Toccata 06/2022

Menschen von heute wirklich so anders als die des Mittelalters? Oder: Wenn wir mittelalterliche Musik hören, sehen wir uns dann nicht eigentlich im Spiegel? Das ist meine Interpretation; ich weiss nicht, ob ich darin richtig liege. Vieles blieb unklar. Das Ensemble bestätigte seinen Ruf: es wurde hervorragend gesungen und gespielt und das Konzert wurde zu Recht mit grossem Applaus belohnt. Aber es warf auch Fragen auf. Manchmal wurde ein Stück so gespielt, dass es mir eher modern als mittelalterlich erschien. Acht Sänger in mittelalterlicher Musik: ist das nicht ein bisschen viel? Vielleicht nicht in den geistlichen Werken (obwohl ich mir dessen keineswegs sicher bin), aber in den weltlichen Stücken scheint mir das wirklich zu viel zu sein. Und dann wurde Instrumentalmusik oft in einer Kombination von Blas-, Streich- und Zupfinstrumenten gespielt, was aus historischer Sicht eher diskutabel erscheint. Ich bevorzuge es, das Sollazzo Ensemble in einem etwas intimeren Rahmen und in kleinerer Besetzung zu hören. Ein Konzert des Ensemble Leones unter der Leitung von Marc Lewon führte uns an den burgundischen Hof, mit Musik zweier Komponisten, die nicht nur Kollegen, sondern auch persönliche Freunde waren: Guillaume Dufay und Gilles Binchois. Zentrales Thema des Programms war wieder der Kontrafakt: ein Stück, dessen Originaltext durch einen anderen ersetzt wurde. Wir hörten zwei Beispiele von Oswald von Wolkenstein: eines basierend auf Je loe amours von Binchois, ein anderes auf seinem Triste plaisir. Ein weltlicher Text konnte auch durch einen geistlichen ersetzt werden. Eröffnet wurde das Programm mit dem anonymen Ave dulce tu frumentum, das ebenfalls auf Je loe amours basiert. Ein weiteres Beispiel war O incomparabilis virgo, wiederum anonym, nach Dufays Or me veult. Instrumentalbearbeitungen, etwa aus dem Buxheimer Orgelbuch, wurden als Lautenduette von Lewon und Rui Stähelin gespielt. Lewon hat immer exzellente Sänger in seinem Ensemble. Sabine Lutzenberger ist ein alter Hase, aber immer noch gut bei Stimme. Jacob Lawrence machte bei früheren Festivals einen sehr guten Eindruck; seitdem ist er noch besser geworden, wie in diesem Konzert zu hören war. Neu für mich war die Sopranistin Tessa Roos, die eine sehr schöne Stimme hat. Sie ist eine Sängerin, die man im Auge behalten sollte. Individuell und gemeinsam lieferten sie beeindruckende Leistungen. Sowohl in den ernsteren als auch in den etwas frivolen Stücken gelang es ihnen, genau den richtigen Ton zu treffen. Dieses Konzert war für mich einer der Höhepunkte dieses Festivals. Ich bin ein grosser Fan des Ensembles Música Temprana. Seine Programme sind immer interessant und die Sänger und Instrumentalisten des Ensembles unter der Leitung von Adrián Rodríguez Van der Spoel sind immer ausgezeichnet. So auch im Konzert des diesjährigen Festivals, das einem spanischen Liederbuch gewidmet war, das zwischen 1480 und 1520 entstanden ist und als Cancionero de Palacio bekannt ist. Schon der Name weist darauf hin, dass die Lieder in höfischen Kreisen entstanden sind. Aus den über 400 Liedern hatte Rodríguez Van der Spoel einige ausgewählt, deren Texte vertrauliche Gespräche zwischen Frauen enthalten. Im Programmheft schreibt er: "Man stellt sich die Gespräche in Räumen vor, in denen Männer damals nichts zu suchen hatten, wie in der Küche." Deshalb sassen in einigen Stücken die Sängerinnen, die diese Frauenfiguren verkörperten - die Sopranistin Olalla Alemán und die Mezzosopranistin Luciana Cueto - auf einem Küchenstuhl vor auf der Bühne. Sie sind auch zwei tragende Säulen des Ensembles: zwei Sängerinnen mit sehr schönen Stimmen, die die Lieder ausdrucksstark vortrugen und deren Inhalt und die Emotionen der Protagonisten dem Publikum vermitteln konnten. An anderen Stücken waren drei weitere Sänger beteiligt: Jan Van Elsacker (Tenor), Romain Bockler (Bass) und Rodríguez Van der Spoel selbst (Tenor). In den Ensembles passten die Stimmen perfekt zusammen. Bei diesem Konzert stimmte einfach alles: ein interessantes und fesselndes Programm, dargeboten von einem hervorragenden Ensemble. Und dann kommen wir zu dem Konzert, das ich am Anfang dieser Rezension erwähnt habe. Wie Xavier Vandamme beim Eröffnungskonzert erklärte, ging es bei dem Festival nicht nur um 'Galanterie' im historischen Sinne, die Musik aus der Mitte des 18. Jahrhunderts. Im Allgemeinen ging es um Umgangsformen und die Art und Weise, wie sich Menschen im privaten und öffentlichen Leben verhalten (sollten). Ein bekanntes Beispiel ist die Abhandlung Il Libro del Cortegiano (Das Buch des Höflings) von Baldassare Castiglione (1478-1529), in der er die Anforderungen, Haltungen und Umgangsformen des Höflings beschreibt. Wie soll das musikalisch veranschaulicht werden? Paul Van Nevel rückte Castiglione selbst in den Mittelpunkt: mit seinem Huelgas Ensemble beleuchtete er die verschiedenen Stationen seines Lebens anhand seiner Wirkungsorte: Mailand, Mantua, Urbino, Rom und Toledo. Neben anonymen Stücken hörten wir Werke von Loyset Compère, Bartolomeo Tromboncino und Gaspar van Weerbeke. Das Programm endete in Toledo mit dem Agnus Dei aus Francisco de Peñalosos Missa Ave Maria. Darin war das gesamte Ensemble zu hören: Sänger und Instrumentalisten. Letzterer Aspekt war eine der Überraschungen dieses Konzerts. Das Huelgas Ensemble singt fast immer a cappella, sowohl in der geistlichen als auch in der weltlichen Musik. Hier wurden Blockflöten unterschiedlicher Tonhöhe gespielt sowie ein Krummhorn und eine Viola da Gamba. In einem Werk, einer Lauda (einem geistlichen, nicht-liturgischen Lied), wurde sogar eine grosse Trommel verwendet. Darüber hinaus wurden einige Stücke in einer Mischung von einer oder mehreren Stimmen und Instrumenten aufgeführt, was ihrem 'volkstümlichen' Charakter entsprach. Dieses Programm war ganz anders, als man es von diesem Ensemble erwartet. Aber auch hier konnten Van Nevel und seine Sänger und Spieler voll überzeugen. Ein ganz gefüllter Dom belohnte sie zu Recht mit langem Applaus. Zum Schluss einige Konzerte, die ich als 'Vermischtes' bezeichnen möchte, und die sich nicht mit dem Thema des Festivals verbinden lassen. Eines davon war ein Konzert des Ensembles Profeti della Quinta, das Madrigalen des französischen Komponisten Philippe Verdelot (um 1480/85-1530/32?) gewidmet war. Er liess sich schon früh in seiner Karriere in Italien nieder und spielte dort eine wichtige Rolle in der Entwicklung des Madrigals. Seine eigenen Madrigale sind kaum bekannt; wenn sie überhaupt aufgeführt werden, dann meistens in den Bearbeitungen für Singstimme und Laute, die Adrian Willaert veröffentlichte. Deswegen war es wichtig, dass das Ensemble sich auf die originellen Madrigale konzentrierte. Die vierstimmigen Madrigale wurden von einigen Instrumentalwerken und von Madrigalen und Chansons von Jacques Arcadelt abgewechselt. Letztere wurden in einer Mischung von einer Singstimme und einem Instrument aufgeführt, was damals eine sehr geläufige Praxis war. Der hervorragende Tenor Jacob Lawrence war wieder dabei, begleitet von Elam Rotem - dem Leiter des Ensembles - am Cembalo. Sehr interessant war die Darbietung mehrerer Stücke von der Sopranistin Giovanna Baviera, die sich selbst auf der Viola da gamba begleitete. Damit demonstrierte sie eine damals übliche Praxis, die als 'cantar alla viola' bekannt war. Ihre Darbietungen waren ausgezeichnet. Das ganze Konzert war ein Volltreffer. Ein wunderschönes Programm, dargeboten von einem exzellenten Ensemble mit vier wunderschönen Stimmen. Das Vokalensemble Stile Antico ist so etwas wie ein Stammgast im Festival. Sein Programm widmete sich 43 FESTIVALBERICHTE TOCCATA - 122/2022 Musica Temprana

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