Toccata 06/2022

INTERVIEW 36 TOCCATA - 122/2022 Das klingt anstrengend… Ach, wenn man Zeit hat, den Jetlag zu überwinden und jeden Tag zu üben und so, dann ist es wunderbar! Also, Sie denken noch nicht ans Aufhören? Nein, nein. Ich habe noch viel zu tun! Fragen und Übertragung: Andrea Braun Floris De Rycker Herr De Rycker, wie und warum sind Sie Lautenist geworden? Das ging bei mir eigentlich ziemlich intuitiv vonstatten. Ich habe in meiner Jugend sehr viel klassische Gitarre gespielt, aber auch immer im Rock– und Jazzgruppen; also ich kombinierte meine eigenen Eingebungen, Improvisationen, auch eigene Kompositionen schon, mit den bekannten Werken für klassische Gitarre. Ich konnte mich damals auch wirklich nicht zwischen den beiden Möglichkeiten entscheiden: ich liebte einerseits diesen akustischen Klang, den man ganz und gar durch die Motorik bestimmen kann, aber andererseits auch diese andere Welt. Und ich endete bei den frühen Zupfinstrumenten, wo das für mich zusammenkam. Inwiefern? Da ist die Musik oft auch nur eine Art Rahmen, eine Art Knochengerüst, dass man noch mit Fleisch umkleiden muss, wenn ich das so ausdrücken darf (lacht). Man muss quasi noch Bordüren hinzufügen, und dabei gehe ich doch gerne akustisch vor, das finde ich ausgesprochen interessant. Natürlich ist das eine Herausforderung, aber ich bin doch sehr froh, dass ich auf diese Weise Musik machen kann. Inzwischen spielen Sie, so wie ich das sehe, vor allem oder zumindest sehr viel mit Ihrer eigenen Gruppe, Ratas del viejo Mundo. Oder arbeiten Sie auch noch viel mit anderen zusammen? Naja, ich hatte gerade noch ein Konzert mit Graindelavoix in Lissabon, ein Josquin-Programm, das wir auch auf CD aufgenommen hatten und das den Deutschen Schallplattenpreis gewonnen hat. Natürlich haben 2021 viele Ensembles Josquin aufgenommen, weil das eben das Josquin-Jahr war... Sein 500. Todesjahr... Genau. Und mit Ratas haben wir das etwas erweitert, zu Josquin Baston, einem niederländischen Komponisten des 16. Jahrhunderts, und gerade nun haben wir auch eine kleine Tour mit dem Programm dieser CD in Holland gemacht, die denn auch den Titel Der andere Josquintrug. Denn Baston ist leider noch immer vollkommen unbekannt.... Daneben spiele ich auch noch mit dem SolazzoEnsemble – kürzlich etwa in Utrecht auf dem Festival Oude Muziek. Früher habe ich auch sehr viele Theaterproduktionen mit Musik versehen, aber inzwischen, wo wir auch mit der Gruppe immer mehr Erfolg haben, muss ich ein bisschen genauer auswählen, was ich noch machen kann. Ich habe ja auch eine Vollzeitstelle als Dozent und drei Kinder – da wird die Zeit schon manchmal knapp. Erzählen Sie uns doch ein bisschen was von Ihrem Ensemble selbst – angefangen vielleicht mit dem Namen: die Ratten der Alten Welt (lacht). Das ist ja schon ein bisschen ungewöhnlich: was hat es damit auf sich? Ja (lacht), richtig. Mir war, als ich das Ensemble damals gegründet habe, ja klar, dass ich diesen Namen Tausende von Malen würde aussprechen und aufschreiben müssen, und so wollte ich gerne einen poetischen Namen, in dem man auch verschiedene Bedeutungen erkennen kann. Und im Bereich der Alten Musik referiert man bei den Ensemblenamen ja gern auf Engel und Musen, oder auch sonstige Sachen, die irgendwie über uns schweben, oder auf irgendwelche Kreationen von Musikern, Sammlungen, Traktate... Aber ich dachte, all diese Musik ist doch für Menschen gemacht und wird von ihnen gespielt, und die Gefühle und die Themen der Stücke in damaliger Zeit sind doch ungefähr dieselben wie die der Lieder, die man heute im Radio hört, und so wollte ich also etwas Bodenständigeres, Erdverbundeneres. Dann kam mir die Idee, dass ich mit den Ratten ja doch irgendwie im Untergrund sitze und der Name insofern sehr erdverbunden wäre –- und dabei blieb es dann auch. Keine Musen und Engel also... (lacht) Naja, ich habe nichts gegen Musen und Engel, aber ich empfinde doch die Gefühle der Werke, mit denen wir umgehen, und die Musik im Allgemeinen als sehr, sehr menschlich, und deshalb erschien mir der Name mit den Ratten so passend. Was für Leute singen und spielen da? Wir haben ganz verschiedene, sehr starke Persönlichkeiten in der Gruppe, die aus verschiedenen Szenen stammen. Und haben Sie eine feste Besetzung, spielen und singen immer dieselben Leute? Die Sänger schon, ja, denn Sänger haben einfach einen sehr eigenen Klang, den man meiner Meinung nach nicht gut ersetzen kann. Aber die Instrumente wechseln je nach Programm. Sie machen ja auch relativ große Besetzungen, oder? Ja. Die größte ist momentan auch auf Tour, das ist das Projekt Vlaemsch (chez moi) mit Eastman, mit den Tänzern von Sidi Larbi Cherkaoui, und das ist eine richtig große Show mit 20 Leuten auf der Bühne, und wir versehen das ganze dann mit Live Musik. Das heißt, das ist eine Kombination von zeitgenössischen Tanz mit Musik des 16. Jahrhunderts, und das macht großen Spaß. Aber ansonsten sind unsere Live Konzerte meistens so mit sechs bis acht Musikern besetzt. War das von Anfang an die Absicht, als Sie das Ensemble gegründet haben, dieses Repertoire in solchen Besetzungen zu spielen, auch solche Projekte mit anderen Künsten zu machen? Ich wollte von Anfang an mehrere Instrumente einbeziehen, weil die Polyphonie des 16. Jahrhunderts natürlich sehr oft vokal gedacht ist, aber wenn ich Zupfinstrument spiele, dann habe ich Meter um Meter Partituren von Bearbeitungen dieser Musik – durchaus aus dieser Zeit, also historische Bearbeitungen. Doch wenn man diese Musik durchliest, dann bekommt man ein ganz anderes Bild, als die ursprüngliche, herrliche Partitur. Damals wurde natürlich enorm viel diminuiert, manchmal sogar Stücke weggelassen, also auch im 16. Jahrhundert ist man an so eine Partitur sehr frei herangegangen und musste sie natürlich auch immer an die Situation anpassen in der man sich als Musiker gerade fand: wenn es gerade zu wenig Sänger gab, dann mussten die Instrumente nach einer Art und Weise suchen, sie zu ersetzen. Und ich finde es sehr reizvoll, etwas achtstimmiges in Partitur vor mir zu haben, es aber dann mit drei Musikern doch glaubwürdig spielen zu können. Die Solomusik für Laute und verwandte Instrumente ist dagegen in Tabulatur aufgeschrieben, und da gibt es viel weniger Undeutlichkeit über die Ficta, die Chromatik, denn wenn man aus Noten liest, dann kann man so ein bisschen nach dem eigenen Geschmack beschließen, ob man viele Ficta hinzufügen möchte oder gerade nicht, aber in der Tabulaturschreibweise ist das alles sehr klar zu sehen, da gibt es extrem chromatische Beispiele. Wenn Sie aber nun im Ensemble so viel improvisieren, so viele Diminutionen hinzufügen, wo ist dann die Grenze zur reinen Willkür? Und Sie schreiben in der Biografie ihres Ensembles auch, dass sie sehr viele Stücke nach mündlicher Überlieferung spielen, da stellt sich natürlich die gleiche Frage: was ist jetzt historisch, was ist sozusagen beliebig, oder das, was sie schön finden? Gute Frage –– sehr gute Frage... (lacht)! Ich gehe da eigentlich gerne von der Intuition der heutigen Musiker aus, statt einem theoretischen Modell –- vielleicht auch aus nur einer Quelle – – aus der jeweiligen Zeit zu folgen, in der die Floris De Rycker

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