Toccata 06/2022

die etwas von diesem früheren Repertoire verstanden, die sich auf diese früheren Techniken spezialisiert hätten. Und jetzt hat Italien doch ein breites Spektrum an Alter Musik, und auch die Zupfinstrumente sind präsent. Aber auch in Deutschland: ich glaube, hier war es vielerorts vor zehn Jahren noch nicht üblich, dass man eine Laute ins Continuo einband. Ja, das ist richtig. Und wie war das für Sie beim Unterrichten an der Schola: kamen Ihre Studenten gewöhnlich schon mit einem gewissen Grundwissen, einer guten Technik? Denn ich sehe bei vielen Alten Instrumenten leider noch immer so ein wenig das Problem, dass es zwar durchaus Orte gibt, wo man eine gute Hochschulausbildung darauf bekommen kann, aber vorher gibt es zumindest in Deutschland fast gar keine Möglichkeiten, Unterricht zu bekommen, weil Schulen und Musikschulen nach wie vor im Bereich der historischen Aufführungspraxis so gut wie nichts anbieten. An kaum einer Schule wird auch nur Cembalo gelehrt, geschweige denn irgendetwas anderes, und die Kinder könnten also als Zupfinstrument höchstens Gitarre lernen, wenn sie nicht irgendwo Privatunterricht bekommen. Wie ist das dann, wenn die an die Hochschule kommen? Das hat sich schon ein bisschen geändert, denn vergessen Sie nicht: am Anfang stand die Blockflöte! Die gab es überall, auch in Deutschland, als Schulinstrument, denn sie bietet halt die Möglichkeit, Kindern mit einem relativ günstigen und einfach zu erlernenden Instrument ein bisschen Musik beizubringen. Einige blieben dann auch dabei, und so hat sich das schon weiterentwickelt. Aber gut, vor allem an den Hochschulen. Da gibt es doch inzwischen auch in Deutschland einige, wo man Laute lernen kann. Ich weiß allerdings nicht sehr viel darüber, wie es in Deutschland mit den Kindern ist, aber ich sehe zum Beispiel, dass etwa in Holland und Frankreich sehr viel Sozialarbeit mit Musik gemacht wird, und da gibt es durchaus auch mal Alte Instrumente. Und ich glaube, das wird schon auch in Deutschland kommen, denn diese Instrumente haben so eine schöne Ausstrahlung und der Zupfklang trifft die musikalische Seele auf eine besondere Art: wenn man das hört, dann will man das lernen! Aber natürlich gibt es derzeit auch die Tendenz, dass die Künste in den Schulen, bei den Kindern und Jugendlichen ein bisschen vernachlässigt werden, und das ist eigentlich ziemlich dumm. Besonders jetzt, wo soviel Technisches von ihnen gefordert wird, wäre es nochwichtiger, dass die musische Sphäre einen wichtigen Platz in der Ausbildung behält. Es gibt ja auch diverse Studien dazu, die zeigen, dass Kinder, die neben dem reinen Schulunterricht noch ein Instrument lernen oder auch regelmäßig singen, sogar in den anderen Fächern bessere Noten haben, sozial kompetenter und ausgeglichener sind, und so weiter. Und ich meine auch, das Zusammenspiel mit anderen Kindern ist ein großartiger Ausgleich zum vor-dem-Computer-Sitzen. Ja, allerdings! Wie wichtig sind denn Instrumentenbauer für die Lautenwelt, und wie ist da die Lage heutzutage? Der Instrumentenbau hat sich eigentlich parallel zum Lautenspiel weiterentwickelt. Die Lauten, die zum Beispiel in den sechziger Jahren gebaut wurden, sind heute also nicht mehr so interessant für uns, und natürlich wird es immer interessanter, je mehr ein Instrumentenbauer dann ein Instrument auch studiert hat, das er nachbaut. Der Aspekt des Instrumentenbaus, der nach wie vor der wichtigste ist, ist das Gehör des Instrumentenbauers. Wenn er oder sie da ein Klangvorbild hat und sucht und sucht und probiert, richtig hinein zu hören — und dann noch weiß, welche Sachen er wie ändern muss, um das zu erreichen, was ihm vorschwebt: das ist das wichtigste am Instrumentenbau. Das Handwerkliche können viele Leute wirklich sehr, sehr gut, aber nur die wenigsten hören richtig hinein und suchen eine bestimmte Klangfülle. Wenn nun Studenten zu Ihnen kommen: was bringen die für Instrumente mit? Also wie ist es in der Fläche bestellt, mit dem Lautenbau? Das ist wie überall: manche haben sehr gute Instrumente, manche etwas rustikale, manche haben Fabrikinstrumente, die preiswert, aber oft gar nicht so schlecht sind. Aber wenn man ein bisschen Ahnung von einer sehr tiefen Resonanz in allen Registern hat, und von einem guten Ausgleich zwischen den verschiedenen Registern eines Instruments, dann wird man vermutlich nur mit einem Instrument eines ziemlich guten Bauers glücklich werden. Die Schola Cantorum Basiliensis hat aber zum Beispiel auch ein paar sehr gute Lauteninstrumente zum Ausleihen für Studenten. Und wenn man ein gutes Instrument mit vielen Möglichkeiten hat, dann kommt man im Studium auch schneller vorwärts. Sie haben ja nun an der Schola unterrichtet, dazu Masterclasses, Workshops und Kurse auf der ganzen Welt gegeben, und das alles über Jahrzehnte. Haben Sie dabei vom Unterrichten auch selbst profitiert? Wie sehen Sie das? Das ist immer sehr stimulierend, ein Stimulus, nicht nur, weil man Ideen bekommt, die man vorher nicht hatte, sondern es ist auch einfach das Treffen mit einem anderen Wesen, das in die gleiche Richtung gehen möchte. Es ist also eine sehr dankbare Arbeit – meistens (lacht). Und ich muss sagen, es hilft mir auch, mich auf das zur fokussieren, was für mich wichtig ist, wenn ich dann nachhause gehe und übe. Was sagen Sie Ihren Schülern, Ihren Studenten, was das wichtigste am Lautenlernen ist? Das Hören, das Üben. Und nicht zu schnell Ensemblearbeit zu machen, sondern bei der Vorbereitung von interessanten Projekten wirklich in die Tiefe zu gehen. Die denken da genau wie sie meinen, dass die Professionellen denken: dass sie mit kurzer Probenzeit ein Projekt auf die Beine stellen wollen und können. Das ist dann eben oft ein bisschen zu schnell und bräuchte mehr Tiefe, mehr innere Beteiligung. Woran arbeiten Sie selbst nun augenblicklich, oder in nächster Zeit? Ich unterrichte jetzt nicht mehr so viel, und wenn, dann vor allem im Weiterbildungsinstitut an der Schola. Und ja, für mich arbeite ich gerade an diesem Spinacino-Dalza-Projekt, in dem es um drei Drucke von Ottaviano Petrucci geht, die in Venedig Anfang des 16. Jahrhunderts herauskamen. Das war gewissermaßen mein CovidLockdown-Projekt, mich mit diesen Repertoires zu beschäftigen. Zum Beispiel sind die Texte der Ricercare von Spinacino voller Fehler und man muss sie genau anschauen, um das zu verbessern. Ich sage immer, ich habe sie unter meinem musikalischen Mikroskop Ton für Ton untersucht — und da fehlen dann Takte, die Noten in der Tabulatur sind auf der falschen Linie, und so weiter. Ganz im Gegensatz übrigens zu den ersten Drucken Petruccis von polyphoner Musik, die fast fehlerfrei sind! Ja, und diese CD wird also demnächst bei Naïve in Frankreich erscheinen, unter dem Titel Bright and Early. Denn es ist sozusagen auch der Morgen in der Lautenmusik…: resonant und früh. Und da geht es eben auch um diese Art, die Laute zu besaiten, mit den Oktavsaiten vom dritten bis zum sechsten Chor, und das bringt eine ganz spezielle Resonanz mit sich, und verhilft dieser Musik zum Leben. Da stecke ich also momentan die meiste Energie hinein. Ich habe auch mehrere Konzerte mit diesem Repertoire gemacht, und es geht in den nächsten Wochen auch noch weiter damit; ich habe also schon ziemlich viele Kilometer hinter mir, mit diesem Programm. 35 TOCCATA - 122/2022 INTERVIEW Hopkinson Smith, Foto: Marisa Herrera

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