Toccata 06/2022

der Musik von Komponistinnen und von Männern, die für Frauen komponierten. So ein Mann war John Bennet, dessen Madrigal 'All creatures now are merry minded' Teil einer Sammlung von Madrigalen ist, die Elisabeth I. gewidmet sind, 'The Triumphs of Oriana'. Oriana war Elizabeths Spitzname und jedes Gedicht endet mit den Worten "Es lebe die schöne Oriana!". Am interessantesten waren die Stücke von Komponistinnen aus dem 16. und frühen 17. Jahrhundert, alle aus Italien, und alle Nonnen, die ihre geistlichen Werke hauptsächlich für den Gebrauch im eigenen Kloster geschrieben haben. Sie sind (noch) weitgehend unbekannt: Raffaella Aleotti ist die bekannteste, aber nur wenige werden von Leonora d'Este, Sulpitia Cesis und Maddalena Casulana gehört haben. Vielleicht kann ein solches Programm, das das Ensemble auch anderswo aufgeführt hat, daran etwas ändern. Nicht nur Motetten wurden aufgeführt, sondern auch Madrigale. Das ist ein Repertoire, das man nicht von Stile Antico erwartet. Diese wurden in einer solistischen Besetzung dargestellt, was absolut richtig ist. Allerdings ist die Akustik der Jacobikerk für dieses Repertoire nicht wirklich geeignet. Die schnellen Figuren, die manche Textpassagen veranschaulichen, verfehlen etwas ihre Wirkung; dieses Repertoire braucht einen intimeren Raum. Die geistlichen Werke kamen viel besser herüber. Die grossangelegte Motette 'Gaude, gaude, gaude Maria' von John Sheppard war meiner Meinung nach der Höhepunkt des Konzerts; das gehört zum Kernrepertoire des Ensembles, und die Jacobikerk ist der perfekte Raum dafür. Das Konzert endete mit einem zeitgenössischen Werk, das von Joanna Marsh für dieses Programm komponiert wurde. Es ist nicht gerade Avantgarde; zum Teil hat es seine Wurzeln im Stile der Renaissance. Es ist eine Parodie und man kann es einem britischen Ensemble überlassen, das Beste daraus zu machen. Bei allem Respekt vor der Komponistin und den Interpreten: ich brauche es kein zweites Mal zu hören. Der Dom war der perfekte Ort für ein Konzert des Officium Ensembles unter der Leitung von Pedro Teixeira. Das Programm bestand aus Polyphonie des 16. und frühen 17. Jahrhunderts. Dieses Ensemble war 2015 zum ersten Mal in Utrecht zu Gast und kehrte ein Jahr später zurück. Es wurde mit grosser Begeisterung aufgenommen, und das war auch dieses Jahr, nach sechs Jahren Abwesenheit, wieder der Fall. Ich war damals auch sehr zufrieden mit dem Ensemble und es ist zweifellos ein ausgezeichneter Chor - denn das scheint die richtige Beschreibung eines sechzehnstimmigen Ensembles. Kernstück des Programms war die Missa Cantate Domino des portugiesischen Komponisten Duarte Lobo. Es ist schön, dass dieses Ensemble auf sein eigenes musikalisches Erbe achtet, denn portugiesische Musik aus der Renaissance wird nicht so oft aufgeführt. Es wäre interessant, die Konzerte von 2015 und 2016 noch einmal zu hören. Würde ich immer noch so positiv sein wie damals? Oder hat sich das Ensemble verändert? Jedenfalls war ich diesmal nicht sehr glücklich mit den Interpretationen. Ich hörte eine gewisse Schärfe im Klangbild, insbesondere in den Oberstimmen. Ausserdem waren die Darbietungen etwas zu geradlinig. Ich hätte einen entspannteren Klang bevorzugt. Marco Mencoboni ist ein Musiker, der gerne nach unbekanntem Repertoire sucht. Das hat er schon bei früheren Festivals gezeigt. Er präsentierte dieses Jahr ein weiteres interessantes und überraschendes Programm, das von seinem Ensemble Cantar Lontano im Dom aufgeführt wurde. Es enthielt geistliche Musik aus Neapel zur Zeit Carlo Gesualdos. Dieser war der rote Faden im Programm: nach einer Recercata von Diego Ortiz erklang seine Vertonung des Responsoriums 'O vos omnes' aus 'Sacrae cantiones'. Seine Vertonung desselben Textes aus den Responsorien von 1611 beschloss das Konzert. Dazwischen hörten wir Musik von Komponisten, die, wie Gesualdo, harmonische Mittel für expressive Zwecke einsetzen. Nur wenige gehen darin so weit wie Gesualdo, aber es gab einige bemerkenswerte Beispiele, wie Pomponio Nennas Vertonung von 'O vos omnes' und ein Stabat mater von Scipione Stella. Letzterer war einer der unbekannten Meister im Programm; ein anderer war Scipione Dentice. Wir kennen Jean de Macque vor allem als Komponist von Musik für Tasteninstrumente, die recht ungewöhnlich ist. Es war sehr interessant, einige seiner geistlichen Werke hier zu hören. Es war bemerkenswert, dass einige Werke von Gesualdo, die immer a cappella gesungen werden, hier mit Instrumenten aufgeführt wurden: Zink, Posaune, Viola da Gamba und Orgel. Es war schön, dass die 'Monteverdi-Orgel', die im vergangenen Jahr zum ersten Mal eingesetzt wurde und auf Initiative von Krijn Koetsveld erstellt wurde, im Basso continuo verwendet wurde. Mit ihrer breiten Klangpalette trägt das Instrument substantiell zur Aufführung des Repertoires aus der Zeit um 1600 bei. Das fesselnde Repertoire und die herausragenden Darbietungen von Sängern und Instrumentalisten machten dieses Konzert zu einem Ereignis, das hängen blieb. Wenn Sébastien Daucé und sein Ensemble Correspondances zu Besuch kommen, kann man etwas Besonderes erwarten. Ihr Beitrag zum diesjährigen Festival war da keine Ausnahme. Am 7. Juni 1654 wurde Ludwig XIV. zum König gekrönt, und die Zeremonie widerspiegelte die Macht Frankreichs und seines Königs. Im Programmheft verglich Daucé den Festakt in der Kathedrale von Reims mit einer Theateraufführung. Obwohl nicht genau bekannt ist, welche Musik gespielt wurde, sind viele Daten verfügbar, die eine Art 'Rekonstruktion' des Ereignisses ermöglichen. Die grosse Halle von TivoliVredenburg ist keine Kathedrale; eigentlich war die Akustik etwas zu trocken. Andererseits bietet sie logistisch schöne Möglichkeiten, zumindest einen Eindruck einer Kathedrale zu übermitteln. Verschiedene Abschnitte des Programms wurden auf den Balkonen dargestellt, zum Beispiel einige gregorianische Choräle. Es gab auch Lichteffekte: die Aufführung begann in einem komplett abgedunkelten Saal, und nach und nach betraten die Musiker, begleitet von Bläsern und Trommeln, den Raum. Auf dem Programm stand Musik von einigen der prominentesten französischen Komponisten der Zeit, wie Étienne Moulinié, Antoine Boësset und Henry du Mont, aber auch von Francesco Cavalli. Besonders spannend waren die Beiträge der lauten Bläser: Oboen, Zinken, Posaunen, Serpent und Fagott. Die Besetzung der Vokalwerke variierte von einer Solostimme bis hin zu einem grossen Ensemble von Stimmen und Instrumenten. Bemerkenswert waren auch die Beiträge des Kinderchors, Les Pages et Les Chantres du Centre de Musique Baroque de Versailles, die nach dem Konzert mit Recht ins Rampenlicht gerückt wurden. Es war eine aussergewöhnliche, interessante und musikalisch fesselnde Produktion - eines jener Konzerte, die als einer der Höhepunkte des Festivals in die Geschichtsbücher aufgenommen werden. Jordi Savall dirigierte sein Orchester Le Concert des Nations in einem Programm mit drei Werken, die er als 'Tonmalereien' bezeichnete. Im Laufe der Geschichte wurden die Jahreszeiten und Phänomene wie ein Sturm oder ein Krieg, aber auch Tiere und Menschen oft musikalisch dargestellt. Vivaldis Vier Jahreszeiten sind das bekannteste Beispiel. Das erste Werk auf dem Programm war Jean-Féry Rebels Les élémens, das vor allem für die stark dissonanten Akkorde bekannt ist, mit denen das Stück beginnt und die das Chaos vor der Schöpfung der Welt darstellen. Daran schliesst sich die musikalische Darstellung der vier Elemente an, in der allerlei Instrumente eine Solorolle spielen. Es war eine schöne Aufführung, obwohl ich die Eröffnung etwas zu zahm fand. Auch Georg Philipp Telemann war ein begeisterter Tonmaler: In seinem Oeuvre finden sich etliche Stücke, in denen er versucht, Aussermusikalisches in Klängen festzuhalten. Sehr gut gelungen ist es ihm in der Ouvertüre in C-Dur mit dem Beinamen 'Hamburger Ebb' und Fluth', in der allerlei mythologische Gestalten aus dem Meer dargestellt werden. Wenn Savall spielt oder dirigiert, wird es nie langweilig. Das war hier sicherlich nicht der Fall, aber leider erlaubt er sich oft Freiheiten, die sich historisch schwer verteidigen lassen. In diesem Stück fügte er Schlagzeug hinzu, das Telemann nicht verlangt. In einem Satz benutzte Pedro Estevan sogar eine Windmaschine. Ein solches Gerät wurde in der Oper verwendet, ist hier aber völlig fehl am Platz. Diese Ouvertüre ist nicht für das Theater, sondern als Konzertstück für höfische Aufführungen gedacht. Das letzte Werk war Christoph Willbald von Glucks Ballettmusik Don Juan. Es ist ein sehr plastisches Werk, aber die Beziehung zwischen Musik und der ihr zugrunde liegenden Geschichte ist vielleicht nur denen klar, die diese gut kennen. Aber auch ohne solches Wissen ist es ein faszinierendes Werk, das mit dem dramatischen Les Furies, das den Untergang Don Juans darstellt, endet. Es wurde brillant gespielt, und das Drama entfaltete sich in vollem Umfang, vor allem dank der Beiträge der Hörner, der Trompete und des Schlagzeugs. Zu den Merkmalen der historischen Aufführungspraxis gehörte, dass man sich von Orchestern symphonischer Grösse bei der Aufführung von Solokonzerten und Concerti grossi verabschiedete. Kleine Ensembles wurden zum Standard. Mit der Zeit begannen die Interpreten zu erkennen, dass die Aufführungspraxis im Barock sehr differenziert war. Das Standardorchester gab es nicht; der Umfang eines Instrumentalensembles konnte variieren von einem Instrument pro Partie bis zu einem relativ umfangreichen Orchester, je nach Umständen und Anlass. Corelli spielte seine Concerti grossi manchmal mit etwa vierzig Musikern. Für besondere Anlässe, wie eine Krönung oder Hochzeit, wurden auch mal ganz grosse Ensembles zusammengestellt, die die Bedeutung des Ereignisses widerspiegelten. Allerdings darf man vermuten, dass selten, wenn überhaupt, ein so grosses Ensemble zusammengekommen ist wie im Jahre 1773, als Ludwig XV. die Hochzeit seines Enkels und Thronfolgers, des Herzogs von Artois, feiern wollte. Während des feierlichen Hochzeitsessens - im Opernhaus des Palastes - spielten wahrscheinlich etwa hundert Musiker ein Instrumentalmusikprogramm, das von François Francoeur, dem Leiter der königlichen Musikabteilung, zusammengestellt wurde. Les Ambassadeurs ~ La Grande Écurie - das 'Riesenorchester', das Alexis Kossenko für eine Aufführung eines Teils von Francoeurs Programm zusammengestellt hatte - war etwas bescheidener in Ausmass, aber mit fast siebzig Musikern erheblich grösser, als wir es sonst auf der Bühne in Konzerten mit alter Musik sehen. Francoeur hatte Stücke aus Vergangenheit und Gegenwart ausgewählt. Neben Stücken aus seiner eigenen Feder hörten wir Musik von Rameau, Royer, Dauvergne, Mondonville und Berton. Letzterer war der Unbekannte im Programm. Francoeur hatte das Programm je nach Tonart in vier Suiten eingeteilt. Auffallend war die Rolle der Blechbläser, insbesondere der vier Hörner. Diese und die eine Trompete, die einige Male zu hören war, brachten einen anderen Klang als üblich hervor. Das hat damit zu tun, dass die in diesem Konzert verwendeten Instrumente keine Grifflöcher hatten. Die Instrumente von damals hatten diese auch nicht, aber heute werden sie meist hinzugefügt um eine saubere Intonation zu ermöglichen. Der französische Trompeter und Hornist Jean-François Madeuf setzt sich dafür ein, Instrumente ohne Löcher zu spielen, und das war hier der Fall. Sie klingen etwas weniger ausgefeilt und die Intonation ist deutlich schwieriger, aber sie bringen auch mehr Farbe in den Klang des Orchesters. Es ist schön, dass Kossenko diese neue Entwicklung in seine Aufführungen einbezieht. Sein Orchester machte aus der Veranstaltung ein wahres Klangfest, das zu Recht vom Publikum mit einem Begeisterungssturm belohnt wurde. Auch dies war wieder ein Ereignis, das lange in Erinnerung bleiben wird. 44 TOCCATA - 122/2022 FESTIVALBERICHTE

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