Toccata 06/2022

noch komplizierter. Der vierte Komponist im Programm war Johann Joachim Quantz, Flötenlehrer Friedrichs des Grossen. Vielleicht hat er die Capriccios und Fantasien, die Rachel Brown spielte, als Übungsmaterial benutzt, denn dafür sind sie gedacht. Das heisst aber nicht, dass sie musikalisch uninteressant sind. Quantz war ein besserer Komponist, als sein Ruf vermuten lässt. Das kam bei Rachel Browns Interpretationen gut zum Tragen. Ihre technischen Fähigkeiten und ihre Atemtechnik waren beeindruckend. Sie nutzte sie für differenzierte und ausdrucksstarke Interpretationen. Nicht nur die Blockflöte verlor nach und nach an Reiz. Das geschah auch mit der Viola da Gamba. Daher mag es bei einem Festival, das sich vor allem der Musik aus der Mitte des 18. Jahrhunderts widmet, überraschen, dass ein ganzes Konzert Musik für eben dieses Instrument gewidmet war. In Berlin, am Hofe Friedrichs des Grossen, genoss die Viola da Gamba jedoch nach wie vor hohes Ansehen. Massgeblichen Anteil daran hatte Ludwig Christian Hesse, der Mitglied der Hofkapelle war und Carl Philipp Emanuel Bach gehaltsgleich war. Seine Kollegen komponierten Konzerte und Sonaten für ihn. Zwei von ihnen waren in einem Konzert von Noémi Lenhof (Viola da Gamba) und Guillaume Haldenwang (Cembalo) vertreten. Ihr Programm eröffnete mit der Sonate in A-Dur für obligates Cembalo und Viola da Gamba von Christoph Schaffrath und endete mit einem Satz aus dem Trio in G-Dur von Johann Gottlieb Graun, geschrieben für Viola da Gamba, Cembalo und Basso continuo, hier aber dargestellt in einer Bearbeitung für Viola da Gamba und obligates Cembalo. Dazwischen erklangen einige Stücke von Vater und Sohn Forqueray. Letzterer stand in engem Kontakt mit Kronprinz Friedrich Wilhelm, dem Neffen Friedrichs des Grossen. Er war ein begeisterter Gambist und besuchte Forqueray in Paris. Letzterer fungierte seither als sein Fernlehrer, der ihn per Brief unterrichtete. Es war eine interessante Konfrontation, denn die Unterschiede zwischen Forqueray einerseits und den deutschen Gambenwerken andererseits waren deutlich hörbar. Noch grösser war der Kontrast zur Sonate in DDur von Andreas Lidl. Er war mehr oder weniger ein Aussenseiter im Programm, da er keine Verbindungen zum Hofe in Berlin hatte. Er war sowohl Gambist als auch Barytonspieler, und dieses Trio konnte problemlos auf dem letzteren Instrument gespielt werden. Es ist ein rein klassisches Werk und damit vertritt er eine ganz andere Welt als Forqueray. Ich kannte Noémie Lenhof und Guillaume Haldenwang nicht. Ich war von ihrem Spiel beeindruckt. Sie hatten ihr Programm intelligent zusammengestellt, damit die stilistischen Unterschiede deutlich zum Ausdruck kamen. In ganz Europa war es das Violoncello, das die Viola da Gamba überschattete. Trotz der anhaltenden Popularität der Gambe hielt es auch in Deutschland Einzug. Octavie Dostaler-Lalonde und Victor García García (Cello) spielten mit Artem Belogurov am Fortepiano vier Sonaten. Nur die Sonate in A-Dur von Johann Christoph Friedrich Bach geniesst eine gewisse Bekanntheit. Die drei anderen Werke, von Franz Benda, Christoph Schaffrath und Anton Fils, gehören keineswegs zum Standardrepertoire. Mit Benda und Schaffrath sind wir wieder am Hof Friedrichs des Grossen, während Fils in Mannheim wirkte. Letzterer komponierte eine Reihe von Sonaten für Cello und Basso continuo, die als sein Opus 5 veröffentlicht wurde. Daraus hatten die Interpreten die erste Sonate ausgewählt, die sich durch den Einsatz der hohen Lagen auszeichnete. Möglich wurde dies unter anderem durch das Instrument, das Octavie Dostaler-Lalonde spielte: ein Cello von Johann Michael Alban, das kleiner ist als das 'normale' Barockcello; der Unterschied war optisch sofort erkennbar im Vergleich zu dem Cello, das Victor García García im Continuo spielte. Das Instrument hat einen helleren Klang und ist höher gestimmt. Laut den Musikern ist ein grosser Teil des Repertoires, das Mitte des 18. Jahrhunderts in Deutschland komponiert wurde, für ein solches Instrument gemeint. Leider wird dieses Repertoire selten aufgeführt und gerade deshalb war dieses Konzert so interessant, abgesehen von dem Instrument, das Octavie Dostaler-Lalonde mit so viel Begeisterung und technischem Können spielte. Auf dem Festival lernt man manchmal Musiker kennen, die man noch nie zuvor gehört hat und die einen starken Eindruck hinterlassen. Das war hier der Fall; wir haben es hier mit drei Musiker*innen zu tun, die man im Auge behalten sollte. Ich habe hohe Erwartungen. Eine Gattung, die Mitte des 18. Jahrhunderts entstand und sich zu einer der beliebtesten der Klassik entwickelte, war das Quartett: ein Ensemble aus vier Streichern oder einem Blasinstrument und einem Streichtrio. Die Form war neu, die Gattung an sich nicht: zwischen den Quartetten von Telemanns, beispielsweise, und denen der Klassik gibt es keine Wasserscheide. In der Zwischenzeit entstanden Quartette verschiedenster Zusammenstellung. Frühe Quartette für Oboe und Streichtrio standen im Mittelpunkt eines Konzerts von Georg Fritz (Oboe), Eva Saladin (Violine), Sonoko Asabuki (Viola) und Daniel Rosin (Violoncello). Eröffnet wurde das Programm mit einem Quatuor von Johann Gottlieb Janitsch, das noch sehr barock ist und eine starke Ähnlichkeit mit Telemanns Quartetten aufweist. Im Mittelpunkt des Konzerts stand eine Sonata à quadro von Johann Melchior Molter, die mit Violine, Bratsche und Cello als Ripieno-Instrumenten den Charakter eines Solokonzerts hat. Das letzte Stück stammte von Johann Christian Bach, und dieses Werk ist in seiner Struktur schon echt klassisch. Ferner gab es ein Streichtrio von Boccherini, und diese Gattung ist wirklich klassischen Ursprungs. Schliesslich war noch ein Duett für Violine und Violoncello von Johann Georg Albrechtsberger zu hören - eigentlich ein Präludium und Fuge, was nicht verwundert, denn Albrechtsberger war einer der bedeutendsten Komponisten von Musik für ein Tasteninstrument seiner Zeit und galt als Verfechter der kontrapunktischen Tradition. Die vier Musiker lieferten hervorragende Darbietungen, mit perfektem Zusammenspiel und schönen Solobeiträgen. Es wurde einmal mehr klar, dass es im Repertoire der Zeit zwischen Barock und Klassik noch viel zu entdecken gibt. Teil des schon erwähnten Konzerts mit Sonaten von Friedrichs dem Grossen war eine Sonate seiner Schwester Wilhelmine. Der Lautenist Konstantin Shchenikov und das Butter Quartet spielten Musik, die am Hofe zu Bayreuth erklungen sein mag, wo Wilhelmine nach ihrer Heirat mit dem Markgrafen Friedrich von Bayreuth lebte. Sie war eine begeisterte Lautenistin, weshalb an ihrem Hof Lautenisten wie Paul Charles Durant, Bernhard Joachim Hagen und Adam Falckenhagen eine wichtige Rolle spielten. Alle drei waren im Programm vertreten. Es begann mit einem Duett für Violine und Laute von Durant, gefolgt von einem Trio für Laute, Violine und Cello von Hagen. Das letzte Werk war ein Konzert für Laute und Streicher von Falckenhagen. Zuvor wurde ein Streichquartett von Maddalena Laura Lombardini Sirmen aufgeführt. Der Grund der Auswahl dieses Werkes war mir nicht klar, denn diese Komponistin trat als Geigerin an verschiedenen Orten in Europa auf, aber von irgeneiner Verbindung zu Bayreuth scheint keine Rede zu sein. Wie auch immer, es ist ein schönes Werk und wurde vom Butter Quartet sehr gut gespielt, mit effektvollen dynamischen Kontrasten. Ich kannte Shchenikov nicht; er scheint ein ausgezeichneter Lautenist zu sein, und die Zusammenarbeit mit dem Quartett war makellos. Das Butter Quartett ist auch ein junges Ensemble, das man im Auge behalten sollte. Das Konzert gab einen interessanten Einblick in das Musikleben am Bayreuther Hof. In anderen Teilen Europas fanden Entwicklungen statt, die mit denen in Deutschland vergleichbar sind. Nevermind spielte ein Programm mit französischer Musik aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Anna Besson (Traversflöte), Louis Creac'h (Violine), Robin Pharo (Viola da Gamba) und Jean Rondeau (Cembalo) haben sich zu einer der besten Kammermusikformationen entwickelt. Sie halten sich vom Standardrepertoire (Bach, Telemann) keineswegs fern, aber betreten auch gerne Neuland. Jean-Baptiste Quentin und Louis-Gabriel Guillemain waren zwei der besten Geiger ihrer Zeit und Kollegen von Leclair. Ihre Kammermusik entspricht sicherlich dem Ideal der Zeit, wie es der Titel des Konzerts ausdrückt: 'galante Unterhaltung'. Der galante Charakter der gespielten Werke schliesst aber keineswegs technische Anforderungen aus. Ein Beispiel ist die Violinstimme in Guillemains Sonata III aus seinem Premier livre de sonatas en quatuors von 1743. Auch die anderen Werke gehörten zur damals beliebten Gattung des Quartetts. Das bedeutet, dass alle vier Stimmen grundsätzlich gleich behandelt werden. An Virtuosität mangelte es nicht, aber mir gefielen vor allem die langsamen Sätze, die ausdrucksstark und mit grosser Intensität und Subtilität vorgetragen wurden. Damit wurde auch das Vorurteil ausgeräumt, dass galante Musik grundsätzlich oberflächlich sei und zum einen Ohr rein und zum anderen wieder raus gehe. Zwei Instrumente gelangten in der Mitte des 18. Jahrhunderts in Frankreich zu grosser Beliebtheit: die Drehleier und die Musette. Letzteres Instrument stand im Mittelpunkt eines Konzerts von Jean-Pierre Van Hees und Mitgliedern der Bachakademie Alden Biesen unter der Leitung von Luc Ponet. Die Musette wurde mit dem Land assoziiert, das damals als Ort des guten Lebens idealisiert wurde, eine Art Arkadien - die heile (imaginäre) Welt der höheren Gesellschaftsschichten im Barock. In der damaligen französischen Musik tauchen häufig Bezüge zum Land auf, zum Beispiel in einem Begriff wie 'champêtre'. Die Musette wurde oft von anderen Instrumenten imitiert, aber es gab auch Sonaten und Konzerte, die eigens für die Musette komponiert wurden. Es wurde auch mal als obligates Instrument in Kantaten eingesetzt. Beispiele der verschiedenen Rollen der Musette waren im Programm zu hören. Es gab zwei Stücke aus der Feder von Nicolas Chédeville, dem Komponisten, der versuchte, seine eigenen Sonaten als Werke von Vivaldi zu vermarkten. Er komponierte auch ein Konzert für die Musette, das auf Vivaldis Vier Jahreszeiten basiert. Eröffnet wurde das Programm mit einer Kantate von Elisabeth Jacquet de La Guerre, Lisle de Délos. Viel weniger bekannt ist Jean-Baptiste Dupuits (des Bricettes); drei Arien aus seiner Kantate Le Retour de Thémire schlossen das Programm ab. Die Vokalwerke wurden von Déborah Cachet gesungen. Obwohl sie etwas weniger Vibrato hätte verwenden sollen, waren ihre Darbietungen ausgezeichnet. Sie brachte etwas Leben ins Konzert, denn insgesamt war diese Veranstaltung etwas enttäuschend. Jean-Pierre Van Hees ist zweifellos ein ausgezeichneter Musettespieler, aber er sass auf der Bühne wie ein Büroangestellter. Er reagierte kaum auf den Applaus ausser einem sparsamen Nicken. Wenn man ein wenig bekanntes Instrument spielt, muss man sich doch etwas mehr anstrengen, um es dem Publikum näher zu bringen. Auch im Ensemble fehlte das, was ein Konzert im Gedächtnis bleiben lässt. Die Flötistin und der Geiger sahen ganz jung aus und stehen offensichtlich am Anfang ihrer Karriere. Es sind gute Spieler, hatten aber nicht viel Substantielles hinzuzufügen. In manchen Stücken wurde ein Violoncello im Basso continuo eingesetzt und das war keine so gute Idee, denn zumindest dort, wo ich sass, war es zu laut, auf Kosten der Musette. Das letzte Konzert, das ich hörte, führte in die Schweiz, aber das Programm war europäisch im wahren Sinne des Wortes. Lucas Sarasin (1730-1802), Spross einer der berühmtesten Basler Patrizierdynastien, trug eine grosse Sammlung von Instrumentalmusik zusammen, darunter eine grosse Zahl an Violinsonaten. Leider ist der grösste Teil dieser Sammlung verloren gegangen, darunter auch alle Violinsonaten. Der Katalog ist aber erhalten geblieben, und das ermöglichte die ZusamFESTIVALBERICHTE 40 TOCCATA - 122/2022

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