Toccata 06/2022

INTERVIEW 38 TOCCATA - 122/2022 Ich sehe da aber auch eine enge Gemeinsamkeit all dieser alten Tasteninstrumente in all ihrer Vielfalt: Diese ist wirklich einzigartig und grenzenlos, und sie verlangte und verlangt außerdem einen ständigen Dialog zwischen der Inspiration der Komponisten und dem Einfallsreichtum der Klavierbauer. Sie spielen viel Repertoire, das für die Alte Musik eigentlich schon als relativ spät gilt —Beethoven, Wilhelm Friedemann Bach etcetera — warum? Was reizt Sie an diesem Repertoire, und warum ist es vielleicht besonders wichtig, dieses Repertoire auf historischen Instrumenten zu spielen? Meine Liebe zu Wilhelm Friedemann Bach entstand eigentlich unmittelbar, als ich seine Werke entdeckte, die vor 15 Jahren ja noch kaum gespielt wurden. Diese besondere Persönlichkeit, sein Lebensweg und seine äußerst persönliche Handschrift haben mich dazu inspiriert, ganz in sein Werk einzutauchen. Und weil ich selbst doch irgendwie an der Schnittstelle zwischen Cembalo, Clavichord und Hammerklavier aktiv bin, hat mich seine seltsame und gleichzeitig so leidenschaftliche Musik von Anfang an besonders angezogen. In meinen ersten Jahren auf dem Fortepiano hatte ich mich auf die Werke von Mozart und Haydn konzentriert, aber dann haben mich die Entdeckung späterer Clavierinstrumente und der Wunsch, ein breiteres kammermusikalisches Repertoire zu spielen, sehr schnell in ihren Bann gezogen. Aber Bach steht dennoch immer im Mittelpunkt meiner Arbeit und meines musikalischen Lebens; und es ist spannend, den Weg zu verfolgen, der Bach mit seinen Söhnen verbindet, und dann geht es sozusagen die Abstammungslinie entlang zu Haydn, Beethoven, Mendelssohn, Schumann... Es ist ein musikalischer und spiritueller Weg, der eben auch zur Entwicklung und Vielfalt der alten Tasteninstrumente führt, die sich jeder Uniformität der Welt entziehen. Wie weit ist die historische Aufführungspraxis mit dieser Klaviermusik aus dem späten 18. und dem 19. Jahrhundert? Bekommt die Ihrer Meinung nach inzwischen die ihr gebührende Aufmerksamkeit? Naja, es gibt immer mehr Pianisten, die sich sehr für historische Tasteninstrumente interessieren. Es ist also definitiv eine Welt, die sich öffnet! Und sehen Sie da auch auf Veranstalterseite eine gewisse Offenheit? Denn ich weiß nun nicht, wie es in Frankreich ist, aber in Deutschland ist ab der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts das meiste Repertoire noch ziemlich fest in den Händen der modernen Pianisten auf modernen Steinways. Auch natürlich, weil es so wenige Hammerflügel in Konzerthäusern und bei Veranstaltern gibt. Ja, das stimmt, das ist immer noch ein Problem, schöne alte, gut restaurierte Instrumente oder schöne Kopien zu finden. Für bestimmte Repertoires, zum Beispiel für das späte 18. und frühe 19. Jahrhundert, gibt es da tatsächlich nicht so viele. Und es gibt ein zweites Problem: man braucht neben dem Instrument auch jeweils noch einen sehr guten Clavierbauer und -stimmer, der in der Lage ist, die von Instrument zu Instrument sehr unterschiedlichen Mechaniken zu regulieren und die Fortepiani zu stimmen, die entschieden kapriziöser sind als ein modernes Klavier (lacht). Einige alte Claviere und sogar viele Kopien von alten Instrumente reagieren außerdem extrem empfindlich auf Temperaturund Luftfeuchtigkeitsschwankungen. Aber in Frankreich gibt es auf Seiten der Veranstalter trotzdem eine echte Begeisterung für historische Claviere, die gerade noch zunimmt; ein Teil der Wahrheit ist allerdings auch, dass diese Begeisterung in erster Linie von Festivals ausgeht, die sowieso schon Alte Musik in ihrem Programm haben. Also, die Veranstalter müssten wirklich ermutigt werden, dieses notwendige und wesentliche Risiko einzugehen, wo etwas auf’s Programm zu setzen, denn je größer die Nachfrage, desto mehr Leute gibt es irgendwann auch, die beruflich mit dem Instrumentenbau und historischen Tasteninstrumenten zu tun haben. Und wir Musiker brauchen diese fruchtbare Zusammenarbeit! Was ist heutzutage Ihr Hauptrepertoire, was spielen Sie am häufigsten, was mögen Sie am liebsten? Und auf welchem Instrument? Das ist eine schwierige Frage... Ich glaube, ich werde mich nie zwischen einem Instrument und einem anderen entscheiden können. Ich bin mir allerdings sicher, dass ich immer JS Bach wählen würde, wenn ich mich jemals für einen Komponisten entscheiden müsste — so im Sinne von: Was nimmst du mit auf die einsame Insel… Er ist für mich auf jeden Fall der Komponist, der nie aufhören wird, die Seelen der Musiker und Hörer zu erheben. Nach welchen Kriterien entscheiden Sie, ob Sie ein Stück auf dem Fortepiano, dem Cembalo oder dem Clavichord spielen? Also, da spreche ich natürlich von Stücken, bei denen wir nicht wissen, was der Komponist im Sinn hatte. Und gibt es für Sie Stücke, die Sie ganz eindeutig nur auf einem der Instrumente spielen möchten, die Sie da sozusagen zu Hause sehen? Diese Fragen lassen sich schon beantworten, wenn man sich unbedingt entscheiden muss, aber das schließt nicht aus, dass man auch andere Möglichkeiten offen lässt. Wilhelm Friedemann Bachs Kompositionsweise und die Werke, die er hinterlassen hat, zeigen zum Beispiel, dass er dem Cembalo sehr zugetan war. Seine Musik klingt auf einem Cembalo unglaublich gut, insbesondere seine Konzerte. Aber die Frage bleibt: Da seine Zeit die Zeit eines leidenschaftlichen Miteinanders oder Nebeneinanders verschiedenster Tasteninstrumente war, denke ich, dass man einfach ausprobieren muss, was funktioniert, und bei jedem Stück, das man spielt, wieder nach dem besten Instrument suchen sollte, um der Musik gerecht zu werden. Die Frage nach Fortepiano und Clavichord stellt sich eher für Carl Philipp Emanuel Bach, auch weil er in seinen Schriften viel über seine Liebe zum Clavichord spricht, weil es in seiner Schreibweise Besonderheiten gibt, die dem Fortepiano quasi auf den Leib geschrieben sind, oder weil bekannt ist, dass er auch Silbermanns Fortepianos gespielt hat... Bei der Auswahl des Instruments muss man aber natürlich auch auf den Kontext schauen: das Clavichord, ein sehr zartes Instrument, erfordert im Konzert eine besondere Akustik, Nähe und Intimität. Wenn diese Bedingungen nicht gegeben sind, ist es einfach nicht möglich oder zumindest nicht sinnvoll, ein Clavichord vor Publikum zu spielen. Es gehört immer zu den wichtigsten Kriterien für die Auswahl des besten Tasteninstruments für ein Konzert, dass Akustik und die Art und Qualität des jeweiligen Tasteninstruments zusammenpassen. Und eine CD ist dann nochmal ein völlig anderer Kontext, da ist die Auswahl noch viel wichtiger, weil es sich nicht mehr um einen flüchtigen Moment wie in einem Konzert handelt. Sie haben auch ein Ensemble gegründet, il Convito. Wann, warum, was ist die Idee dahinter und was zeichnet dieses Ensemble aus? Ich habe das Ensemble und Orchester il Convito 2015 gegründet, als einen Raum der Freiheit und des kreativen Schaffens, den ich mit lieben alten Freunden teile. Und es ist für mich eine Möglichkeit, ganz frei neue Programme zu erforschen, aufzubauen und sich für die Zukunft zu engagieren. Das Ensemble ist um die alten Tasteninstrumente herum entstanden, aber wir teilen uns die Leitung gewissermaßen; es gibt keinen Dirigenten und ich dirigiere vom Instrument aus, selbst wenn wir 25 Musiker sind. Und was spielen Sie mit il Convito vor allem? Das Herzstück unseres Repertoires ist die Barockmusik, ab dem 17. Jahrhundert aufwärts. Johann Sebastian Bach ist dabei der wichtigste Komponist und wir beschäftigen uns jedes Jahr mit einem anderen Kapitel rund um sein Werk und dann folgen wir diesem jeweiligen roten Faden, der Bach mit seinen Söhnen verbindet, bis hin zu Mendelssohn, Schumann... Außerdem liebe ich es aber auch, mit il Convito ganz neue Räume zu erforschen: Wir vergeben also regelmäßig Aufträge an Komponisten und setzen uns bei Veranstaltern auch immer wieder für Projekte ein, bei denen wir mit Tanz, Zirkuskünstlern oder visuellen Künsten zusammenarbeiten. Was steht nun in nächster Zeit bei Ihnen an? Mit il Convito sind wir gerade bei der Gründung eines Plattenlabels, weil wir die künstlerische Arbeit des Ensembles gerne wieder in den Mittelpunkt einer ganz besondern und starken Reihe von Aufnahmen stellen möchten, und dabei ganz frei entscheiden möchten, wo die Reise hingeht. Was die rin musikalische Arbeit betrifft, möchte ich eher einen längerfristigen Plan ankündigen: 2024 wird il Convito mit einer Reihe neuer Programme starten, die den Kantaten von J.S. Bach gewidmet sind. Ein Projekt mit Zirkuskünstlern und ein weiteres Projekt mit Tänzern und dem Choreographen Noé Soulier sind ebenfalls geplant — also eben das, was ich auch für das Label im Sinn habe: ganz spezielle und eindrückliche Projekte, mit denen wir eben das ausdrücken können, was uns wichtig ist. Fragen, Übertragung und Übersetzung aus dem Französischen: Andrea Braun

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