Toccata 06/2022

Antoinette wurde. Heute ist er fast vergessen, aber in den letzten Jahren sind einige CD-Einspielungen seines Oeuvres erschienen. Dazu gehört eine CD, die Mitzi Meyerson ihm gewidmet hat; aus dem Programm dieser Aufnahme spielte sie drei Stücke. Es sind höchst eigenwillige und unkonventionelle Werke, die auch theatrale und erzählende Elemente enthalten. Mehrere Passagen sind geradezu bizarr. In ihren Erläuterungen während des Konzerts wies Meyerson auf die dynamischen Hinweise hin, die darauf hindeuten, dass Steffan seine Sonaten für das Fortepiano konzipiert hatte. Sie spielte aber ein Cembalo, und die Herausforderung besteht darin, die dynamischen Kontraste darauf so gut wie möglich durch Manual- und Registerwechsel und mit agogischen Mitteln zustande zu bringen. Das ist ihr eindrucksvoll gelungen, und auch deshalb dürfte ihr Vortrag den Zuhörer davon überzeugt haben, dass Steffans Musik mit Recht sich wachsender Aufmerksamkeit erfreut. Meyersons Darbietungen waren ausgezeichnet, und es war schön zu sehen, wie ihre Gesichtsausdrücke den Charakter der Musik widerspiegelten. Wie bei den Kammermusikkonzerten war auch in dieser Konzertreihe französisches Repertoire zu hören. Louise Acabo spielte ein Programm mit Suiten von Gaspard Le Roux und Elisabeth Jacquet de La Guerre. Letztere versuchte, in einer von Männern dominierten Welt sich als Komponistin zu etablieren, und das gelang ihr recht gut. Auf jeden Fall hat es dazu geführt, dass ihre Musik nicht vernachlässigt wird. Bei Le Roux sieht das anders aus. Obwohl seine Musik in verschiedenen Aufnahmen erhältlich ist, ist sie nicht wirklich bekannt. Eine Besonderheit ist, dass seine Suiten sowohl auf einem Cembalo als auch auf zwei Cembali spielbar sind. Sie fangen mit einer kurzen 'prélude' an, und darauf folgen die damals üblichen Tänze. Einige Suiten enthalten auch ein Charakterstück, und selbstverständlich gibt es auch einige Chaconnes. Louise Acabo spielte eine Suite von Jacquet de La Guerre und drei von Le Roux. Hoffentlich führt das dazu, dass letztgenannter bekannter wird, denn er hat es verdient. Acabos Spiel war eher introvertiert, gemäss dem Charakter der Musik und dem Ideal im Frankreich des 'ancien régime'. Das Konzert endete jedoch mit einem Stück, das ganz anders ist. Glen Wilson bezeichnete die Sarabande en douze couplets von Le Roux einmal als "die brillantesten und italienischsten Variationen der gesamten französischen Cembaloschule". Das kam bei Louise Acabo perfekt zur Geltung: hier liess sie sich richtig gehen. Es brachte dieses schöne Konzert zu einem berauschenden Abschluss. Nicht nur die Viola da Gamba, auch das Cembalo verlor im Laufe des 18. Jahrhunderts in Frankreich an Boden. Einer der letzten Vertreter der französischen Cembaloschule war Jacques Duphly. Seine letzten Werke sind auf Fortepiano spielbar, er selbst bevorzugte jedoch das Cembalo. In seinem Oeuvre gibt es nur noch wenige Tänze; er schrieb fast ausschliesslich Charakterstücke. Carole Cerasi hatte für ihr Konzert eine Auswahl getroffen, und damit beleuchtete sie die Vielfalt in Duphlys Oeuvre. Es gab zum Beispiel einen starken Kontrast zwischen La Victoire und Les Grâces. Cerasi eröffnete das Programm mit der spannenden Chaconne aus dem dritten Buch. Gegen Ende spielte sie La Forqueray, in dem Duphly seinen Kollegen musikalisch ausmalt. Cerasi spielte auch einige Stücke von ClaudeBénigne Balbastre, der keinen so grossen Ruf hat, da viele seiner Klavierwerke als etwas oberflächlich gelten. Wir hörten einen Noël, der normalerweise auf der Orgel gespielt wird, und ein Charakterstück, La Lugeac. Letzteres ist kein schlechtes Stück, aber nicht ohne Effekthascherei. Es war ein schönes Ende eines fesselnden und wunderschön gespielten Konzerts, bei dem Carole Cerasi in ausgezeichneter Form war. Ihre mündlichen Erklärungen waren hilfreich, um Duphly und seine Musik in ihren historischen Kontext einzuordnen. Ich erwähnte schon, dass 'Galanterie' sich auch auf die Musik des Mittelalters und der Renaissance bezieht. Das kam in mehreren Konzerten zum Ausdruck, obwohl nicht immer nachdrücklich. Ein zentrales Thema mittelalterlicher Poesie ist 'fin amor'. Die Lieder der Troubadoure und Trouvères erzählen vom höfischen Spiel zwischen Liebenden, getrieben von Sehnsucht und Leid. Zum ältesten Repertoire gehören zwei Lais (epische Gedichte) einer Dichterin aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts, bekannt als Marie de France, der das Ensemble Moirai ein Konzert widmete. Über Marie de France ist nicht viel bekannt, aber sie war wahrscheinlich eine Adlige und lebte und arbeitete am englischen Hof. Ihre Lais sind in der anglonormannische Sprache geschrieben, einem altfranzösischen Dialekt, der dort gesprochen wurde. Da keine Musik überliefert ist, spielten Mara Winter (Flöte) und Félix Verry (Fidel) ihre eigene Musik, die auf mittelalterliche Quellen basiert. Hanna Marti erzählte - singend und rezitierend - zwei ziemlich amüsante Liebesgeschichten, die von den beiden Instrumenten nicht begleitet, sondern musikalisch untermalt wurden. Das Ganze war sehr wirkungsvoll, und die Geschichten kamen gut herüber, übrigens auch dank der Übersetzungen, die auf einem Leinwand projiziert wurden. Vor vielen Jahren waren musikalische Geschichten mal ein wiederkehrendes Thema des Festivals. Dieses Konzert war eine fesselnde musikalische Geschichte. Im Mittelalter wurden Gedichte nicht zum Lesen geschrieben, sondern zum Rezitieren oder - besser noch - zum Singen. Leider ist nur selten auch die Musik zu uns gekommen. Wenn sie fehlt, können sie nur zum Klingen kommen, indem Interpreten versuchen, in anderen Quellen Musik zu finden, die dazu passt. Das Ergebnis ist, was als Kontrafakt bekannt ist. Solche Kontrafakten waren in verschiedenen Konzerten zu hören. Anne Azéma (Gesang und Drehleier) und Shira Kammen (Fidel und Harfe) waren für zwei Konzerte verantwortlich. Zuerst präsentierten sie ein Programm mit Musik von Troubadouren aus dem Frankreich des 12. und 13. Jahrhunderts mit dem Titel 'Liebe auf einem Sockel'. Eröffnet und abgeschlossen wurde es mit Martin Codax, dazwischen hörten wir Lieder von Giraut de Bornelh, Bernart de Ventadorn und Aimeric de Peguilhan. Beide Künstlerinnen sind Spezialisten für dieses Repertoire und das zeigte sich. Die Darbietungen waren ganz natürlich und selbstverständlich, ohne jegliche Kunstgriffe. Die beiden Damen sind Meisterinnen der Kommunikation, und das war vor allem deswegen wichtig, da es keine Übertitel gab. Dass es die originelle Musik nicht mehr gibt, ist nur eines der Probleme, die Interpreten von heute lösen müssen. Ein anderes ist, dass Troubadoure sich wahrscheinlich selbst begleitet haben, aber wie, mit welchen Instrumenten und zu welcher Musik wissen wir nicht. Die Antworten sind unvermeidlich in hohem Masse spekulativ, und Interpreten kommen zu unterschiedlichen Lösungen. Das war auch im Festival der Fall. In diesem Konzert wurden die Begleitungen von Shira Kammen improvisiert. Wer glaubt, mittelalterliche Musik könne nicht virtuos sein, hat Frau Kammen vielleicht noch nie gehört. Sie ist eine wirklich grossartige Künstlerin, und ihre Improvisationen waren technisch beeindruckend, passten aber auch hervorragend zu den Liedern. Trotz fehlender Übersetzungen der gesungenen Texte war dies ein sehr faszinierendes Konzert. Das zweite Konzert war nicht ganz das, was es hätte sein sollen. Der Kern des Programms war der Roman de la Rose. Darum herum sollten Lieder erklingen, die die Texte erläutern sollten. Unter den Dichter-Komponisten waren Thibaut de Champagne, Jehan de Lescurel und Gauthier d'Espinal. Aber Anne Azéma war indisponiert und konnte nicht singen. Es wurde beschlossen, alle Stücke instrumental aufzuführen, abgewechselt von Texten aus dem Roman de la Rose, rezitiert von Anne Azéma, die glücklicherweise sprechen konnte. Es war ein ganz anderes Konzert als erwartet, aber ganz und gar nicht enttäuschend. In Konzerten mittelalterlicher Musik werden Instrumentalstücke meist als eine Art Zwischenspiel dargestellt. Instrumente stehen selten im Mittelpunkt, und deswegen war dieses Konzert schon etwas Besonderes. Es war schön, Instrumente wie Drehleier, Harfe, Gambe, Rebec, Gittern und diverse Flöten in voller Pracht zu hören, brillant gespielt von Shira Kammen, Susanne Ansorg und Mara Winter. Es entstand ein faszinierendes Konzert, das beim Publikum grosse Begeisterung auslöste. Aus einer kleinen Katastrophe wurde etwas sehr Schönes. Einer der 'artists in residence' war Marc Mauillon, der meistens als Bariton bezeichnet wird, aber auch mühelos Tenorpartien bewältigen kann. In dem Repertoire, das er in seinem Konzert aufführte, ist die Stimmlage nicht so wichtig. Er präsentierte einen Überblick über das Troubadour-Repertoire vom Anfang bis zum Ende des 12. Jahrhunderts mit Liedern von Girault de Bornelh, Bernart de Ventadorn, Guiraut Riquier und Richard Löwenherz. Letzterer gilt als einer der letzten Troubadoure. Mauillon hat die ideale Stimme für dieses Repertoire: leicht und wendig. Darüber hinaus ist seine Diktion exzellent und verfügt er über die kommunikativen Fähigkeiten, die erforderlich sind, um diese Lieder zum Leben zu erwecken. Es war sehr interessant, seine Darbietungen mit denen von Anne Azéma zu vergleichen. Über die Interpretation und insbesondere über die Rolle der Instrumente ist wenig mit Sicherheit bekannt. Während sich Azéma auf eine bescheidene (improvisierte) Begleitung auf Fidel und Harfe beschränkte, wurde Mauillon von Angélique Mauillon (Harfe) und Pierre Hamon begleitet, der neben Dudelsack und Trommel auch verschiedene Flöten spielte. Der Instrumentalpart war mehr als nur Begleitung; er diente auch als Einleitung und als Zwischenspiel oder Epilog. Wir werden wahrscheinlich nie wissen, wer in diesem Bereich näher an der Wahrheit ist. Auf jeden Fall war es ein sehr schönes und unterhaltsames Konzert. Das Problem der ohne Originalmusik erhaltenen Gedichte manifestiert sich auch im Oeuvre von Walther von der Vogelweide, einem der bedeutendsten Dichter im deutschsprachigen Raum um 1200. Ihm widmete das Ensemble Per-Sonat unter der Leitung von Sabine Lutzenberger ein Konzert. Marc Lewon, Lautenist und Tenor, hatte einige Lieder rekonstruiert, die er selbst auf der Laute begleitete, ganz nach damaliger Gewohnheit. Einige andere Lieder wurden von Sabine Lutzenberger zu Musik vorgetragen, die der Geigenund Dudelsackspieler Baptiste Romain im Stil der Zeit geschrieben hatte. Schön, dass auf diese Weise Gedichte aufgeführt werden können, die sonst - ausser in Fachkreisen - unbekannt bleiben würden. Sowohl Lutzenberger als auch Lewon verstehen die Kunst der Kommunikation. Die Lieder wurden von Instrumentalstücken abgewechselt, brillant ausgeführt von Romain, Lewon und Elisabeth Rumsey (Fidel). Einige davon waren sogar ziemlich spannend. Die Freunde des Festivals sind eine seiner tragenden Säulen. Durch ihre finanziellen Beiträge und ihre Präsenz bei Konzerten und anderen Aktivitäten tragen sie dazu bei, Alte Musik in den Niederlanden in Betrieb zu halten. Das Festival belohnt sie mit einem besonderen Konzert, zu dem sie bevorzugten Zugang haben (obwohl auch andere willkommen sind). Zu diesem Konzert war das Sollazzo Ensemble unter der Leitung von Anna Danilevskaia eingeladen worden. Das ist leicht verständlich: Es ist eines der interessantesten Ensembles im Bereich der mittelalterlichen Musik und hat in den letzten Jahren durch Konzerte und CD-Einspielungen einen starken Eindruck hinterlassen. Aber: kann man mittelalterliche Musik in einem grossen modernen Konzertsaal aufführen? Das Programm mit geistlicher und weltlicher Musik von unter anderem Matteo da Perugia, Johannes Ciconia und Francesco Landini wurde in einem leicht inszenierten Rahmen aufgeführt. Es drehte sich alles um Spiegel, die auf der Bühne herumgetragen wurden. Das mag Ausdruck der Ausgangslage des Programms gewesen sein: Sind die 42 TOCCATA - 122/2022 FESTIVALBERICHTE

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