Toccata 06/2022

Herr Smith, Sie gehören gewissermaßen zur Pioniergeneration der Lautenisten der Alten Musik-Szene. Sie sind in den USA geboren und kamen Anfang der Siebzigerjahre nach Europa, nach Basel. Erzählen Sie uns doch, wie es in den sechziger oder siebziger Jahren in den USA war, Lautenist werden zu wollen. Ja, ich hatte, bevor ich dann in die Schweiz kam, sieben Jahre in Boston gelebt, und damals gab es dort vor allem eine ziemlich präsente Amateurbewegung, und so ein paar Individuen hier und da. Aber es existierte in Amerika noch kein Ort, wo man richtig ernsthaft Laute hätte studieren können. So bin ich also 1973 nach Basel gekommen, um bei Eugen Dombois zu studieren. Das war der erste Anziehungspunkt für mich. Und ja, damals dachte ich, ich käme für ein Jahr… (lacht) – und jetzt, fast 50 Jahre später, bin ich immer noch hier! Und warum sind Sie geblieben? Naja, es gab einfach immer Konzerte zu spielen. Ich habe mit Jordi Savall und Montserrat Figueras angefangen zu spielen, dann wurde ich als Assistent von Dombois angestellt, habe dann immer mehr unterrichtet, und so weiter. Und dann habe ich natürlich meine Frau kennen gelernt, wir haben drei Kinder bekommen, und so wuchsen die Wurzeln von alleine immer weiter im schweizerischen Boden. Was waren die wichtigsten Stationen Ihres Werdegangs als Student, als junger Musiker? Nun, es gibt da einmal die offizielle Ausbildung an der Schola Cantorum, und es gibt andererseits eine unendliche Ausbildung – oder eine Wachstumsmöglichkeit – in der Welt, der Musikwelt; das muss man vielleicht unterscheiden. Und ja, für meinen Werdegang waren vor allem drei Personen wichtig: Einmal natürlich Eugen Dombois, als erster richtiger Lautenist, bei dem ich Unterricht hatte. Und ich glaube, das wichtigste ist für das Lautenspiel, dass man lernt zu hören, wie ein Lehrer hört. Denn wenn man das gelernt hat, dann kann man Probleme definieren, und das ist schon die Hälfte des Wegs zur Lösung. Daneben habe ich bei Emili Pujol in Spanien in einigen Sommerkursen Unterricht in Barockgitarre und Laute gehabt und für ihn gespielt; er war sicher auch ein wichtiger Einfluss für mich. Und dann habe ich einige Jahre lang in den Kursen von Alfred Deller eine Sängerin begleitet, und er war natürlich eine absolut faszinierende Persönlichkeit, mit einem hervorragenden Sinn für Klang und Poesie. Das hat mich ebenfalls sehr beeindruckt. Ja, und außerdem war da meine Zusammenarbeit mit Jordi Savall, da haben wir auch wichtige Schritte gemacht und das hat mir wiederum viele Wege eröffnet. Aber im Endeffekt geht es immer weiter mit dem Lernen, wenn man etwas Gutes hört, mit der Weite, mit der Tiefe, dem Klanggefühl… Nun gibt es ja für die Laute außergewöhnlich vielfältige und unterschiedliche RepertoireMöglichkeiten. Worauf haben Sie sich da hauptsächlich konzentriert, was haben Sie am häufigsten, was am liebsten gespielt? Ja, wir haben wirklich ein embarrassment of riches, wir haben viel mehr Repertoire als einige andere Instrumente mit den alten Zupfinstrumenten: für Gitarre, Vihuela, Barockgitarre, Renaissancegitarre, Laute, Barocklaute, Theorben etcetera. Und ich wollte immer in verschiedene Richtungen gehen, unterschiedlichste Dinge ausprobieren; meistens verbunden mit einer Reihe von Konzerten und eventuell einer Aufnahme. Ich glaube, so habe ich im Laufe der Jahre fast 30 Soloaufnahmen gemacht mit den verschiedensten Sachen: italienische Musik des 16. Jahrhunderts, Kapsberger vom Anfang des 17. Jahrhunderts, die Attaingnant-Drucke, zwei Projekte mit englischer, elisabethanischer Musik, von Dowland, Holborne und so weiter, dann Musik aus dem Frankreich des 17. Jahrhunderts, Gallot, Guerau, Mouton, im 18. Jahrhundert mehrere Weiss-Aufnahmen, dazu ich glaube sechs Bach-CDs und schließlich auch noch die Kammermusik mit Laute aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts – das sind einige Beispiele der Vielfalt, in der wir Zupfinstrumentenspieler schwelgen können. Und haben Sie bei den Instrumenten einen Favoriten? Nein, das Instrument, das ich jeweils gerade spiele, ist immer so eine Welt für sich, dass ich nicht von etwas anderem träume. Also im Grunde genommen ist alles Ihr Lieblingsrepertoire… Ja, eben immer das, was ich im Moment spiele. Gab es aber einen Komponisten, von dem Sie sagen würden, der hat am besten für die Laute geschrieben, der hat am besten verstanden, was sie braucht und was sie kann? Das ist eine gute Frage… Aber ich glaube, da sind so viele verschiedene Annäherungen an die Laute in verschiedenen Epochen möglich, dass man, wenn man viel Zeit mit einem Repertoire verbringt, es monatelang übt, wiederholt, darüber nachdenkt, immer verschiedene Annäherungsweisen, Techniken findet, die dazu gehören, und oft sind die Instrumente und Techniken einer Epoche die wirkliche Stimme eben dieser Epoche. Es ist also nicht so, dass ich zum Beispiel bei Dowland oder Holborne irgendetwas vermissen würde: da ist soviel Fantasie, soviel Sinn für Rhythmus, da vermisst man nicht das lyrische Element. Oder die Toccaten von Kapsberger: die sind voller Wechsel und Kontraste, da fehlt kein Element, das da zufällig gerade nicht ist. Gibt es also sozusagen verschiedene Lautensprachen bei den verschiedenen Komponisten, die man auch technisch anders angehen muss? Ja, unbedingt! Zum Beispiel bin ich momentan sehr mit den allerersten italienischen Quellen für Laute beschäftigt, Francesco Spinacino, Ambrosio Dalza, und das sind zwei Zeitgenossen, die eine ganz unterschiedliche Annäherung an das Instrument hatten: Der eine, Spinacino, ist eher ein Träumer, ein etwas wilder Erzähler in einem narrativen Stil, während Dalza eher der Lautenspieler in der Taverne ist, mit mehr Tanzmusik, und Stücken, die von einer populären Kultur inspiriert sind. Also das totale Gegenteil seines Kollegen. Und jeder von beiden hat eine besondere Weise, wie er mit dem Instrument umgeht. Und macht das dann vor allem rein musikalisch — also hinsichtlich Ihrer Interpretation — einen Unterschied, oder muss man bei jedem Komponisten auch technisch anders mit der Laute umgehen, vielleicht andere Griffe nehmen oder so? Da sind schon große Unterschiede. Von der Technik her braucht man vielleicht bei dem einen ein bisschen mehr in die eine Richtung als bei dem anderen, wo es in die andere Richtung geht. Aber die Handhaltung ist mehr oder weniger gleich. Aber dann geht es auch um das Instrument, und da braucht man beispielsweise für dieses frühe italienische Repertoire ein Instrument mit Oktavsaiten im Bass, genauer: je eine Oktavsaite im dritten, vierten, fünften und sechsten Chor. Das eröffnet dann eine ganze Welt an Klang und Resonanz — die man später aber nicht mehr wollte. Zum Beispiel bei Francisco da Milano, der schon der nächsten Generation angehörte: da gibt es viel mehr Entwicklung in Polyphonie und Imitation, und das würde mit so vielen Oktavsaiten ein ziemliches Durcheinander verursachen. Aber das frühere Repertoire ist eben anders komponiert und gedacht, und braucht mehr von diesen Oktaven, von der Resonanz, die dadurch entsteht. Wo steht denn die Lautenwelt hinsichtlich dieser Feinheiten heute: haben Sie das Gefühl, dass alle Lautenisten die Dinge umsetzen, dass es da ein allgemein zugängliches Basiswissen gibt, das alle befolgen? Also, ist die Laute heute ein Instrument, das im allgemeinen technisch und musikalisch ganz gut beherrscht wird? Sie dürften ja nach ihrer jahrzehntelangen Lehrtätigkeit an der Schola Cantorum Basiliensis einen ganz guten Einblick haben. Ja, da sind immer mehr interessante Individuen, die Laute spielen, und das entwickelt sich sehr spannend weiter: es werden jetzt Repertoires entwickelt, von deren Existenz man vor 20 Jahren noch gar nichts wusste. Und das Lauteninstrument im Continuo-Einsatz – also meistens als Theorbe oder Barockgitarre – ist jetzt fast überall präsent, wo es vor 20 oder 30 Jahren noch eher die Ausnahme war, in Barockopern, in kleinen und großen Ensembles. Da ist die Laute viel häufiger zu hören als früher. Und wirkungsvoll! Ja, das stimmt. Das macht wirklich einen Unterschied im Klang. Ich denke gerade zum Beispiel an dieses italienische, das neapolitanische Repertoire, in dem man vor 20 Jahren noch kaum mal ein Lauteninstrument gehört hätte… Genau. Aber gut, vor 40 Jahren gab es noch kaum einen Barockgeiger in Italien, oder Sänger, INTERVIEW 34 TOCCATA - 122/2022 HHOPKINSON SSMITH,,LAUTEE

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