Toccata 06/2022

der Sache Alphorn gespielt und fand es dann interessant, mir auch mal anzuschauen, was so ein Corno Pastoricio überhaupt ist, wie es aussieht und klingt. So habe ich mich also erkundigt und mir dann schließlich eines bauen lassen. Und was ist das nun für ein Instrument? Es ist ein ganz süßes Instrument mit einem ein wenig archaischen, aber wunderschönen Klang, das ein wenig aussieht wie ein kleineres Alphorn. Und Leopold Mozarts Sinfonia – immerhin fast 11 Minuten lang – ist auch so etwas wie eine frühe Pastorale, und auf jeden Fall etwas sehr Besonderes. Das Stück wurde schon einige Male mit einem Alphorn aufgenommen, aber das klingt sehr eigenartig, denn das Alphorn ist einfach recht schwerfällig im Vergleich. Das Hirtenhorn ist dagegen nur halb so lang wie das Alphorn, war im übrigen mehr oder weniger dessen Vorläufer, und dafür ist das Stück eben geschrieben, darauf lässt es sich wirklich gut spielen. Das ist also dann ein reines Überblasinstrument, ein Naturtoninstrument, ohne irgendwelche Klappen oder Löcher? Ja, genau. Ein reines Naturtoninstrument, und man hat natürlich auch nur die Naturtonreihe zur Verfügung. Aber es hat einen ganz speziellen, eigenen Klang, und meine Erfahrung ist auch, dass die Menschen, die es im Konzert erleben, ganz glücklich davon werden. Weil es so etwas Besonderes ist, und eben auch sehr apart. Dann sind aber auch noch eine Sonate von Wolfgang Amadeus Mozart, eine Serenade und ein Trio von Leopold Mozart und zwei Stücke von Michael Haydn auf der CD zu hören… Richtig. Den Michael Haydn wollten wir unbedingt dabei haben, weil er einfach so schöne Melodien schreibt; nicht nur für Stimmen, sondern eben auch für Posaune. Es gab damals in Salzburg nämlich einen sehr, sehr guten Posaunisten, Thomas Gschlatt, der auch sehr viel solistisch gespielt hat, und für ihn persönlich hat man also in der Stadt in diesen Jahren auch Musik komponiert. Das Ergebnis ist sehr viel Literatur zum Beispiel für Altposaune mit Begleitung, Arien und andere Stücke, die vermutlich alle für eben diesen Posaunisten geschrieben wurden. So haben wir also zwei Serenaden von Haydn – - ein Andantino und ein Larghetto –- ausgesucht und aufgenommen, und auch die Serenade von Leopold Mozart wird heute oft als Posaunenkonzert bezeichnet. Die anderen beiden Stücke sind dann nur für Violine, Cello und Cembalo, damit die CD ein bisschen ausgeglichen ist und nicht nur Posaunenmusik enthält. Der eigentliche rote Faden der Einspielung liegt aber darin, dass all diese Werke in einem Zeitraum von nur drei oder vier Jahren komponiert worden sind. Und das Hirtenhorn spielt nur in der Leopold Mozart-Pastorale mit? Ja. Gibt es dafür eigentlich noch weitere notierte Stücke, oder war das nur ein Volksinstrument, für das sich sonst kein Komponist interessiert hat? Das war eindeutig ein Volksinstrument und ich kenne sonst auch tatsächlich keine Komposition dafür. Für das Nachfolgeinstrument, das Büchelhorn und dann das Alphorn, gibt es einige aufgeschriebenen Stücke, aber erst Ende des 19. Jahrhunderts oder dann im 20.. Und wie erklären Sie sich, dass ausgerechnet Leopold Mozart nun etwas für das Hirtenhorn geschrieben hat? Naja, da kam vielleicht zusammen, dass einerseits die Spieler eben über Weihnachten aus den Bergen in die Stadt herunterzogen und sich da als Straßenmusiker betätigten; da muss ihm das begegnet sein. Und andererseits weiß man, dass er gerade in dem Herbst und Winter, als er die Pastorale vermutlich geschrieben hat – 1755 – so einige Dinge ausprobiert hat, die in diese weihnachtliche, gewissermaßen programmmusikalische Richtung gingen; auch seine Musikalische Schlittenfahrt wurde wohl in diesem Winter kurz vor Weihnachten komponiert. Insofern würde es passen, dass auch die Hirtenhorn-Pastorale in dieser Zeit entstanden ist, und er hat damals sogar an seinen Verleger geschrieben, er hätte da eine Pastorale zu bieten; wenn er auch nicht dazuschrieb, für welches Instrument. Aber sowieso muss ich sagen, ich finde, dass man in den meisten Kompositionen Leopold Mozarts so ein bisschen die Nähe zu den Bergen spürt. Manchmal wurde ihm ja auch vorgeworfen, in seiner Musik gehe es eher um Holzschuhe als um Ballettschuhe, aber das hat –– obwohl er ja nun ein hochgebildeter Mensch war! –– eben auch etwas Erdverhaftetes, was ich persönlich sehr reizvoll finde. Aber was für seine Musik auf jeden Fall zutrifft, ebenso übrigens, wie auch für die von Michael Haydn und überhaupt für den galanten Stil, ist, dass man etwas daraus machen muss. Harmonisch passiert da ja nicht viel, insofern kommt es wirklich sehr auf die Interpretation an. Wenn Studenten von mir die Musik aus dieser Zeit spielen, sage ich immer, sie sollen sich die Rokoko-Schlösser anschauen, die seinerzeit gebaut wurden. Und die unter Architekten oder Kunsthistorikern eigentlich gar nicht so angesehen sind, denn es sind ja eigentlich nur ganz klare Formen die mit viel Stuck verziert sind. Und ich finde, das ist bei der Musik dieser Zeit auch so: das sind klare, große Linien, die sehr viel farbige Artikulation brauchen. Davon lebt die Musik, und dann wird sie auch schwungvoll und besonders. Wie sind Sie denn auf dieses Repertoire gekommen? Naja, ich hatte gerade diese Pastorale früher manchmal selbst mit dem Alphorn gespielt; einfach, weil man mich dafür angefragt hatte. Und das war immer ein Spektakel, wenn ich mit so einem riesigen Instrument auf die Bühne kam, aber ich war nie wirklich glücklich damit. Musikalisch hat mich das nie befriedigt. Irgendwann bin ich dann mal für einen Kollegen eingesprungen und habe mich dafür auf die Suche nach gutem Notenmaterial gemacht, weil es von dem Stück bis dato keine gute Ausgabe gab, und da stieß ich auf eine Handschrift, in der stand, dass dieses Stück eben für Hirtenhorn gedacht ist –– nicht für Alphorn. Und das fand ich dann einfach spannend. Außerdem: wenn man so ein Konzert mit einem modernen Orchester spielt, dann besteht immer die Gefahr, dass es platt klingt. So beschloss ich, dass ich das doch gerne mal mit meiner Gruppe in solistischer Besetzung machen würde, um eben wirklich an der Artikulation, der Phrasierung und so weiter feilen zu können und Leben in die Stücke zu bringen. Und da machte das plötzlich wirklich Spaß. Was das andere Repertoire betrifft, da ist es so, dass in dieser Zeit der Frühklassik oder des galanten Stils von Wolfgang Amadeus Mozart der Vater etwas Solistisches für Posaune geschrieben hat, von Michael Haydn der Bruder, und von Beethoven der Lehrer; Georg Albrechtsberger. Alle übrigens für diesen Thomas Gschlatt. Sonst ist da nicht viel... Warum wurde die Posaune damals so bescheidentlich bedacht, wenn man jetzt mal von Salzburg absieht? Das Problem war, dass sie als das biblische Instrument galt. Es gab ja sogar noch als Beethoven dann als erster die Posaune ins Symphonieorchester integriert hat, massive Widerstände, weil das biblische Instrument da in profanem Kontext auftauchte! Die Ironie an der Sache ist natürlich, dass Luther in seiner Bibelübersetzung schlicht mehr oder weniger alle Instrumente, die da auftauchten, zu Posaunen erklärt hatte, weil die halt alle kannten... So sind die Posaunen ja auch beispielsweise in der frühen Oper immer entweder für die Unterwelt zuständig, oder für überirdische Angelegenheiten eingesetzt; denken Sie an den Orfeo von Monteverdi, oder auch an die Zauberflöte von Mozart: das sind immer ganz spezielle Szenen. Und so war dann auch den Komponisten klar, dass man die Posaunen nicht als profane Instrumente in Konzerten einsetzen konnte. Nur eben in solchen Serenaden-artigen Kompositionen hat man sie akzeptiert. Aber trotzdem sind die Stücke, die Sie dann aufgenommen haben, heute unter Posaunisten wohlgelitten? Nun, sagen wir so: die Haydn-Stücke sind nicht sehr bekannt, der Leopold Mozart ist gefürchtet (lacht). Warum? Der ist nicht leicht und kann einfach sehr peinlich werden… Das ist immer ganz lustig, weil diese Serenata bei Wettbewerben oft als Wahlpflichtstück angeboten wird, aber sie wird dann nie gewählt und gespielt (lacht). Ich verstehe (lacht)! Aber Sie haben es gewagt... Ja, ich spiele aber auch sehr gerne Alt-Posaune, und da gibt es glaube ich relativ wenige Posaunisten, die das tun. Und ich mag auch das Verspielte an dieser Musik und habe schon immer gesagt, es ist wunderschönes Repertoire, wenn man etwas daraus macht. Aber das geht eben in so einer kleinen Besetzung, wie wir sie haben, viel besser als mit einem großen Symphonieorchester; dass man auch ein Gespür für die Tempi entwickelt, die in dieser Zeit üblich waren, für die Phrasierung und so weiter. Dabei ist mir aber im Ensemble auch immer wichtig, dass ich nicht ankomme und sage, so und so schnell spielen wir das jetzt, sondern das muss sich bei der Probe ergeben, denn da merkt man oft erst, was eben auch die Streicherstimmen oder das Cembalo zu tun haben. Daraus entwickelt sich dann letztendlich das Tempo. Nun haben Sie imMärz 2021 aufgenommen, also noch in der fröhlichsten Corona-Zeit. Wie hat das geklappt, mit Abstand halten und Infektionsgefahr? Wir haben uns natürlich natürlich jeden Tag getestet und auch mit Abstand aufgenommen, und das machte die Sache schon ein wenig mühsam. Aber dann ging doch alles glatt. Ich meine, wir haben natürlich in einer Kirche aufgenommen, und da war nebenan ein Kindergarten. So ließ sich natürlich nicht vermeiden, dass in den schönsten Schlussakkord irgendwann mal ein Kinderlachen reintönte – aber das ist ja der Klassiker bei Aufnahmen, dass man immer dann, wenn es am besten klappt, irgendein Geräusch von außen hat. Doch sonst gab es wirklich keine Probleme, obwohl ja alles relativ kurzfristig geplant war, weil ich eben für die Musiker etwas anbieten wollte, wo sie auch Geld verdienen können, wenn sie sonst nichts zu tun haben. Wie kurzfristig...? Naja, als meine Idee für das Programm stand habe ich angefangen zu planen, und zwei Wochen später haben wir die Aufnahme gemacht. Okay, das ist wirklichsehr kurzfristig (lacht)! Zugegeben (lacht)! Wir hatten das Programm allerdings vorher schon mal im Konzert gespielt, aber das war zu diesem Zeitpunkt auch schon zwei Jahre her. Trotzdem wollte ich die Aufnahme zu einer Zeit machen, wenn die Leute nichts anderes zu tun haben und ihnen nicht noch mehr Stress bereiten, wenn sie ohnehin viele Konzerte spielen können. Und ich habe zum Glück eine feste Stelle an einer Musikhochschule, insofern sah ich es auch ein bisschen als meine Aufgabe an, da etwas möglich zu machen. Ich weiß nicht, ob ich die CD sonst gemacht hätte, aber im Nachhinein bin ich jedenfalls sehr froh darum. Warum sollen die Leute die CD nun kaufen, was ist der besondere Reiz daran? Ich finde, es ist eine wunderbar leichte, heitere Musik, die man einfach genießen, von der man sich beschwingen lassen soll. Denn gerade in einer Zeit wie jetzt, mit Krieg, Pandemie, Rezessionssorgen, ist es doch schön, wenn man zwischendurch auch einmal an etwas Heiteres denken kann. Und das kann man sicherlich, wenn man dieser CD lauscht. Es gibt Zeiten, wo man mit Musik aufrütteln muss, aber es gibt auch Zeiten, in den man sie vielleicht einfach nur genießen und sich davon ein bisschen aus dem unschönen Alltag erheben lassen möchte, ohne dass die Musik platt ist; denn darum geht es hier definitiv nicht. Und natürlich: wenn man möchte, kann man auch alles bis ins letzte analysieren, aber ich glaube, diese Musik hat einen anderen Ansatzpunkt – und das finde ich gerade das Wichtige, das Schöne daran. Sie ist beschwingt und fröhlich-machend und im Augenblick finde ich es wichtig, dass Musik ein Lächeln auf die Gesichter ihrer Hörer zaubert! Fragen und Übertragung: Andrea Braun TOCCATA - 122/2022 33 CD-UMSCHAU

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