Toccata 06/2022

das Dryades Consort spielt ausgezeichnet. Diese CD ist ein weiterer wichtiger Beitrag zur Kenntnis der deutschen Musik des 16. Jahrhunderts. Am 22. Februar 1568 fand in München die Hochzeit von Wilhelm V. von Bayern und Renata von Lothringen statt. Die Feierlichkeiten waren opulent und dauerten bis zum 7. März an. Über ihren Ablauf sind wir gut informiert, dank des Berichts eines Sängers der Kapelle, Massimo Troiano. Jeden Tag erklangen mehrere Messen und es gab insgesamt sieben Bankette. Leider erwähnt er nicht welche Musik aufgeführt wurde; dafür aber listete er die Mitwirkenden auf, und daraus lässt sich die Musik mit einiger Fantasie ableiten. Es liegen zwei Aufnahmen vor, die diesem Ereignis gewidmet sind. Roland Wilson und Eric Rice betrachten es aus verschiedenen Blickwinkeln. Wilson fängt mit einer Messe an. Im Mittelpunkt steht eine Messe zu 24 Stimmen von Annibale Padovano. Obwohl Lassus zu dieser Zeit Kapellmeister war, und er deswegen verantwortlich war für die Musik, wurden nicht nur seine eigenen Werke aufgeführt. Am letzten Tag wurde diese Messe aufgeführt; Padovano war zu dieser Zeit Organist am Hofe zu Graz, und war mit der Hofkapelle nach München gereist. Zwischen den Messteilen werden Motetten von Lassus selbst aufgeführt. Der zweite Teil der Aufnahme ist dann einem Bankett gewidmet. Die Auswahl der Werke stützt grösstenteils auf Troianos Bericht vom Festmahl am Tag der Trauungszeremonie. Dabei fällt auf, dass Troiano ganz ungewöhnliche Besetzungen erwähnt, wie '6 tromboni all'ottava bassa' und '6 viole da braccio'. Wie nützlich diese Informationen sind, geht aus dem Begleittext von Wilson hervor, in dem er schreibt: "Der sechste Gang wurde aufgetragen, während - wie Troiano berichtet - sechs große, eine Quarte unter den Standardinstrumenten stehende Violen (die tiefsten Instrumente reichten bis zum Kontra-D herunter), sechs Blockflöten, sechs Singstimmen und ein Cembalo eine opulente Musik aufführten. Troiano nennt weder den Komponisten noch das Stück, doch dürfte es sich um Lassos Quid trepidas gehandelt haben, denn dem Text ist zu entnehmen, dass dieses Stück für den Hochzeitstag bestimmt war. Ich wäre nie auf die Idee gekommen, es in dieser Art aufzuführen, hätte ich nicht Troianos Bericht von den tiefen Gamben und den hohen Blockflöten in Kombination mit den Gesangsstimmen gelesen - ein tatsächlich üppiger, einzigartiger Klang, der an eine Orgel mit drei Registern (16', 8' und 4') erinnert." Übrigens wurden während des Banketts zwar Vokalwerke aufgeführt, aber diese wurden dann meistens instrumental dargestellt. Die Erwähnung der verwendeten Instrumente hat auch dazu geführt, dass für diese Aufnahme eigens ein Dolzaina rekonstruiert wurde, die man nicht mit dem Dulzian verwechseln sollte (das damals als 'Fagotto' bezeichnet wurde). Die CD endet mit dem Werk, das die Feierlichkeiten beim Festmahl am 7. März beschloss: die 40-stimmige Motette 'Ecce beatam lucem' von Alessandro Striggio, die von einem neuen Text versehen war. Man kann es Roland Wilson überlassen, so ein Programm überzeugend zum Klingen zu bringen. Wie immer kann er sich stützen auf exzellente Sänger*innen und Instrumentalisten. Mit seinem grossen Ensemble bringt er die Bedeutung und Glanz des Ereignisses perfekt zum Ausdruck. Sowohl wegen der Musik als wegen der Aufführungspraxis - die von Wilson selbst im Textheft erläutert wird - ist diese Produktion von grosser Bedeutung. Sie übermittelt auch einen Eindruck von den Mitteln, die Lassus in München zur Verfügung standen. Dem sollten auch künftigen Aufnahmen von Musik, die dort aufgeführt wurde, insbesondere von Lassus, Rechnung tragen. Eric Rice geht an dieses Ereignis aus einer anderen Perspektive heran: er konzentriert sich auf das weltliche Repertoire, aber fängt mit dem Te Deum an, das den Hochzeitstag beschloss. Nach Mitteilung von Troiano war es ein Werk zu 6 Stimmen, und Rice wählte ein Te Deum, das in einer gedruckten Augabe des gleichen Jahres zu finden ist. Troiano erwähnt keine Instrumente; da er immer sehr genau die Besetzung auflistet, scheint mir die Entscheidung von Rice, hier Instrumente einzubeziehen, diskutabel. Der grösste Teil der Aufnahme ist weltlicher Musik gewidmet, die an verschiedenen Tagen aufgeführt wurde als Unterhaltung, und die meisten Stücke wurzeln in der Tradition der commedia dell'arte. Dabei gibt es schon mehrere Texte, deren Inhalt dem Brautpaar vielleicht nicht ganz gefallen hätte, wenn es bei der Aufführung dabei gewesen wäre. Aber diese Stücke waren wohl vor allem für die Gäste bestimmt. Interessant ist, dass ein Stück, ein Lied von Filippo Azzaiolo, von Lassus gesungen wurde, der sich dabei auf der Laute begleitete. Übrigens sind alle anderen Werke von Lassus selbst. Das Ensemble Origo singt diese Stücke sehr gut, aber vielleicht etwas zu elegant als damals der Fall gewesen sein mag. Das bleibt aber Spekulation: dass damals sechs Blasinstrumente dabei waren, könnte ein Indiz dafür sein, dass die Aufführung etwas weniger volkstümlich war, als die Texte suggerieren. Schliesslich fand das Hochzeitsfest an einem aristokratischen Hof statt. Diese beiden Produktionen ergänzen sich auf ideale Weise, und bieten zusammen ein schönes Bild einer adeligen Hochzeit. Johan van Veen Roger Norrington. The Complete Erato Recordings. Händel, Haydn, Mozart, Beethoven, Weber, Rossini, Schubert, Berlioz, Mendelssohn, Schumann, Wagner, Bruckner, Smetana, Brahms, Purcell u.a., The Schütz Choir of London, The London Classical Players. Erato 9029 62452 75 (45 CD) Der wohl wichtigste britische Dirigent des letzten halben Jahrhunderts, ein Mann, der die klassische Musik entschieden zum Besseren veränderte“, schrieb The Guardian anlässlich des Abschiedskonzerts des 87-jährigen Sir Roger Norrington 2021. „Den Rausch und die Verstörung einzufangen, die die Musik Beethovens zu seiner Zeit verursachte“, sei sein eigentliches Ziel gewesen, bekannte Norrington. Roger Norrington beschreibt es als eine bewegende Erfahrung für ihn, auf diese CD-Box zurückblicken zu können, zeichnet sie doch nahezu die vollständige Geschichte der von ihm gegründeten London Classical Players nach, die von 1980 bis 1996 bestand. Roger Norrintgon war nicht nur ein Pionier bei der Neuausrichtung der Werke der Epochen der Klassik und Romantik, sondern bereits bei der Wiederbelebung von Barockmusik. Er leitete als erster eine Aufführung von Händels Messias auf historischen Instrumenten in England, gründete 1962 den Schütz Choir, mit dem er sich dem Werk von Heinrich Schütz annäherte. 1969 führte er Monteverdis Oper L’Incoronazione di Poppea auf. 1986 begannen schließlich die Aufnahmen des klassischen und romantischen Repertoires für die Reflexe-Reihe des EMI-Labels mit der Gesamtaufnahme der Beethovensinfonien. Grundlage dieser Aufnahme und aller, die darauf folgten: Historische Instrumente, historische Orchestergröße und –besetzung, ohne Vibrato, mit den ursprünglichen Tempi und Strichen, ursprüngliche Artikulation und Phrasierung und originale Metronomangaben. Dies war die Grundlage aller weiteren Aufnahmen, die darauf folgen sollten. Roger Norrington hat somit als erster die historische Aufführungspraxis auf die Klassik und Romantik ausgeweitet. Es entstanden zahlreiche Aufnahmen des sinfonischen Repertoires: Haydn, Mozart Beethoven, Schubert, Weber, Rossini, Mendelssohn, Berlioz, Schumann, Brahms, Smetana, Bruckner, Wagner, auch die Requien von Mozart und Brahms, mit Don Giovanni und der Zauberflöte von Mozart zwei Opern. Der Barock ist mit Händels Wasser- und Feuerwerksmusik und Purcells Fairy Queen in dieser CD-Box vertreten. Die vorliegende CD-Box enthält insgesamt 45 CDs, die im Zeitraum von 1986 bis 2004 für das EMI-Label aufgenommen wurden und jetzt von Erato veröffentlicht werden. Die Interpreten sind fast ausnahmslos die London Classical Players. Die einzelnen CDs haben einen Wiedererkennungswert durch die Verwendung der Originalcovers. Diese sehr preisgünstige CD-Box ist sehr empfehlenswert, machte deren wegweisenden Aufnahmen erstmals das Repertoire der Klassik und Romantik abseits traditioneller Interpretationen neu erfahrbar und erlebbar, einerseits durch den forschenden Geist, andererseits durch ungemeine Spielfreude. Stephan Schmid CD-UMSCHAU 32 TOCCATA - 122/2022 Henning Wiegräbe über seine neue CD mit dem Capricornus Ensemble Stuttgart “Salzburg Relations” Herr Wiegräbe, Sie haben als Posaunist kürzlich mit Ihrem Capricornus Ensemble Stuttgart beim Label Coviello Classics eine CD mit dem schönen Titel Salzburg Relations herausgebracht. Was ist darauf zu hören, was ist die Geschichte dieser Aufnahme? Der Anlass für diese Aufnahme war eigentlich der, dass ich sagte, wenn man, wie während der Corona-Lockdowns, schon keine Konzerte spielen kann, dann muss man trotzdem irgendwie Musik machen und auch den Musikern Gelegenheit geben, etwas zu verdienen. Und nun wird diese Musik aus Salzburg so um 1750 herum oft ein wenig belächelt, und zwar, wie ich finde zu Unrecht. Sicher: das ist kein Bach mehr und noch kein später Mozart, das ist so. Für mich ist das im Grunde eine typische Serenadenmusik, also einfach heitere Musik und im positivsten Sinne Gebrauchsmusik. Fahrstuhlmusik, für die Fahrstühle des 18. Jahrhunderts (lacht)? Nein (lacht), das würde ich nicht sagen, eher so in der Art, wie man sich heute vielleicht für einen Sektempfang eine Jazzband engagieren würde. Da gibt es dann immer Leute, die aufmerksam zuhören, während andere vielleicht nur ihren Sekt trinken und die Töne so an sich vorbeiplätschern lassen. Aber wer eben zuhört, der merkt, dass das doch ganz ausgezeichnete Musik ist, gerade für so einen Anlass. Dann haben Sie auf dieser CD aber auch noch ein ganz besonderes Stück aufgenommen… Genau. Das ist die Sinfonia Pastorale con Corno Pastoriciovon Leopold Mozart, die eigentlich eine Weihnachtsmusik ist, in die er auch einige zu dieser Zeit wohl recht bekannte Weihnachtskompositionen, Weihnachtslieder eingebaut hat. Man muss dazu wissen: in Salzburg sind seinerzeit zu Weihnachten immer die Hirten mit ihren Herden von den Weiden in die Stadt heruntergekommen und haben dort mit ihren Instrumenten, ihren Hirtenhörnern, auf den Straßen gespielt. Lange wusste allerdings kein Mensch, wie diese Hirtenhörner eigentlich beschaffen waren; nur hatte ich früher einfach aus Freude an

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