die Grundlage von Orgelwerken waren. Der Einfluss des italienischen Stils machte sich bemerkbar, beispielsweise im Oeuvre von Jean-François Dandrieu, der seine Triosonaten für die Orgel bearbeitete. Dieser Prozess der Säkularisierung fand seinen Höhepunkt im Oeuvre von Claude-Bénigne Balbastre (1724-1799), der vor allem wegen seiner Noëls bekannt geworden ist, aber auf der ersten hier rezensierten CD von Lucile Dollat mit einem Concerto vorgestellt wird, das für ein öffentliches Konzert bestimmt ist. Die Komposition 'weltlicher' Orgelmusik wurde von der Errichtung einer Orgel im neuen Konzertsaal des Concert Spirituel in Paris angeregt. Während Balbastre relativ bekannt ist, sind die anderen Komponisten, die auf dieser CD zu hören sind, weitgehend unbekannt geblieben. Ihre Werke befinden sich in den 'geheimen Schubladen', wie der Titel der CD lautet. Das sind André Raison (c1640/501719), Charles Piroye (1665-1724) und François d'Agincour (1684-1758). Der unbekannteste ist Piroye; seine fünf hier gespielten Stücke sind nicht für den liturgischen Gebrauch gemeint und zeigen grosse Ähnlichkeit mit der Cembalomusik der Zeit. Sie können auf beiden Instrumenten oder von einem Instrumentalensemble gespielt werden. Aber auch in der Liturgie fand eine Säkularisierung statt: das Programm endet mit dem Offertorium über Vive Le Roy des Parisiens, das Raison zu Ehren Ludwigs XIV. komponierte. Von d'Agincour werden zwei Suiten gespielt, und das sind liturgische Werke im traditionellen Stil. Das Programm dieser CD ist interessant und Lucile Dollat ist eine exzellente Organistin, die die ausgewählten Werke vorzüglich darstellt. Ich würde diese CD ohne Reserven empfehlen, wenn Frau Dollat nicht Michael Metzler eingeladen hätte, in Balbastres Concerto, in einigen Stücken von Piroye und in Raisons Offertorium auf seinem Schlagzeug mitzuspielen. Im Textheft wird zugegeben, dass die Musik dazu keinerlei Anlass gibt. Der eine oder andere mag das als eine 'kreative Interpretation' betrachten, es hat mir den Spass gründlich verdorben. Mit historischer Aufführungspraxis hat es auf jeden Fall nichts zu tun. Selbstverständlich wird auf der Orgel in der Kapelle zu Versailles meistens französische Musik gespielt. Dann ruft der Titel der zweiten CD Fragen auf: was haben der Londoner Stadtteil Westminster und Versailles mit einander zu tun? Auf der Rückseite lesen wir: "Während der Regierungszeit Ludwigs XIV. bestand zwischen Frankreich und England eine enge musikalische Verbindung, dank zwei englischer Herrscher, die nach Frankreich verbannt worden waren. Frankophile und Frankophone, Katholiken und Verbündete ... blutsverwandt mit ihrem Cousin: dem weltgrössten König". Diese Aussage ist nicht ganz richtig. Die beiden englischen Monarchen waren Charles II., der infolge der Restauration 1660 den britischen Thron bestieg, und sein jüngerer Bruder James, der ihm 1685 nachfolgte, da Charles keinen (legitimen) Sohn hatte. Charles war jedoch kein Katholik, im Gegensatz zu James, und dies führte dazu, dass letztgenannter während der Glorious Revolution von 1688 abgesetzt wurde und Charles' Tochter Mary und ihren Ehemann, den niederländischen Statthalter Willem III., auf den Thron brachte. Ludwig XIV. war durch seine Mutter mit den beiden englischen Monarchen verbunden: Die Frau von Ludwigs XIII. war die Schwester von Charles' Mutter. In der englischen Musik der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts ist der französische Einfluss unverkennbar, beispielsweise in der Instrumentalmusik von Purcell. In sofern ist das Konzept dieser Produktion interessant und sinnvoll. Allerdings ist die Art und Weise, wie es herausgearbeitet wird, nicht unproblematisch. Jene Werke, die deutlich für das Cembalo gemeint sind, werden auf einem Instrument von Blanchet aus dem Jahre 1746 gespielt: zwei Werke von Purcell und drei Stücke aus Opern von Lully, für das Cembalo bearbeitet von JeanHenry d'Anglebert. Auf der Orgel erklingen zwei Suiten von Guillaume-Gabriel Nivers (1632-1714) bzw. Nicolas Lebègue (1631-1702). Von Purcell werden zwei Voluntaries gespielt, darunter das Voluntary for Double Organ. Da hören wir Klänge, die Purcell sich nicht hat vorstellen können. Noch problematischer ist die Darstellung auf der Orgel von Stücken aus Bühnenwerken von Purcell. Zwar wurden solche Stücke für Cembalo bearbeitet, vergleichbar mit d'Angleberts Transkritptionen von Stücken aus Opern von Lully, aber diese sind doch klar für das Cembalo gemeint. Es war eine wenig glückliche Entscheidung von Constance Taillard, sie auf der Orgel zu spielen. In Purcells Zeit wurden Kirchenorgeln nicht für die Darstellung weltlicher Musik verwendet. Ich kann diese CD deswegen nicht ohne Vorbehalte empfehlen. Glücklicherweise gibt das Spiel von Frau Taillard dazu keinerlei Anlass. Ihre Interpretationen sind sehr gut, sie zeigt ein gutes Verständnis für den rhetorischen Charakter des Repertoires und es gibt klare dynamische Kontraste zwischen guten und schlechten Noten. Im Programm sind vor allem die Suiten von Lebègue und Nivers wenig bekannt, und deswegen ist es erfreulich, dass sie hier so schön gespielt werden. Johan van Veen La la hö hö - Musik des 16. Jahrhunderts für den reichsten Mann der Welt. Linarol Consort Inventa - INV1005 (2020; 68') Ochsenkun: Heidelberger Tabulaturbuch. Dorothee Mields (Sopran), Jan Kobow (Tenor), Niklas Trüstedt, Matthias Müller (Viola da gamba), Andreas Arend (Laute) CPO - 555 267-2 (2019; 60') Othmayr: Gift & Gegengift - Laster & Tugenden in Liedern der Renaissance. Franz Vitzthum (Altus), Dryades Consort, Silvia Tecardi Christophorus - CHR 77455 (2020; 74') Die königliche Hochzeit, München 1568. Musica Fiata, La Capella Ducale, Roland Wilson deutsche harmonia mundi - 019075876712 (2018; 82') Lassus: Le nozze in Baviera - Musik für die Hochzeit von Wilhelm von Bayern und Renate von Lothringen 1568. Ensemble Origo, Eric Rice Naxos 8.579063 (2016; 61') Der grösste Teil der Instrumentalmusik der Renaissance wurde für ein Tasteninstrument oder für Zupfinstrumente geschrieben. Es gab aber 30 TOCCATA - 122/2022 CD-UMSCHAU

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