Toccata 06/2022

menstellung eines Programms, das einen Eindruck seines Inhalts bietet. Sarasins Geschmack war breit gefächert: die Sammlung enthielt Sonaten, die stilistisch zum Barock gehören (Locatelli) und Stücke im galanten Idiom, wie eine Sonate seines Lehrers Gaspard Fritz. Eva Saladin spielte auch eine Sonate eines unbekannten Italieners, der sich in Paris niederliess: JeanBaptiste Miroglio. Besonders interessant war das letzte Werk im Programm: eine Sonate von Franz Benda, die in Handschrift überliefert ist und Verzierungen des Komponisten enthält. Damit bietet sie den heutigen Interpreten interessante Hinweise auf die Verzierungspraxis der Zeit. Eva Saladin stellte einmal mehr unter Beweis, dass sie eine technisch begabte und stilkundige Interpretin ist. Sie ist auch sehr kommunikativ, sowohl in ihrem Spiel wie in ihren gesprochenen Erläuterungen. Daniel Rosin, der eine Cellosonate von Willem de Fesch sehr schön vortrug, und Cembalist Johannes Keller waren ihre perfekten Partner. Ich komme jetzt zu den Konzerten mit Musik für Tasteninstrumente. Bei Stücken, die im dritten Viertel des 18. Jahrhunderts komponiert wurden, gibt es immer die Frage, welches Instrument man wählen soll. Denn neben dem Cembalo wurden auch Clavichord, Fortepiano und Tangentenflügel gespielt. In jedem Festival gibt es eine Reihe von Recitals in der Lutherischen Kirche, die dafür perfekt geeignet ist. In diesem Jahr wurde diese Reihe von einer Vorführung verschiedener Instrumente eingeleitet, die in der Fundatie van Renswoude stattfand. Das ist eine schöne historische Gebäude aus dem Jahr 1761, die ursprünglich als Waisenhaus verwendet wurde, und sich als der ideale Ort für ein Gesprächskonzert entpuppte. Artem Belogurov und Menno van Delft demonstrierten fünf Instrumente: zwei historische (ein Tangentenflügel von Schmahl aus dem Jahre 1790 und ein sogenanntes 'clavecin royal', eine Art Fortepiano, aber mit einem etwas prägnanteren Klang) und drei Kopien: ein Cembalo nach Gräbner, ein Fortepiano nach Silbermann (1749) und ein Clavichord nach Friederici. Die beiden Künstler erklärten die Eigenschaften der verschiedenen Instrumente und spielten vor allem Stücke für zwei Tasteninstrumente. Dabei gab es Kombinationen, die man selten hört, wie ein Tangentenflügel und ein Fortepiano in einem Satz aus dem Concerto a due Cembali von Wilhelm Friedemann Bach, das meistens auf zwei Cembali gespielt wird. Es gab auch weniger bekannte Komponisten im Programm, wie Johann Gottfried Müthel, Carl Friedrich Christian Fasch und Johann Abraham Peter Schulz. Für die meisten Zuhörer wird es das erste Mal gewesen sein, dass sie einen Tangentenflügel in einem Konzert hörten, denn dieses Instrument wird höchstens mal für CD-Aufnahmen benutzt. Die Musik wurde auf überzeugende Weise dargeboten, und so wurde dieses Ereignis eine perfekte Einleitung zur Konzertreihe. Jean Rondeau, Andreas Staier und Anders Muskens spielten alle Musik von Carl Philipp Emanuel Bach sowie von seinem Vater und seinen Brüdern. Sie spielten verschiedene Instrumente. Für welches Instrument der Interpret sich entscheidet, ist zum Teil Geschmackssache, aber auch der Charakter eines Werkes gibt Hinweise auf das ideale Instrument. Nicht jedes Stück gedeiht auf jedem Instrument. Soweit ich weiss, spielt Jean Rondeau kein Fortepiano, daher war die Wahl des Cembalos naheliegend. Er begann mit drei Sonaten von Emanuel Bach, die er fast ohne Unterbrechung spielte. So entstand ein wunderschönes Panorama der Gefühle, die der Komponist in seinen Klavierwerken ausdrückt, und der Art und Weise, wie sich diese ständig ändern. Emanuel war der Überzeugung, dass ein Interpret die Leidenschaften in einem Stück nur dem Zuhörer mitteilen kann, wenn er sie zuerst selbst empfunden hat. Das schien bei Rondeau der Fall zu sein. Er war sozusagen in der Musik versunken und schien sich der Anwesenheit eines lauschenden Publikums kaum bewusst zu sein. Dies führte zu sehr intensiven und eindringlichen Darbietungen, wobei die Höhepunkte die langsamen Sätze waren, die sehr ausdrucksstark dargeboten wurden. Nach einem kurzen Werk von Wilhelm Friedemann Bach, das an Ausdruck den Sonaten seines Bruders in nichts nachstand, beendete Rondeau seinen schönen Auftritt mit einer relativ entspannten Sonate von Carl Philipp Emanuel, einer der sogenannten Preussischen Sonaten. Andreas Staier - einer der ganz Grossen des historischen Tastenspiels - trat in einem Cembalokonzert mit dem Titel 'Ungezähmt - wohltemperiert' auf. Der erste Begriff bezieht sich auf Carl Philipp Emanuel Bach, der in vielen seiner Klavierwerke seiner Fantasie freien Lauf lässt. Das zweite Wort bezieht sich auf seinen Vater; Staier spielte zwei Paar Präludien und Fugen aus dem zweiten Band des Wohltemperierten Klaviers. Staier begann sein Recital mit einem dieser Paare. Mitten im Programm stand eine Fuge von Emanuel, die die stilistischen Unterschiede zwischen Vater und Sohn perfekt zum Ausdruck brachte. Der seiner Musik gewidmete Abschnitt des Programms fing mit der ersten der sechs Württembergischen Sonaten an; darin entfernt er sich nicht allzu weit vom Stil seines Vaters. In den nachfolgenden Variationen über Les Folies d'Espagne lebt er seine Fantasie voll aus. Das letzte Werk war die Sonate in g-Moll (Wq 65,17), in der wir einen Komponisten begegnen, der zu Recht als der prominenteste Vertreter der Empfindsamkeit gilt. Hier erlaubt er sich Freiheiten, die er in den früheren Sonaten vermeidet. Das Recital endete mit einem weiteren Präludium und Fuge aus dem Wohltemperierten Klavier. Staier ist ein Meister am Klavier, ob Cembalo oder Fortepiano. Es war ein höchst fesselnder Vortrag, und es ist schade, dass er so selten bei diesem Festival dabei ist. Anders Muskens spielte ein Programm mit Musik der Söhne von Johann Sebastian Bach. Er benutzte kein Cembalo oder Fortepiano, sondern einen Tangentenflügel, und das war eine interessante Erfahrung, denn wie schon erwähnt, ist dieses Instrument fast ausschliesslich auf CD zu hören und erklingt es ganz selten in Konzerten. Muskens eröffnete sein Konzert mit der Fantasie in E-Dur von Wilhelm Friedemann, der in seinem Oeuvre barocke und zeitgenössische Elemente vermischt. In diesem Fall handelt es sich um ein Spätwerk, was die Verwendung des Tangentenflügels von Schmahl (1790) rechtfertigt. Es hat ausgeprägte improvisatorische Züge und enthält einige Passagen, die an ein Rezitativ erinnern. Es ist ein spannendes Stück und das kam in Muskens' Interpretation perfekt zur Geltung. Diesem Werk folgten zwei Sonaten aus verschiedenen Sammlungen von Klavierstücken, die Carl Philipp Emanuel für Kenner und Liebhaber veröffentlichte. Muskens hatte zwei Sonaten ausgewählt, in denen langsame oder gemässigte Tempi dominieren. Der empfindsame Charakter dieser Werke kam hier durch eine differenzierte Tempowahl und eine optimale Ausnutzung der dynamischen Möglichkeiten des Tangentenflügels voll zum Ausdruck. Ganz anders was das letzte Werk, die fünfte Sonate aus dem Opus 17 von Johann Christian Bach. Sie ist ein Muster des galanten Stils, enthält aber auch schon klassische Züge. Wie so viele galante Stücke hat es nur zwei Sätze, beide schnell, aber unterschiedlich. Das kam in Muskensens Darbietung perfekt zum Ausdruck. Man könnte sich fragen, ob der Tangentenflügel das richtige Instrument für den 'Londoner Bach' ist, da solche Instrumente fast ausschliesslich in Deutschland gespielt wurden. Musikalisch konnte es aber voll und ganz überzeugen. Kurz gesagt, ein wunderschönes Recital mit faszinierender Musik und einer exzellenten Interpretation. Einer der grössten Förderer des galanten Stils war Johann Mattheson, der fast ausschliesslich als Theoretiker bekannt geworden ist. Er war auch als Komponist tätig, und es war schön, dass der französische Cembalist Jean-Christophe Dijoux ihm sein Recital widmete. Er hatte das Programm in vier Kapitel unterteilt. In den ersten beiden demonstrierte er die französischen und italienischen Einflüsse in Matthesons Musik, mit Stücken von Lully in Cembalobearbeitungen bzw. von Benedetto Marcello. Das dritte Kapitel befasste sich mit Mattheson als Polemiker: Dijoux spielte ein Stück von Johann Heinrich Buttstedt, einem Komponisten, den Mattheson als Relikt der Vergangenheit betrachtete. Ironischerweise folgte auf dessen Capriccio eine Fuge von Mattheson. Der Schlussteil war der Großen General-Bass-Schule gewidmet, die Stücke enthält, die vom Interpreten herausgearbeitet werden sollen. Dijoux spielte drei dieser Stücke. Es war ein sehr interessantes und musikalisch unterhaltsames Konzert, das leider wenig Zuhörer angezogen hatte. Mattheson und Dijoux haben Besseres verdient. Es war Mitzi Meyerson, die für das unkonventionellste Konzert verantwortlich zeichnete. Der in Böhmen geborene Joseph Anton Steffan war seinerzeit ein gefeierter Tastenvirtuose, der hauptsächlich in Wien wirkte, wo er Lehrer der späteren französischen Königin Marie 41 FESTIVALBERICHTE TOCCATA - 122/2022 Jean-Christophe Dijoux

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