Toccata 06/2022

auch Musik für Instrumentalensembles: das wird heute als Consortmusik bezeichnet. Das Repertoire besteht aus Tänzen und Instrumentalfassungen von Vokalmusik. Solche Musik hat das Linarol Consort aufgenommen. Die eingespielten Stücke stammen aus einer Handschrift, die in der Wiener Nationalbibliothek aufbewahrt wird. Sie besteht aus fünf Stimmbüchern und es wird angenommen, dass die Zusammenstellung um 1533 abgeschlossen wurde. Die in dieser Quelle enthaltene Musik stammt hauptsächlich von Komponisten, die am Habsburgischen Hof zu Wien tätig waren, insbesondere Heinrich Isaac, Paul Hofhaimer und Ludwig Senfl. Es sind auch Vokalwerke dabei, aber hier erklingen nur Instrumentalstücke. Für wen diese Sammlung gemeint war, ist unbekannt; möglicherweise war es die Fugger Familie, denn die Handschrift war einmal Teil der Bibliothek dieser Familie, die damals auf dem Höhepunkt ihrer Macht stand und eine wichtige Stütze der Habsburger war. Nicht umsonst wurden mehrere Stücke aus dieser Sammlung aufgenommen in das Programm, das das bFive Recorder Consort 2010 für Coviello Classics einspielte, unter dem Titel 'Geld Macht Musik - Musik für die Fugger Familie' (COV 21105). Es ist schön, dass hier meistens andere Stücke erklingen. Neben den schon erwähnten Komponisten sind hier auch Josquin, Pierre de La Rue, Adam Rener und Antoine Brumel vertreten. Dazu gibt es noch einige anonyme Stücke sowie das einzige bekannte Werk des Petrus Alamire, der nur als Musikkopist bekannt geworden ist. Es gibt einige bekannte Melodien, die hier in Bearbeitungen und mehrstimmigen Sätzen erklingen, wie 'Fortuna desperata' und 'Tandernaken'. Das Linarol Consort nennt sich nach Francesco Linarol (c1520-1577), Urvater einer Dynastie von Instrumentenbauern. Nur eine Tenorgambe Linarols ist erhalten geblieben, und das Ensemble hat ein Consort von Gamben nach diesem Modell erstellen lassen. Darauf kommen die ausgewählten Stücke zum Klingen. Es ist ein abwechslungsreiches Programm, das vom Ensemble exzellent dargestellt wird. Instrumentalmusik aus dieser Zeit ist meistens Teil einer Sammlung von Vokal- und Instrumentalmusik, und wird dann oft auf anderen Instrumenten(kombinationen) gespielt. Aufnahmen dieses Repertoires mit nur Gamben gibt es nicht viel, und deswegen ist diese Produktion besonders zu begrüssen. Musik für ein Zupfinstrument wurde aus einer Tabulatur gespielt: das ist eine Griffzeichenschrift, die zeigt, wo man die Finger plazieren soll. Es gab in der Renaissance verschiedene Tabutaluren und die deutsche Tabulatur macht Gebrauch von Buchstaben und Ziffern. Sebastian Ochsenkun (15211574) war aus Nürnberg, wo er Schüler von Hans Vogel war, der wahrscheinlich Lautenist am Münchner Hof war. Die längste Zeit seines Lebens war Ochsenkun im Dienste von Ottheinrich von der Pfalz. 1558 erschien Ochsenkuns Tabulaturbuch. Darin finden sich Stücke drei verschiedener Kategorien: lateinische Motetten, Deutsche Psalmen und Lieder und italienische und französische Stücke. Es war in seiner Zeit ganz üblich Vokalwerke zu intabulieren, um sie so auf einem Instrument spielbar zu machen. Unter den Komponisten finden sich einige der berühmtesten: Josquin Desprez, Ludwig Senfl, Nicolas Gombert und Jean Mouton. Es gibt zwei nennenswerte Züge dieses Tabulaturbuchs. Erstens: wo in den meisten Tabulaturen nur einige Stimmen des Originals bearbeitet werden, hat Ochsenkun immer den kompletten Satz übertragen. In der Tabulatur weist er jeder Stimme ihre eigene Linie zu. Zweitens: bei den deutschen Liedern ist immer der Text neben der Tabulatur gesetzt. Das ermöglicht es "darzu ein stimm zu singen", wie Ochsenkun selbst schreibt. Das wurde in der Aufnahme von Andreas Arend auch gemacht. In einigen Fällen wird erst die Originalfassung gesungen und danach die Intabulierung gespielt. Für diese Einspielung hat Arend sich der Mitwirkung von vier erfahrenen Kolleg*innen gesichert. Dorothee Mields und Jan Kobow haben die perfekten Stimmen für diese Musik. Niklas Trüstedt und Matthias Müller tragen mit ihren Gamben wesentlich zur Überzeugungskraft dieser Produktion bei. Diese CD ist ein würdiges musikalisches Denkmal für einen Grossmeister der Laute. Ein Stück auf der Ochsenkun-CD stammt von Caspar Othmayr (15151553), und damit sind wir bei der nächsten CD. Es gibt noch eine weitere Verbindung zwischen diesen Produktionen: am Ende der CPO-Aufnahme steht ein Stück von Steffan Zirler, der zu einem Kreis von Komponisten gehörte, der als 'Heidelberger Liedmeister' bekannt ist. Und auch Othmayr war Teil dieses Kreises. Othmayr studierte an der Universität zu Heidelberg und wirkte dann als Direktor der Lateinschule des Klosters Heilsbronn. Er hat um die 230 Werke hinterlassen, und trug zu fast allen Gattungen seiner Zeit bei, mit Ausnahme der Messe. Ein substantieller Teil hät pädagogische Zwecke, beispielsweise die Bicinia: zweistimmige Sätze lutherischer Choräle. Das Dryades Consort hat ein anderes Werk zum Thema gewählt: die Tricinia in pias. Das ist eine Sammlung von 30 dreistimmigen Stücke, die als Gegengifte zu acht menschlichen Hauptlastern gemeint sind. Da Othmayr sich auf die Gegengiften beschränkt, haben die Musiker, um den Kontrast zu verdeutlichen, aus anderem Repertoire Stücke ausgewählt, die diese Lastern zum Ausdruck bringen. Ein Beispiel ist die Gegenüberstellung von Habgier (Avaritia) und Verzicht (Charitas). Erst erklingt Senfls Lied 'Was wird es doch des Wunders noch', dessen dritte Strophe so anfängt: "Man läuft, man rennt, man reit't, man sprengt, nach Geld steh'n all' ihr' Sinnen". Dagegen hält Othmayr: "Der Geiz lässt sich durch die Freigebigkeit besiegen, und durch die Verachtung des sündhaften Geldes und ebenfalls durch das Nachdenken darüber, dass Judas seinen Herren und Meister um des Geizes willen verriet" (Avaritia vincitur liberalitate). Es folgt dann noch Othmayrs Bicinium 'Vom Himmel hoch', vielleicht wegen dieser Zeile: "Und wär die Welt vielmal so weit, von Edelstein und Gold bereit't, so wär sie doch dir viel zu klein zu sein ein enges Wiegelein". Das Konzept dieses Programms scheint mir sehr sinnvoll: man hätte natürlich nur Othmayrs 'Gegengifte' aufnehmen können, aber da wären die Kontraste verlorengegangen, und musikalisch wäre das Ganze auch etwas zu einseitig gewesen. Problematisch ist nur, dass einige Stücke instrumental ausgeführt werden, und nicht immer der Text abgedruckt wurde. Ein Beispiel ist 'Völlerei' vs 'Besonnenheit'. Zuerst erklingt das anonyme 'Trag Bier her' und dann das ebenfalls anonyme 'Si bibero', aber dann instrumental; wovon das Stück handelt, bleibt unklar. Das schmälert aber keineswegs meine Schätzung dieser Produktion. Othmayr hat sowieso mehr Aufmerksamkeit verdient, auch wegen seiner Beiträge zur Verbreitung des lutherischen Liedguts. Über die Interpretation lässt sich nur gutes berichten: Franz Vitzthum hat die perfekte Stimme für dieses Repertoire, und TOCCATA - 122/2022 31 CD-UMSCHAU

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