Toccata 06/2022

Damit endet mein Bericht vom diesjährigen Festival Alte Musik Utrecht. Mit dem Angebot konnte man zufrieden sein. Ich habe Vorbehalte bezüglich der Wahl des diesjährigen Themas und seiner Ausarbeitung geäussert, aber ich kann das allgemeine Niveau der Aufführungen, das sehr hoch war, nur loben. Wie jedes Jahr gab es die Gelegenheit, wenig bekannte Musik zu hören und ungewöhnliche Darbietungen kennenzulernen, zum Beispiel auf Instrumenten, die selten in Konzerten gespielt werden. Es bleibt zu hoffen, dass in den kommenden Jahren die Besucherzahlen das Niveau der Jahre vor der COVID-19-Pandemie erreichen werden. Die Tatsache, dass der grösste Teil des Publikums über 60 Jahre alt ist, ist etwas Besorgniserregendes. Wie man jüngere Menschen für Konzerte mit alter Musik gewinnen kann, muss diskutiert werden. Ehrlich gesagt habe ich keine Antwort auf diese Frage. Das Thema im nächsten Jahr wird "Neo" sein. Es ist nicht ganz klar, was das bedeutet und was uns erwartet. Ich bin sicher, das es interessant wird, wie jedes Festival. Johan van Veen Musikalisches Gipfeltreffen in der Schweiz Vom 14. bis 18. September 2022 luden die Schola Cantorum Basiliensis und die Deutsche Lautengesellschaft zu den Basel Lute Days ein. Fünf Tage lang standen die Laute und ihr umfangreiches Repertoire im Fokus des Interesses von Interpreten, Wissenschaftlern und Publi-kum. Zum Auftakt am Mittwoch widmete sich die Internationale Gesellschaft für Musikwissenschaft dem Thema „Tabulaturen in westlicher Musik“. An den folgenden beiden Tagen wurden während der zweiten International Conference on Lute Study in Higher Education verschiedene Aspekte der Hochschulausbildung junger Lautenisten und Lautenistinnen erörtert. Andrea Damiani, Paul O’Dette, Marc Lewon, Nigel North und viele weitere renommierte Experten hielten zu diesem komplexen Thema Vorträge, ehe am Freitagabend das Festival der Deutschen Lautengesellschaft mit einem ersten Galakonzert eröffnet wurde. Den Auftakt machte Andrea Damiani mit Raritäten römischer Lautenisten des späten 16. Jahrhunderts. Aus dem Lautenbuch des Orazio Albani trug er mit sensiblem, sicherem Gespür für eine transparente Stimmführung Werke von Lorenzino Tracetti und Vincenzo Pinti, genannt „Il Cavaliere del Liuto“, vor. Paul Beier sorgte mit Silvius Leopold Weiss’ Sonata Nr. 40 C-Dur für einen barocken Kontrast. Die große 13-chörige Barocklaute stehend spielend, interpretierte er das ca. 30minütige Werk unaufgeregt und kantabel, hinsichtlich des Tempos und der Dynamik aber leider auch sehr kontrastarm. Anders machte es nach der Pause Lynda Sayce, die ihr Kurzprogramm mit spielerischer Leichtigkeit, Charme und Swing präsentierte. Eine gehörige Portion Spielfreude zeichnete ihre Interpretationen von Tänzen und Grounds aus italienischen, französischen und englischen Quellen des 16. Jahrhunderts aus. Einen weiteren Höhe- und gleichzeitig den Schlusspunkt des Abends setzte Paul O’Dette, der sich gewohnt souverän und virtuos englischer Renaissancemusik von Heinrich VIII., Philipp van Wilder, Anthony de Countie und weiteren anonymen Meistern annahm. Das Publikum im voll besetzten Großen Saal der Schola Cantorum dankte den Interpreten mit langanhaltendem Applaus. Studierende, Profis und Amateure hatten an beiden Festivaltagen Gelegenheit, sich bei den berühmten Virtuosen ihres Instruments wertvolle Anregungen in den Meisterkursen zu holen. Eine Verkaufsausstellung für Lauten und Musikalien ergänzte das reichhaltige Festivalprogramm. Der Samstag stand darüber hinaus ganz im Zeichen wissenschaftlicher Vorträge. Dabei wurden auch Pioniere der historischen Aufführungspraxis wie Walter Gerwig (Sigrid Wirth) und Eugen Dombois (Anthony Bailes) gewürdigt. Anne Marie Dragosits stellte neueste Erkenntnisse zur Biografie Giovanni Girolamo Kapspergers vor. Anschließend entlockte Sigrun Richter in einem hörenswerten Gesprächskonzert einer von Nico van der Waals renovierten Laute zauberhafte Klänge von Vincenzo Galilei, Alfonso Ferrabosco, Kapsperger u.a. Aufgrund des dicht getakteten Programms blieb anschließend nur wenig Zeit, um vom Restaurator Näheres zu der von Joseph Hellmer 1601 in Füssen gebauten Laute zu erfahren. Denn schon folgte nach einer kurzen Pause der nächste, ebenso informative wie unterhaltsame Vortrag. Hopkinson Smith erörterte mit zahlreichen praktischen Kostproben Aspekte der Stimmung und Besaitung bei der Interpretation von Werken Francesco Spinacinos, die zu den frühesten gedruckten Lautenkompositionen zählen. Der Tag endete mit einem zweiten Galakonzert im wiederum voll besetzten Großen Saal. Vor weit über hundert Zuhörern gaben nun Jacob Heringman (Renaissancelaute), Catherine Liddell (Barocklaute), Nigel North (Renaissancelaute) und Elizabeth Kenny (Theorbe) ihre musikalische Visitenkarte ab. Heringman stellte Marien-Motetten von Josquin des Prez vor. Die Bearbeitungen (Intavolierungen) für die sechschörige Tenorlaute von „Ave Maria... virgo serena“ und „Ut Phoebi radiis“ hat Heringman im Stil des 16. Jahrhunderts selbst angefertigt, die dreiteilige Motette „Inviolata, integra es cast es“ entsprang der Feder von Hans Gerle (um 1500–1570). Alle drei Werke stellten in ihrer meditativen Gleichförmigkeit die Konzentration des Zuhörers durchaus auf die Probe. Gleiches gilt leider auch für die Auszüge aus Denis Gaultiers „La Rhétorique des Dieux“, die Catherine Liddell im Anschluss spielte. Die ameri-kanische Lautenistin fokussierte sich sehr auf die rhetorische Agogik dieser meisterhaften Miniaturen. Hingegen kam der tänzerische Charakter, der französischer Barockmusik besonders zu eigen ist, kaum zur Geltung. Tempovariationen und dynamische Kontraste, auch in diesem Stil wesentliche Momente, ließen sich nur erahnen. Nach der Pause bot Nigel North quasi eine Hitparade aus dem Renaissancerepertoire der Laute mit Hans Newsidlers Gutem Welschen Tanz, Francesco da Milanos Fantasia de mon triste, Alonso Mudarras Conde Claros, Luis de Narvaez Cancion del Emperador u.v.a. Mit einem Augenzwinkern auf die Alte Musik stellte er seinem Konzertbeitrag den Beatles-Klassiker „Yesterday“ voran, ehe er mit Newsidlers Arrangement des Liedes „Nach Willen dein“ (Paul Hofhaimer) das eigentliche Programm eröffnete. Mit weichem Ton, sensibler Gestaltung und einer bemerkenswerten Virtuosität, die der Interpret ganz in den Dienst der Musik stellte, zog Nigel North das Publikum vom ersten Ton an in seinen Bann. Das Finale gehörte Elizabeth Kenny und ihrer Theorbe. Im Anschluss an Alessandro Piccininis Toccata cromatica stellte sie dessen bekannten „Partite variate sopra la Folia aria Romanesca“ (1623) der atmosphärisch dicht komponierten „Berceuse with seven variations“ (2018) von Nico Muhly gegenüber. Mit einer spontan dargebotenen Zugabe – „Yesterday“ – bedankten sich Nigel North und Elizabeth Kenny für die Ovationen des Publikums. Am Sonntagmittag endete das Festival mit einem Gesprächskonzert des Casulana Lute Consorts. Unter dem Motto „à 4 Luths - Musik für Lautenconsort“ stellten die ebenso versierten wie sympathischen an der Schola ausgebildeten Lautenistinnen Renaissancemusik für Lautenensemble vor. Alice Letort, Emma-Lisa Roux, Cornelia Demmer und Talitha-Cumi Witmer spielten auf verschiedenen Instrumenten – von der Diskant- bis zur Basslaute, einschließlich einer Cister – Tanzmusik von Giovanni Pacoloni, Madrigale in Arrangements von Emanuel Adraienssen und Originalkompositionen für vier Lauten von Nicolas Vallet. Auch eine eigene Bearbeitung des Madrigals „Vagh’amorosi augelli“ von Madalena Casulana, der Namensgeberin des Quartetts, präsentierten die Musikerinnen in ihrem ebenso kurzweiligen wie informativen Programm, das von Cornelia Demmer moderiert wurde. Emma-Lisa Roux sang zudem das Air de Cour „Est-ce Mars“, das auch in einem Arrangement von Vallet erklang. Dieses gelungene Finale wird dem Publikum sicher noch lange als einer der Höhepunkte der Basel Lute Days in Erinnerung bleiben! Ingo Negwer FESTIVALBERICHTE TOCCATA - 122/2022 45 Peter Croton, Vorsitzender der Deutschen Lautengesellschaft, und das Casulana Lute Consort, v.l.n.r.: Alice Letort, Emma-Lisa Roux, Cornelia Demmer und Talitha-Cumi Witmer, Foto: Ingo Negwer

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