Toccata 06/2022

39 FESTIVALBERICHTE Festival Alte Musik Utrecht 2022 Die 41. Ausgabe des Festivals Alte Musik Utrecht war die erste nach der COVID-19-Pandemie, die ohne Einschränkungen stattfinden konnte, im Gegensatz zum letzten Jahr, als nur zwei Drittel der Konzertsäle genutzt werden konnte. Trotzdem erreichten die Besucherzahlen nicht das Niveau von 2019, dem letzten Festival vor der Pandemie. Dafür mag es mehrere Gründe gegeben haben. Erstens: Das COVID-19-Virus geht immer noch um, und da eine beträchtliche Anzahl von Liebhabern alter Musik in einem fortgeschrittenen Alter ist, haben sie sich bei Konzerten mit so vielen Menschen, die so eng beieinander sitzen, möglicherweise nicht getraut. Zweitens: Die steigende Inflation und die schnell steigenden Energiepreise könnten dazu geführt haben, dass die Menschen nicht zu viele finanzielle Risiken eingegangen sind. Das Programm war interessant genug, wie immer. Das bedeutet nicht, dass es keine Fragen aufgeworfen hat, wie es fast immer der Fall ist. Das Thema war Galanterie. Jeder Musikliebhaber denkt dann sofort an jene Zeit der Musikgeschichte, in der der galante Stil, der seinen Ursprung in Neapel hatte, Europa eroberte. Der galante Stil war die dominante Kraft in der europäischen Musik von etwa 1730 bis weit in das letzte Viertel des 18. Jahrhunderts hinein. Offensichtlich ist es unmöglich, auf diesem kleinen Abschnitt der Musikgeschichte ein ganzes Festival aufzubauen. Neapolitanische Musik konnte ohnehin nicht Teil des Programms sein, da das Festival 2019 ganz Neapel gewidmet war. Zu den bekanntesten Vertretern des galanten Stils gehörte Johann Christian Bach. Er spielte jedoch nur eine marginale Rolle im Programm. Im Mittelpunkt des Festivals stand vielmehr sein Bruder Carl Philipp Emanuel. Aus musikalischer Sicht war das eine gute Wahl, zumal seine Musik in der Vergangenheit nicht so oft aufgeführt wurde und ein grosser Teil seines Oeuvres dem Grossteil des Festivalpublikums unbekannt sein dürfte. Ihn als 'composer in residence' zu behandeln, ist historisch gesehen nicht unproblematisch. Es gibt durchaus galante Elemente in seinem Oeuvre, aber er gilt allgemein - und zu Recht - als einer der Hauptvertreter zweier weiterer Richtungen der Musikgeschichte des 18. Jahrhunderts, die als Empfindsamkeit bzw. Sturm und Drang bekannt sind. Nicht nur auf diese Weise wurde das Thema erweitert. Alte Musik bedeutet für viele Musikliebhaber Musik des Mittelalters und der Renaissance. Sie mussten auch etwas nach ihrem Geschmack finden. Festivalleiter Xavier Vandamme betonte in seiner Einführung, dass es bei Galanterie generell um das richtige Verhalten von Menschen auf allen Ebenen des Alltags gehe. Er bezog sich ausdrücklich auf eine besondere Abhandlung, die viel Ruhm erlangt hat: Il Libro del cortegiano von Baldassare Castiglione (1478-1529), ein praktisches Handbuch für das Leben am Hof. Das war sicherlich nützlich, und Paul Van Nevel widmete mit seinem Huelgas Ensemble Castiglione und seiner Welt ein Konzert. Die Gefahr einer solchen Erweiterung des Themas liegt auf der Hand: Es kann so allgemein werden, dass es seine besondere Bedeutung verliert. Glücklicherweise wurde vermieden, jedes einzelne Konzert mit dem Thema zu verbinden. Es ist einfach unmöglich, einen Zusammenhang zwischen einem Konzert mit beispielsweise Madrigalen von Philippe Verdelot oder geistlicher Musik aus Gesualdos Neapel mit dem Thema 'Galanterie' herzustellen. Ich habe meinen Bericht in verschiedene Abschnitte aufgeteilt, die jeweils einem bestimmten Bereich des Festivalprogramms gewidmet sind. Zunächst: die Vokalmusik von Carl Philipp Emanuel Bach und seinen Zeitgenossen. Die Niederländische Bachvereinigung, geleitet von Shunske Sato, zeichnete verantwortlich für das Eröffnungskonzert. Die Jahrhundertfeier dieses Ensembles war der Grund, dass es als 'artist in residence' ernannt worden war. Vor 100 Jahren wurde das Ensemble mit dem Ziel gegründet, die Musik von Johann Sebastian Bach, insbesondere seine Passionen, aufzuführen. Im Laufe der Jahre hat es auch Musik anderer Komponisten aufgeführt, aber ich kann mich nicht erinnern, jemals Musik von Emanuel Bach vom Ensemble gehört zu haben. Beim Festival führte es zum ersten Mal in seiner Geschichte dessen Magnificat auf. Vater und Sohn komponierten beide ein Magnificat, aber die Vertonung des alten Bach ist viel bekannter als die seines Sohnes. Wer nur das Magnificat des Vaters kennt, mag es als Schock empfinden, Emanuels Fassung zu hören. Ersteres ist in mehrere relativ kurze Abschnitte aufgeteilt, für Solostimme(n) oder das gesamte Ensemble. In Emanuels Fassung ist die Zahl der Sätze kleiner und sind die Arien länger, technisch anspruchsvoller und vor allem stark von der Oper beeinflusst. Die Sopran- und TenorArien sind voller Koloraturen. Die Alt-Arie 'Suscepit Israel' hingegen ist ein wunderschönes lyrisches Stück, das von Reginald Mobley subtil gesungen wurde. Er trat zum ersten Mal beim Festival auf und war für mich eine der diesjährigen Entdeckungen. Kristen Witmer, Marcel Beekman und Felix Schwandtke lieferten allesamt gute Leistungen ab, wobei erstere manchmal etwas zu laut war. Das Vokalensemble bestand aus zwölf Sängern, darunter die vier Solisten. Das reichte für die Tutti-Abschnitte voll aus. Wir hörten das Magnificat in der Fassung von 1786, als Emanuel es während eines Konzerts aufführte, in dem auch das Credo aus Johann Sebastians Messe in h-Moll erklang. Deswegen wurden einige Abschnitte aus diesem Werk auch in dieses Konzert einbezogen. Höhepunkte waren das Crucifixus und das darauffolgende Et resurrexit. Zwischendurch hörten wir eine der Streichersinfonien von Emanuel Bach. Später im Festival war sein Oratorium Die Israeliten in der Wüste zu hören. Es beschreibt wie das Volk Israel, auf dem Weg von Ägypten zum gelobten Land, wegen der Entbehrungen sich gegen Moses, und damit letztendlich gegen Gott, erhebt. Moses weiss das Volk zu beruhigen und den Zorn Gottes abzuwenden. Es ist eine dramatische Episode in der Geschichte Israels, wie sie im 2. Buch Mose erzählt wird. Emanuel Bach hat daraus ein Oratorium geschaffen, das mit virtuosen Arien und dramatischen Chorpartien einer Oper ähnelt und einen starken Eindruck beim Publikum hinterlässt. Der dramatische Charakter des Oratoriums kam in der Aufführung des Ensembles Gli Angeli Genève unter der Leitung von Stephan MacLeod, der auch die Partie des Moses sang, sehr gut zur Geltung. Die Rolle seines Bruders Aaron übernahm der Tenor Valerio Contaldo und die beiden israelitischen Frauen wurden von Marie Lys und Zoë Brookshaw porträtiert. Die Arien wurden hervorragend gesungen und an Dramatik mangelte es weder in den Arien noch in den Chören. Stilistisch war die Darbietung weniger überzeugend: Die solistischen Beiträgen - mit Ausnahme von denen Contaldos - wurden von einem Dauervibrato verunstaltet, und das beeinträchtigte auch die Chorpartien, die von den Solisten und Ripienisten gesungen wurden. Die Bedeutung der Aufführung dieses Werks im Rahmen des Festivals kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Es liegt in mehreren CD-Aufnahmen vor, wird aber kaum jemals in Konzerten aufgeführt. Diese Aufführung war nicht makellos, hat das Publikum aber vielleicht davon überzeugt, dass Emanuel Bachs Vokalmusik es verdient, ernst genommen zu werden. Das dritte grosse Vokalwerk war eine Passion, nicht von Carl Philipp Emanuel Bach, sondern von seinem Vater, seinem Taufpaten Telemann und Carl Heinrich Graun, einem der Komponisten im Dienste Friedrichs des Grossen. In den Niederlanden ist es - anders als in anderen Ländern - nicht üblich, Passionsmusik ausserhalb der Passionszeit aufzuführen. Als René Jacobs vor einigen Jahren Bachs Matthäus-Passion während des Festivals aufführte, hielt es der Festspielleiter für notwendig, dies zu verteidigen. Offenbar sah er diesmal keinen Grund dafür, als die Niederländische Bachvereinigung, wiederum unter der Leitung von Shunske Sato, das Passionspasticcio 'Wer ist der, so von Edom kömmt' aufführte. Es gibt einige Fragen zu diesem Werk, die noch nicht beantwortet worden sind. Wer hat dieses Pasticcio zusammengestellt? Könnte es Bach gewesen sein? Und ist er tatsächlich - wie vermutet - der Komponist des Ariosos 'So heb ich denn mein Auge sehnlich auf', das in keinem anderen Werk vorkommt? Auf jeden Fall ist es ein beeindruckendes Werk, das es verdient, öfter aufgeführt zu werden. Hoffentlich kann die Aufführung im Festival dazu beitragen, dass dieses Stück bekannter wird. Leider wurde es nicht vollständig ausgeführt. Die gesamte Aufführung dauerte etwa 80 Minuten, wobei die CD-Aufnahmen dieses Werks jeweils knapp zwei Stunden in Anspruch nehmen. Insgesamt war die Interpretation sehr überzeugend. Beeindruckt hat mich erneut der Altist Reginald Mobley, der seine Qualitäten in seiner Arie und im Duett mit Kristen Witmer zeigte, die mich hier mehr als zuvor in Carl Philipp Emanuel Bachs Magnificat überzeugte. Felix Schwandtke und Marcel Beekman lieferten hervorragende Leistungen ab, wobei letzterer nicht immer besonders subtil war. Ich war sehr zufrieden mit der Art und Weise, wie Sato an dieses Werk herangegangen ist, und besonders mit der Aufführung der Choräle, oft ein Schwachpunkt bei Aufführungen deutscher Kirchenmusik. Wenn in einem Festival der Musik aus der Mitte des 18 Jahrhunderts besondere Aufmerksamkeit geschenkt wird, kommt man um die Figur Friedrichs des Grossen nicht herum. Er holte jeden, der in der Musik einen Namen hatte, an seinen Hof. Komponisten wie die Gebrüder Graun und Benda, Christoph Schaffrath, Johann Joachim Quantz und viele andere konnten dort ihre Fähigkeiten entfalten. Friedrich war nicht nur ein grosser Musikliebhaber, er war auch ein fanatischer Traversflötenspieler; er komponierte sogar für sein eigenes Instrument. Seine Sonaten und Konzerte werden von Musikwissenschaftlern nicht hoch eingeschätzt; ihnen zufolge sind sie von nicht mehr als mittelmässiger Qualität. Die Frage ist, ob sie diese Stücke wirklich jemals gehört haben, gespielt entsprechend den Aufführungsgewohnheiten seiner Zeit. Hätten sie Aysha Wills, zusammen mit Octavie Dostaler-Lalonde (Violoncello) und Artem Belogurov (Fortepiano), gehört, würden sie ihre Meinung vielleicht ändern. Sie spielten vier Sonaten und dazwischen eine Sonate seiner Schwester Wilhelmine. Ich konnte in diesen Sonaten nichts finden, was das negative Urteil rechtfertigen könnte. Die langsamen Sätze waren ausdrucksstark; zwei Sonaten begannen mit einem Rezitativ. Die schnellen Sätze erlaubten einen Eindruck von der Spieltechnik Friedrichs, und diese muss sehr fortgeschritten gewesen sein, denn sie beinhalten mehrere technische Herausforderungen. Aysha Wills erwies sich als ideale Verfechterin von Friedrichs Musik: Ihre Technik war makellos, sie produzierte einen wunderschönen Ton und gestaltete jede Sonate wie eine musikalische Rede. Auch dank eines wunderschönen Instruments - einer Kopie einer von Friedrichs eigenen Flöten - und ihrer engagierten Partner war dies ein sehr unterhaltsames Konzert, das allen Anlass zu einer Neubewertung der Flötensonaten Friedrichs gab. Friedrich war nicht der Einzige, der die Flöte verehrte. Im Laufe des zweiten Viertels des 18. Jahrhunderts hatte sie sich auf Kosten der Blockflöte zu einem der Lieblingsinstrumente der damaligen Laien entwickelt. Ob sie auch Stücke ohne Begleitung gespielt haben, ist schwer zu sagen. Jedenfalls komponierte Telemann zwölf Fantasien vornehmlich für Laien. Das sind sehr abwechslungsreiche Stücke im gemischten Geschmack, als dessen Vertreter Telemann galt. Zwei dieser Fantasien wurden von Rachel Brown gespielt. Sie fing an mit dem berühmtesten Stück für Soloflöte, der Partita in aMoll von Johann Sebastian Bach, einem technisch anspruchsvollen, aber ausdrucksstarken Werk. Dieselben Merkmale gelten für die Sonate in derselben Tonart seines Sohnes Carl Philipp Emanuel. Vor allem wegen des empfindsamen Charakters ist dieses Stück vielleicht TOCCATA - 122/2022

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